Partystimmung kehrt zurückRüstungsbranche hilft der deutschen Börse wieder auf die Beine
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Die Deutsche Börse schien lange nicht mehr gefragt. Nach Jahren der Zurückhaltung spielen nun auffallend viele Unternehmen wieder mit dem Gedanken, ihre Aktien hierzulande an den Markt zu bringen. Die Rüstungsbranche legt Parade-Debüts vor, doch nicht alle Kandidaten sind Selbstläufer.
Wenn ein Unternehmen in Frankfurt an die Börse geht, kommt richtig Stimmung auf. Eine Spur Euphorie liegt dann in der Luft, wie damals, als sich die Händler auf dem Parkett noch gegenseitig die Orderzettel aus den Händen rissen.
Genau dieser Trubel war zuletzt allerdings Mangelware. In den vergangenen vier Jahren haben sich nach Zahlen der Beratungsfirma Kirchhoff Consult im Schnitt lediglich drei Unternehmen an die Börse getraut. Doch die Flaute könnte bald vorüber sein: Die Unternehmensberatung EY prognostiziert für 2026 bis zu zehn solcher Initial Public Offerings, kurz IPOs, in Deutschland.
Weniger optimistisch gibt sich Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management im Gespräch mit ntv.de. Er erwartet „angesichts der geopolitischen Gefährdungslage kein gutes Börsenjahr“. Die Rüstungsindustrie habe allerdings Sonderkonjunktur, erklärt der Spezialist für Kapitalmarktrecht.
Das hat Thyssenkrupps Marinetochter TKMS schon im Oktober 2025 mit einem rasanten Börsenstart bewiesen. Bereits zum Schluss des ersten Handelstages war die Aktie um 40 Prozent gestiegen, inzwischen steht das Unternehmen im MDAX und hat in nicht einmal einem halben Jahr weitere zehn Prozent zugelegt. Das schindet Eindruck am Markt.
Der Fall TKMS dürfte auch der Deutschen Börse gelegen kommen, denn sie sei auf ihren Ruf als attraktiver Anlagestandort angewiesen, sagt Schalast. „Börsengänge sind nun mal das Salz in der Suppe.“ Denn Zweck der Börse sei es, dass sich Unternehmen effizient mit Kapital versorgen können. Jeder neue Kunde bringt neue Transaktionen, Provisionen, Gebühren und neues Geld.
Rüstung regiert den Börsen-Flurfunk
Seit geraumer Zeit werden mehrere weitere Unternehmen aus dem Rüstungssektor als mögliche Kandidaten für einen Börsengang gehandelt. Offiziell bestätigt sind nur die wenigsten. Das Startup Helsing hatte die Spekulationen sogar als „komplett unzutreffend“ zurückgewiesen. Kurz zuvor hatte der Entwickler von KI-basierter Drohnentechnologie 600 Millionen Euro von Risikokapitalgebern eingesammelt und ist dadurch zum wertvollsten deutschen Startup aufgestiegen – mit einer Bewertung von etwa 12 Milliarden Euro.
Handfester erscheinen die Pläne des aktuell zweitwertvollsten Rüstungs-Startups. Quantum Systems baut ebenfalls militärische Überwachungsdrohnen und wird mit rund drei Milliarden Euro bewertet. Laut Manager Magazin bereite sich das Unternehmen in Frankfurt auf einen „Mega-Börsengang“ vor. Mit dem Schritt aufs Parkett im Jahr 2027 halten Investoren eine Marktkapitalisierung von zehn Milliarden Euro für realistisch.
Ein echtes Schwergewicht steht auch schon in den Startlöchern. Die deutsch-französische Fusion KNDS baut den Leopard 2 – einen der begehrtesten Kampfpanzer der Welt. Bereits Ende 2024 verbuchte KNDS 23,5 Milliarden Euro an offenen Bestellungen. Geplant ist die Doppelnotierung in Paris und Frankfurt noch in diesem Jahr.
Einer muss den Anfang machen
Die Gabler Group hat den Schritt aufs Parkett bereits hinter sich. In mehr als 60 Jahren Unternehmensgeschichte haben sich die Hanseaten nach eigenen Angaben zum Weltmarktführer für U-Boot-Überwachungssysteme entwickelt. Am 9. März schien das Timing für das Börsendebüt endlich zu stimmen, obwohl sämtliche Märkte im Krisenmodus verharren. Im Zuge eines Ölpreis-Anstiegs auf fast 120 US-Dollar war der deutsche Leitindex am Morgen zeitweise unter die Marke von 23.000 Punkten auf ein Zehnmonatstief gesackt.
