Perlmuttermuseum in Adorf im Vogtland

Perlmutter: das klingt nach Schmuckkästchen, Knöpfen, auch nach Großmutters Besteckschublade. Wenige Menschen wissen, dass dieses schimmernde Material zum Oberen Vogtland dazugehört wie der Wandertourismus und der Musikinstrumentenbau. Auch Architekt Ansgar Schulz hatte keinen blassen Schimmer von der einst florierenden Perlmutterindustrie in Adorf, bevor sein Leipziger Büro Schulz & Schulz an einem europäischen Architekturwettbewerb für das Erlebnismuseum Perlmutter in Adorf teilnahm, den es dann gewann. Das glänzende Material kannte er bis dato nur von Hemdknöpfen. Das passt in gewisser Weise, denn hemdsärmelig wirkt Schulz – wie fast alle, die an dem Projekt in dem 4600-Einwohner-Städtchen beteiligt waren und es in nur fünf Jahren zum Abschluss gebracht haben. Ende September 2025 hat das Erlebnismuseum seine Tore geöffnet.

Nicht nur die Ausstellung über Flussperlmuscheln, Perlenfischerei und Perlmutterkunst lohnt den Besuch. Auch die architektonische Gestaltung des Museumsbaus ist darauf angelegt, Besucher anzuziehen. Wer von der Innenstadt mit ihren pittoresken Fachwerkhäusern kommt und durch das letzte erhaltene Stadttor aus dem Jahr 1778 tritt, dem springt die große Betonschale des neuen Museums förmlich ins Auge.

Es sei eine Herausforderung gewesen, berichtet Schulz, die Besucherströme in das Museum jenseits der Stadtmauer zu lenken. Deshalb lehnt sich das Gebäude den Besuchern entgegen und kippt in Richtung Straße. „Es winkt ein bisschen“, sagt der Architekt und schmunzelt. Die Realisierung der doppelt gekrümmten sogenannten Hyparschale war eine handwerkliche Herausforderung. Nur noch wenige Baufirmen in Deutschland beherrschen diese Technik. Aber im nahe gelegenen Lengenfeld fand sich ein Unternehmen, das die Vorstellungen der Architekten verwirklichen konnte.

Kontrast zwischen schroff und fein

Trotz seiner markanten Präsenz macht der Betonbau nur ein Fünftel des gesamten Museums aus, das 1955 als Heimatmuseum entstand und in den Neunzigerjahren um eine Perlmutter-Sammlung erweitert wurde. Rechts wird er vom Stadttor, links von einem Fachwerkbau flankiert. Eine Bedingung für den Museumsneubau war von Anfang an klar: Die historische Stadtmauer musste erhalten werden. Ein Stück von ihr wurde deshalb im Eingangsbereich freigelegt und so in den Museumsbau integriert. Das Herzstück des Museums bildet ein heller Patio in strahlendem Weiß, in den Tageslicht einströmt und der bei Bedarf mit künstlichem Licht illuminiert werden kann. Er verbindet den Alt- mit dem Neubau und erschließt die drei Ausstellungsebenen.

Hier empfängt Museumsleiter Steffen Dietz die Besucher, führt sie in die Geschichte der Perlmutterindustrie ein und beantwortet gleich zu Beginn eine Frage, die fast alle Besucher umtreibt: Warum heißt es im Namen des Museums Perlmutter und nicht Perlmutt? „Die Flussperlmuschel ist nun einmal die Mutter der Perle“, erklärt Dietz. Andere Sprachen seien da konsequenter: Mother of Pearl heißt es im Englischen, madreperla im Italienischen.

Mit den Kontrasten zwischen alt und neu, schroff und fein, wuchtig und filigran konnte sich nicht jeder Adorfer sofort anfreunden, als der Siegerentwurf gekürt war. Manche hätten sich einen Neubau im vertrauten Fachwerkstil gewünscht, erzählt Museumsleiter Dietz. Doch die graue Betonschale ist heute das Highlight des Museums. Einer rauen Muschelschale ähnlich schützt die Betonfassade die wertvollen Exponate im Inneren.

