Peter Voß: ZDF beachtet Abriss der „Brandmauer“ der Grünen zur AfD fast nicht


Der 21. Januar 2026 hat vielleicht das Zeug zu einem historischen Tag – nicht nur, weil Donald Trump in Davos Grönland quasi auf Eis legte, sondern auch, weil das EU-Parlament das Mercosur-Abkommen kippte; den Ausschlag gaben deutsche Grüne, die ebenso wie die Linke als notorisch unerbittliche Verfechter der Brandmauer mit der AfD gemeinsame Sache machten. Wer sich danach im ZDF an „heute“ oder am „heute journal“ orientierte, sah (und hörte) in dieser Hinsicht allerdings nicht besser, sondern tagelang weniger als anderswo, nämlich fast nichts.

„Andere“ hätten Bedenken gehabt. Wer waren die „anderen“?

Die Brüsseler ZDF-Korrespondentin wusste zu berichten, vor allem Abgeordnete aus Frankreich, Italien und Polen seien gegen das Abkommen gewesen, „andere“ hätten Bedenken wegen fehlender Rechtssicherheit gehabt. Wer mit wem abstimmte, war nicht der Rede wert; lediglich für die Proteste europäischer Bauern war einmal mehr im Hintergrundbericht Zeit. Nur Marietta Slomka merkte am 21. Januar gegenüber Lars Klingbeil an, da hätten ein paar Sozialdemokraten und „viele von rechts, aber auch die Grünen“ gegen Mercosur gestimmt. Im Bericht kam dazu dann nichts mehr.

Erst zwei Tage später griff „heute“ zwar das Thema auf, doch das Verhalten unserer EU-Abgeordneten und die öffentliche Diskussion darüber wurden erneut ausgespart. Im „heute journal“ wurde die Kritik von Kanzler Merz an den Grünen nachrichtlich zitiert; deren Zusammenspiel mit der AfD wurde nicht erwähnt. Dabei hatte unter anderem Cem Özdemir seine Parteifreunde im EU-Parlament dafür hart kritisiert. Der kam dann tatsächlich noch zu Wort, nämlich zu nachtschlafender Zeit: am 24. Januar um 0.20 Uhr im „heute journal update“. Außenminister Johann Wadephul, der sich im gleichen Sinne äußerte, schaffte es nicht in die ZDF-Nachrichten. Die „Ehrenrettung“ des Zweiten blieb am Sonntag „Berlin direkt“ überlassen. Immerhin: Die Berichterstattung war klar und deutlich, Andrea Maurer moderierte souverän und schenkte der Grünen Katharina Dröge nichts.

Genügt das, um die, sagen wir, Fahrlässigkeit der aktuellen Redaktionen zu kompensieren? Immerhin schien die Brandmauer im Streit um die richtige Strategie für die Verteidigung unserer Demokratie bisher von zentraler Bedeutung zu sein. Beim Zweiten durfte man daran zweifeln, als sich unversehens die Grünen auf der Sünderbank wiederfanden. Denn nach dem Mercosur-Debakel war dieser Punkt den Hauptnachrichten und dem täglichen Nachrichtenmagazin über fünf Tage hinweg keine fünf Sekunden wert. Das Wort „Brandmauer“ kam gar nicht erst vor.

Peter Voß war bis Ende April 2007 Intendant des Südwestrundfunks. Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Redaktionsleiter und Moderator des „heute journal“.