Unter normalen Umständen ist ein IPO zu diesem Zeitpunkt unüblich. Doch mit mehr als drei Millionen neuen Aktien erwartet den Rüstungsbauer Gabler eine kräftige Finanzspritze. „Wir leben in einer volatilen Zeit, aber Defense funktioniert einfach verlässlich“, erklärt Kapitalmarktexperte Schalast. „Der Krieg ist zurück und damit hat der Rüstungssektor Sonderkonjunktur. Kein anderes Unternehmen hätte seinen Börsengang an so einem Tag durchgezogen. Gegen einen fallenden Markt macht man in der Regel keinen Börsengang, dann verschiebt man ihn besser.“
Doch die Gabler Group sollte Recht behalten. Der 9. März war ein erfolgreicher Tag – inklusive Feuerwerk auf den Monitoren und Beifall auf dem Parkett. Mit dem Schritt an die Börse wolle man alles auf Entwicklung setzen und die Innovationen in der Pipeline noch schneller fertig bekommen, um sie frühestmöglich auf den Markt zu bringen, so Geschäftsführer David Schirm.
Inklusive Gabler sind inzwischen sechs Rüstungsunternehmen an der Deutschen Börse notiert – und mit Vincorion wird das siebte voraussichtlich schon in der kommenden Woche folgen. Der Elektro-Zulieferer versorgt unter anderem Rheinmetall mit Kleinteilen für seine Panzer. Auch Vincorion hat es offenbar eilig. Das IPO sollte ursprünglich vor Ostern über die Bühne gehen.
Die Eile zeigt exemplarisch: Geduld ist in der Rüstungsindustrie aktuell ein Fremdwort. Laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri sind die globalen Waffenlieferungen im Vergleich der vergangenen beiden Fünfjahreszeiträume um 9,2 Prozent gestiegen. Deutschland ist inzwischen viertgrößter Waffenexporteur der Welt und schaut damit ausnahmsweise mal wieder auf China, derzeit auf Platz fünf, herab.
Allein der Aktienkurs von Rheinmetall hat sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine versechzehnfacht. Die Welle lädt zum Mitreiten ein. „Vor fünf Jahren hätten viele Investoren und Fonds den Rüstungsbereich ausgeklammert“, sagt Schalast. „Das verschiebt sich im Augenblick, denn Defence wird inzwischen ganz anders bewertet. Die Römer würden sagen: Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg.“
Kehrtwende dürfte vorerst ausbleiben
Das Konzept Frieden durch Stärke verschafft Rüstungs-Unternehmen einen Freifahrtschein an den Börsen. Die Frage nach dem richtigen „Window of Opportunity“, dem richtigen Zeitpunkt für das Börsendebüt, stelle sich für Firmen wie die Gabler Group überhaupt nicht, sagt Schalast. Unternehmen außerhalb der Rüstungsbranche müssen allerdings genauer hinschauen. Im aktuellen Marktumfeld könnten die potenziellen Debütanten laut dem Kapitalmarktspezialisten auch im Handumdrehen einen Rückzieher machen.
Handfeste Pläne gibt es immerhin bei Thyssenkrupp-Tochter und Fahrstuhl- und Rollentreppenspezialist TK Elevator. Die federführenden Investmentbanken sind bereits für die zweite Jahreshälfte beauftragt. Potenziell steht damit einer der größten Börsengänge in Europa seit Jahren an – und die Hoffnung auf ein Comeback der Deutschen Börse. Gerüchten zufolge strebt auch der österreichische Fintech-Anbieter Bitpanda einen Gang aufs Parkett an.
Doch derartige Ankündigungen sind in Frankfurt mit Vorsicht zu genießen. Im Juli waren binnen einer Woche etwa gleich zwei IPOs geplatzt, darunter der Münchner Medizintechnik-Anbieter Brainlab. Dessen Börsengang hätte der größte des Jahres werden sollen.
Während Frankfurt mit Rückschlägen kämpft, herrscht global Aufbruchsstimmung. Weltweit zählte EY im Jahr 2025 ganze 1259 IPOs mit einem Volumen von gut 163 Milliarden US-Dollar, fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Besonders rasant wachsen die Märkte in China und den USA. Die Deutsche Börse kam nur knapp über eine Milliarde Euro – und damit auf das zweitschwächste Platzierungsvolumen der vergangenen zehn Jahre. Allein 800 Millionen Euro stammen aus dem Vorzeige-IPO von Prothesenhersteller Ottobock.
Diese magere Bilanz gepaart mit einem volatilen Markt schürt Zweifel an der Hoffnung auf bis zu zehn Börsengänge im Jahr 2026. „Das Umfeld ist und bleibt schwierig, weil es von Unklarheiten und Unsicherheiten geprägt ist“, so Schalast. Ausnahme: In Krisenjahren geht Rüstung immer.