Blick in einer der Ausstellungsräume des Erlebnismuseums Perlmutter
Blick in einer der Ausstellungsräume des Erlebnismuseums PerlmutterImago

Die Assoziation mit einer Muschelschale war von Architekt Schulz intendiert. Während des Wettbewerbs sei er allein nach Adorf gefahren, erzählt er, um die Baulücke und die historischen Gebäude auf sich wirken zu lassen. „An diesem Tag hat es wunderbar geregnet“, erzählt er. „Da wusste ich: Das ist es! Ebenso wie die Muschel in einem Fluss- oder Bachbett liegt, muss auch die Schale des Hauses von Wasser bedeckt sein.“ Alle halbe Stunde rinnt deshalb Wasser die Fassade herunter und sammelt sich in einem kleinen Brunnen links neben dem Eingang, von wo sie wieder nach oben gepumpt wird. Ein geschlossener Kreislauf, der Natur nachempfunden. Wenn die Sonne auf die wasserbenetzte Oberfläche fällt, schimmert sie wie Perlmutter und ist ein beliebtes Fotomotiv für Touristen.

Aber das Museum soll nicht allein durch seine Formensprache an eine Muschel erinnern. Museumsdirektor Steffen Dietz geht noch einen Schritt weiter: „Bestenfalls fühlt sich der Museumsbesucher selbst wie eine kleine Muschel“, sagt er im oberen Stockwerk des historischen Altbaus. Hier taucht der Besucher in die immersive Ausstellung ein: Die Wände und die Decke des Raums werden von einer bewegten Wasserinstallation in ein sanftes Blau gehüllt, es gluckert und plätschert.

Große Resonanz unter den Einheimischen

Durch Videofilme, Audiospuren und interaktive Touchscreens erfährt man mehr über den Lebensraum der Flussperlmuschel und dessen Gefährdung durch Klimawandel, Wasserverschmutzung und invasive Tierarten. Um die vom Aussterben bedrohte Flussperlmuschel wieder in der Region anzusiedeln, beteiligt sich das Museum selbst an Renaturierungsprojekten. Denn die Muschel, äußerlich unscheinbar, sei ein außergewöhnliches Tier, das es zu erhalten gelte, sagt Dietz und schlägt dann einen großen Bogen: „Das lässt sich letztlich auf die gesamte Menschheit übertragen. Denn auch unscheinbare Menschen sind oft etwas ganz Besonderes.“

Bei den Menschen in Adorf kommen diese Botschaft und das neue Museum gut an. Seit der Eröffnung bieten viele Bürger dem Museum weitere Objekte an: Besteck, Schmuck und Alltagsgegenstände, die lange Zeit vergessen in der Schublade lagen. Aber der Platz reiche nicht aus, um alle Stücke zu zeigen, sagt Dietz. Er plane deshalb schon Sonderausstellungen, etwa über Perlmutterbesteck und Esskultur im oberen Vogtland.

Auf dem Marktplatz berichtet ein älteres Ehepaar von seinen Eindrücken. Natürlich seien sie schon dort gewesen. Und es habe ihnen ganz phantastisch gefallen. Auch die Kinder der nahe gelegenen Grundschule zeigen sich begeistert. Ein Mädchen schwärmt von einem Spiel, bei dem sie virtuelle Muschelperlen suchen musste. In der Natur ist nur etwa jede zweitausendste Muschel mit einer Perle bestückt, auf dem Bildschirm immerhin jede dritte. Und die Fassade? „Cool“, finden die Kinder. Vor allem der Brunnen, in dem man so schön planschen könne.

Ein Haus, das winkt: Den zwischen zwei Fachwerkhäuser eingezwängten Neubau des Museums kann man nicht übersehen. Er wirkt weiter über die Region hinaus als Anziehungspunkt.
Ein Haus, das winkt: Den zwischen zwei Fachwerkhäuser eingezwängten Neubau des Museums kann man nicht übersehen. Er wirkt weiter über die Region hinaus als Anziehungspunkt.Imago

Für Architekt Schulz muss ein Museum zwar in erster Linie als Ausstellungsort funktionieren, es soll aber auch ein Ort der Begegnung sein. Gerade für eine ostdeutsche Kleinstadt im ländlichen Raum sei das entscheidend. Denn hier komme die Öffentlichkeit zusammen. Das Wort „Leuchtturm“ nehmen viele Gesprächspartner in den Mund, wenn sie vom neuen Museumsbau in Adorf sprechen. Es ist ein Projekt, von dem sie sich Impulse für die Entwicklung der Region erhoffen.

