Paul-Cezanne-Ausstellung in Basel: Bis die Konturen der Leiber mit der Böschung verschmelzen

Es gibt gute Gründe, bei Ausstellungen die sinnliche Wahrnehmung in den Vordergrund zu stellen. Zumal wenn es um Malerei geht, die sich durch die Farben, den Farbauftrag und die Komposition mitteilt. Paul Cezanne malte für seine Zeit ungewöhnliche Bilder und musste lange hinnehmen, dass er nicht verstanden wurde. Ob das heute anders ist, lässt sich gar nicht so einfach beantworten.

Die 80 Porträts, Landschaften und Stillleben, die aktuell in der Fondation Beyeler ausgestellt sind, strahlen zweifellos Intensität und Energie aus. Worin aber liegt ihr Weltruhm begründet, und reicht es aus, Picasso zu zitieren, dass Cezanne der Vater der Moderne gewesen sei?

Die Bedingungen für eine solche Ausstellung sind in dem von Renzo Piano gebauten Museum in Riehen im Kanton Basel ideal. Lichte Räume, teilweise mit Tageslicht, modernes Ambiente, eingebettet in einen Park. Informationen zu einzelnen Bildern sind im handlichen Besucherheft zu finden, alles wird getan, um der Malerei einen optimalen Auftritt zu ermöglichen.

Unbelastet von zu viel Input wandert das Auge über aus Farbflecken gebaute Landschaften, über die Felsen von L’Estaque bei Marseille oder die Montagne Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence mit dem Sandsteinbruch Bibémus. Orte, die Cezanne regelmäßig als Motiv dienten. Das Auge registriert eine Fülle von fein orchestrierten Farbabstufungen, die nicht nur vom Licht, sondern auch vom Geruch und von der Temperatur eines bestimmten Tages erzählen.

Im Gegensatz zu seinen Freunden, den Impressionisten, strahlen Cezannes Bilder eine tiefe Ruhe aus, die in der Statik seiner Motive und der formalen Ausgewogenheit der Bildelemente begründet liegt.

Die Salonmalerei widerte ihn an

Körper und Umgebung verschwimmen ineinander in Paul Cezannes „Baigneuses“, um 1895, Öl auf Leinwand



Foto:
Anders Sune Berg, Ordrupgaard, Kopenhagen

Cezanne hatte nicht umsonst jahrelang im Louvre die Alten Meister kopiert. Die glatte Leblosigkeit der Salonmalerei seiner Zeit, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hingegen widerte ihn an. Seit den späten 1870er Jahren trainierte er einen eigenen Zugriff auf die Malerei, was am Motiv der „Badenden“ nachzuvollziehen ist.

Die Bilder zeigen Menschen am Fluss, nackt, unbefangen, entspannt. Cezanne variiert die Posen, die Bildausschnitte, das Format, die Art des Farbauftrags – bis die Konturen der Leiber mit den Stämmen und Ästen der Uferböschung verschmelzen. Grob zusammengefasst: Er versetzte die Menschen in den Urzustand und damit auch die Malerei, befreite sie vom Zwang zur Zentralperspektive und zur anatomisch korrekten Darstellung.

Zu seinen bekanntesten Motiven gehört der Montagne Sainte-Victoire, der Hausberg von Aix-en-Provence, wo der Maler geboren wurde, und wo er mit Unterbrechungen lebte. Der Berg diente ihm mehr als dreißigmal als Motiv. Darunter sind auch „unvollendete“ Landschaftsbilder und Aquarelle, in denen er das Weiß des Bildträgers integrierte.

Programmatisch für seine gattungsunterwandernde Malerei: Paul Cezanne, Selbstbildnis mit Palette, um 1890



Foto:
Sammlung Emil Bührle/Kunsthaus Zürich

Das Prinzip des Non-finito, des Unvollendeten, ist eine Art Wiedergänger der Kunstgeschichte. Das Werk als Fragment, etwa die „Sklaven“ von Michelangelo, symbolisierte damals die Möglichkeit des Werdens. Cezanne hingegen erzeugte eine unmittelbare Wirkung: „Ich glaube nicht, dass der Begriff ‚unvollendet‘ bei diesen Bildern richtig ist“, sagt Kurator Ulf Küster. „Es sind offene Bilder, offen für die Imagination der Betrachtenden.“

Der missmutig dreinschauende Provenzale

Es steckt allerdings eine Menge Kunstgeschichte in den Bildern des meist missmutig aus seinen Selbstporträts schauenden Provenzalen, der seinen Nachnamen übrigens selbst stets ohne Accent aigu geschrieben hat. Als programmatisch muss sein Selbstporträt aus dem Jahr 1890 aufgefasst werden.

In dem stellt der Maler seine rechteckige Palette nach unten geklappt dar, sodass sie wie ein Bild im Bild erscheint. Darauf sind die viel zitierten Farbtupfer zu erkennen, mit denen er seine Bilder in einem langwierigen Prozess baut.

In Cezannes Stillleben sind das Obst und die Tischtücher zu Bergen aufgetürmt, mehrdeutig ist auch der Hintergrund in den Selbstbildnissen

Nicht zufällig ist der Hintergrund dieses Porträts rätselhaft: Türkis-rosa Farbfelder kommen zum Vorschein, die an eine Landschaft im Dunst der Morgendämmerung erinnern. Es könnte sich aber auch um ein Interieur handeln, um Lichtspiele auf einer gekalkten Wand.

Hat man solche Uneindeutigkeiten einmal entdeckt, kommen Zweifel auf, ob die Übersicht versprechende Anordnung der Bilder nach Gattung und Motiv der Rezeption des enormen Werks nicht hinderlich ist: Das von dem Cezanne-Experten John Rewald begründete, online zugängliche Verzeichnis listet über 3.000 Arbeiten. So führte die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2017 in der Ausstellung „Cézanne. Metamorphosen“ den Nachweis, dass der Maler die Einteilung der Malerei in Gattungen systematisch unterlief.

Die Ausstellung

Cezanne, Fondation Beyeler, Riehen (Schweiz). Bis 25. Mai. Katalog (Hatje Cantz): 58 Euro

In seinen Stillleben sind das Obst und die Tischtücher zu Bergen aufgetürmt. Der Hintergrund ist wie im erwähnten Selbstbildnis mehrdeutig. In den Porträts des Gärtners Vallier, von denen es sehr schöne Varianten in Riehen zu sehen gibt, verschmelzen Figur und Garten.

Das Klischee des Genius der Moderne

Die Schau endet mit einem Kurzfilm über Cezanne von Gegenwartskünstler Albert Oehlen. Er ist gespickt mit ins Spirituelle tendierenden Passagen, die das Einssein des Malers mit der Natur und der Malerei feiern. Die Zitate gehen auf ein Buch von Joachim Gasquet zurück. Der war Cezanne noch persönlich begegnet.

Inwieweit sie authentisch sind, darüber wird gestritten. Um die Feier des Klischees des Genius der Moderne perfekt zu machen, mischt sich die personifizierte Farbe selbst ein, verkörpert von der US-Schauspielerin Nicole Galicia. Sie schreitet unterhalb der Montagne Sainte-Victoire durch ein Feld, wühlt mit den Händen in rotem Ocker eines Felsens und watet durch einen Bach: eine männliche Projektion, die bestenfalls die Gier nach einem kühlen Gedanken triggert.