Playdates: Antreten zum Spielen! – Gesellschaft

Eltern sitzen in Meetings, Kinder gehen auf Playdates. Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, dass Kinder Termine zum Spielen zugeteilt bekommen wie Erwachsene Outlook-Einladungen vom Scrum-Master. Ich weiß auch nicht, wie viele solcher lockeren Nachmittage im Desaster geendet sind, weil sich Kind 1 und Kind 2 schlichtweg nicht verstehen, weil Mutter 1 und Vater 2 nach den Großlagen Schlaf/Kitakrise/„The White Lotus“ die Themen ausgehen und man sich um 16 Uhr bei dem Gedanken erwischt: noch zwei Stunden bis zum Abendessen. Ich weiß nur, dass mein Freund neulich angefangen hat, Playdates in unseren Familienkalender einzutragen, er tut dies mit der Leidenschaftlichkeit eines sehr lebensbejahenden Steuerfahnders: Sonntag zwölf Uhr – Antreten zum Schlittenfahren am Schliersee! Donnerstag 16 Uhr – Spielplatz! Unsere Tage, sie haben jedenfalls Struktur angenommen.

Dass es eigentlich ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen, muss ich hier keinem erzählen, der nicht in diesem imaginären Dorf wohnt, sondern in der Stadt, wo jede Familie in ihrem ganz eigenen Rhythmus aus Morgenkämpfen und Kitawegen existiert. Klar doch wäre es schön, wenn unsere vierjährige Tochter mal eben allein runter auf die Straße läuft, um mit ihrer Gang stundenlang durch Astrid-Lindgren-Landschaften zu streunern, um abends rotbäckig und glücklich ins Bett zu fallen. Wenn Eltern sich untereinander einfach abwechselten mit der Betreuung. Wenn Bullerbü wahr werden würde, ohne dass man seinen fest antrainierten Individualismus komplett an den Nagel hängen müsste.

Und so ist das Playdate, so spätkapitalistisch dieses Wort auch klingt, nichts anderes als der Versuch, Bullerbü zu leben, aber bitte nur ein paar Stunden am Tag. Ausgang: Jedes Mal aufs Neue völlig ungewiss, alte Freunde, beste Freunde, gar keine Freunde – die Rechnung wird in Anwesenheit der Kinder gemacht. Wer Pech hat, steht mit Menschen, die einen nicht verstehen und die man selbst nicht versteht, in einem eiskalten Wildtierpark und wünscht sich, die Kleinen würden nicht so wunderbar friedlich miteinander spielen. Wer Glück hat, lernt Freunde kennen, Leute, die einen nicht bewerten, nicht verurteilen, die es stoisch hinnehmen, dass die Kinder um Lappalien streiten, während die Erwachsenen sich gar nicht besser verstehen könnten. Ja, vielleicht gibt es Playdates, bei denen man Freunde fürs Leben findet.

Und wer weder Pech noch Glück hat, lernt halt einen ganz anderen Stadtteil kennen und besucht Menschen, die nie um einen Besuch gebeten haben. Wie mein Freund, der neulich eine Stunde durch die Stadt fuhr, um im Münchner Osten an einer Tür zu klingeln. Als diese aufging, warf meine Tochter sich auf den Boden und schrie: „Ich wollte zum kleinen Theo!“ Mein Freund war aber zum großen Theo gefahren, auf der Telefonliste der Kita gibt es mehrere. Ja, sie habe sich schon über die Nachricht meines Freundes gewundert, sagte die sehr liebenswerte Mutter, die Kinder hätten in der Kita ja nichts miteinander zu tun, sie habe aber auch nicht unhöflich sein wollen. Es soll, wie sagt man, ein echt netter Nachmittag gewesen sein.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.