Nicht nur die Nähe zu Tschechien und der Ausbau von Wander- und Radwegen macht das obere Vogtland touristisch immer interessanter. Mit der Kurstadt Bad Elster und dem Nachbarort Markneukirchen, einem historischen Zentrum des Musikinstrumentenbaus, gebe es in unmittelbarer Umgebung zwei weitere attraktive Ausflugsziele, sagt Hermann Ruderisch. Er ist Vorsitzender des Fördervereins Perlmuttermuseum Adorf und war maßgeblich daran beteiligt, den Dialog zwischen Museumsmitarbeitern, Politikern, Architekten und der Adorfer Bevölkerung zu pflegen.

Rund fünf Millionen Euro hat der Neubau gekostet, finanziert überwiegend durch Landes- und Bundesmittel, darunter das Programm Nationale Projekte des Städtebaus. Eine beträchtliche Summe für eine kleine Stadt. Für Architekt Schulz hingegen ist das Gebäude „für verschwindend geringes Geld“ entstanden, was an der engen Zusammenarbeit von Stadt, Architekten, Bauunternehmen und Bevölkerung gelegen habe.

Tourismus und Einzelhandel profitieren

Bürgermeister Rico Schmidt sieht schon erste Effekte. Lange sei Adorf trotz seiner Lage zwischen zwei Bundesstraßen übersehen worden. Inzwischen aber gebe es einige Gründe, um von der B 92 abzubiegen. Unter Beteiligung der Technischen Universität Dresden ist ein dezentrales Museum in Planung, das Infos über die Perlmutterindustrie auch außerhalb des Museumsbaus digital erlebbar machen soll.

Auch der Einzelhandel entdeckt das Potential des Themas: Der Blumenladen habe sich schon ein Gesteck mit Perlmutteroptik überlegt, der Metzger plane eine Perlmuttersülze und beim Bäcker soll es künftig Perlmuttergebäck geben, berichtet Schmidt. Mit der Unterstützung eines privaten Vereins werde zudem das Haus der Orgelbauerfamilie Trampeli renoviert, deren Instrumente überregional bekannt sind. Auch hiervon erhoffe man sich neue Besucher in Adorf.

Bei einer Rundfahrt durch die Umgebung wird deutlich, wie stark der zeitgenössische architektonische Akzent ist, den der Neubau des Perlmuttermuseums hier setzt. Seit Ende des Dreißigjährigen Kriegs werden im oberen Vogtland, im sogenannten Musikerwinkel, Musikinstrumente hergestellt, die der Region zu Renommee und Wohlstand verhalfen. Herrschaftliche Häuser im Stil des Neobarocks und Jugendstils prägen die Region: Etwa das König Albert Theater in Bad Elster, errichtet während der kurstädtischen Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Oder die Unternehmervilla Merz im benachbarten Markneukirchen. Einst Wohnhaus für wohlhabende Musikinstrumentenhändler, befinden sich darin heute Räumlichkeiten des Studiengangs Musikinstrumentenbau der Hochschule Zwickau.

Neben den pompösen Gründerzeithäusern, den mittelalterlichen Fachwerkhäuschen und den historistischen Wohnbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert setzt die Betonschale des Erlebnismuseums einen Kontrapunkt. Aus Chemnitz, Zwickau, Dresden und Leipzig, aber auch aus Hamburg und sogar Israel haben sich Besucher im Gästebuch eingetragen, das im Patio ausliegt. Von einem „Kleinod“ und einer „gelungenen Verknüpfung von alt und neu“ ist die Rede. „Wir brauchen diese Einzigartigkeit“, sagt Bürgermeister Schmidt. Für ein Standardmuseum über Perlmutter komme niemand ins kleine Adorf. „Mit solch einer außergewöhnlichen Architektur können wir punkten.“

Wer genau hinschaut, entdeckt auf der befeuchteten Betonschale erste Spuren von Moos. Für Museumsleiter Dietz ist das kein Makel. Im Gegenteil: Die organische Patina erzähle von dem Zusammenwirken von Natur und Kultur, von Umwelt und Architektur. Wie die Flussperlmuschel im Bachlauf ist auch dieses Haus Veränderungen ausgesetzt. Durch das Zusammenspiel von Licht, Beton und Wasser reagiert es auf seine Umgebung, ist Planschbecken für Kinder, Anziehungspunkt für Touristen und Leuchtturm für das obere Vogtland.