Bei den Lesern der F.A.Z. wurde der Politikwissenschaftler Franz Walter vor vierzig Jahren als Fachmann für „linke Nonkonformisten“ eingeführt. Der Rezensent der Buchfassung von Walters Göttinger Doktorarbeit mit dem Titel „Nationale Romantik und revolutionärer Mythos – Politik und Lebensweisen im frühen Weimarer Jungsozialismus“ zeigte sich bei allem Lob davon irritiert, dass der Zugriff des Verfassers selbst nonkonformistische Züge hatte: Walter gehe „recht eigenwillige stilistische Wege“ und scheue sich nicht, „dem Leser nonchalante Wechselbäder von schlichter Milieuschilderung und anspruchsvoller Theorie-Erörterung zuzumuten“.
Dem Rat zum „Verzicht auf derartige Überspitzungen“ folgte Walter nicht – und deshalb wurde er zum Erfolgsautor, der die Parteienforschung geradezu zu einer Personenmarke machte, immer allerdings gekoppelt an seine Göttinger Alma Mater, deren Institut für Demokratieforschung Walter 2010 gründete. Seine Gabe ist die Zuspitzung, die pointierte Zusammenfassung von Milieubeobachtungen, und weil die Parteien, ihrer Apparat- und Tankerhaftigkeit zum Trotz, in einer volatilen Welt agieren, wo böse Überraschungen Alltag sind, ist die ebenso entschieden wie vorläufig auf den Punkt gebrachte Darstellung der Sache angemessen.
Dass Angela Merkel zur Nachfolgerin Helmut Kohls gewählt wurde, erklärte Walter in der F.A.Z. damit, dass sie im Habitus gerade keinen radikalen Bruch versprach: „Angela Merkel jedenfalls mag die alte bundesrepublikanische Gesellschaft. Diese Gesellschaft war ihr Hoffnung in den tristen Zeiten der DDR, und sie ermöglichte ihr den erstaunlichen Aufstieg nach der Wiedervereinigung. Kohl und Merkel stehen beide im milden Einklang mit dieser Gesellschaft, wollen keine fundamentalen Veränderungen.“ Merkels Konkurrenten wie Roland Koch und Friedrich Merz kultivierten dagegen nach Walters lebensstilpsychologischer Vermutung radikalreformerische Posen, weil sie als junge Männer an der Uni „regelmäßig ausgebuht und niedergebrüllt“ worden seien.
Es geht um die Kur des Systems
Auch der Parteienforscher kennt Niederlagen: Kein Treffer war Walters Prognose, Merz werde mit den „Patronagemöglichkeiten“ des Fraktionsvorsitzenden Merkels Griff nach der Kanzlerkandidatur vereiteln. Die Zumutung nonchalanter Wechselbäder ist die Walter-Erfahrung von Lesern geblieben, die seine Bücher nicht als Unbeteiligte studieren, sondern als Mitglieder und Anhänger von Parteien, wie der Autor selbst seit dem Willy-Wiederwahljahr 1972, in dem er sechzehn Jahre alt wurde, Mitglied der SPD ist.
Wo es andere kritische Analytiker des Parteiensystems unter die Gründer der AfD verschlug, da ging es Walter stets um die Kur des Systems, wenn er den Funktionären unter seinen Genossen nahelegte, im Stolz über ihren sozialen Aufstieg die Nachrücker nicht zu vergessen, oder wenn er mit seinem Göttinger Kollegen Peter Lösche der FDP schon 1996, zwei Jahre vor Christian Lindners Abitur, bescheinigte, ein Opfer der von ihr forcierten Individualisierung geworden zu sein: „Sie hat der FDP die Resistenz- und Beharrungskräfte genommen, ihr die Korsettstangen weggezogen, die in den großen Mitgliederparteien auch in Krisenzeiten noch stabilisierend wirken. Die FDP hat keinen schützenden Panzer, nicht die Schutzschilder der Weltanschauungen, der Organisation, der Tradition, der Milieus und Mitglieder, der fest verwurzelten Rituale und Konventionen.“

An Walters Doktorarbeitsthema fällt im Rückblick ein Gegenwartsinteresse ins Auge, lebenszeitgeschichtliche Neugier, die einen Umweg einschlug – den Weg der Wissenschaft: Walter schilderte den SPD-Nachwuchs der Weimarer Zeit als Pendant zu den neuen sozialen Bewegungen, die sich in den Siebzigerjahren in Konkurrenz zu den Jusos entwickelten. Es ging um die Ablösung traditioneller Milieus durch Lebenswelten, die von der berufsmäßigen Politik und ihrer akademischen Überformung selbst hervorgebracht werden. Die ironische Perspektive auf solche Vorgänge machte Walter zum begehrten Lieferanten von Zeitungstexten. Nicht nur in der F.A.Z. füllte er über Jahre ganze Seiten zu zeitlos aktuellen Fragen à la „Wie führt man eigentlich die SPD?“. In einem wunderschönen Porträt, das Walters milieusoziologische Methode auf ihn anwandte, notierte Adam Soboczynski 2005 in der „Zeit“, Walter schreibe „häufiger als mancher Vollzeitredakteur“.
Aus Rücksicht auf seine Gesundheit musste Walter leider diese Chronistik einstellen und 2017 seinen Lehrstuhl aufgeben. Aber er schreibt ein neues Buch, nach Geschichten von SPD, FDP, CDU, Grünen und Linkspartei nun etwas ganz anderes: die Biographie des F.A.Z.-Herausgebers Joachim Fest, der alles verachtete, was nach Milieu und Milieutheorie roch, und der seine Karriere in Organisationen machte, die nicht wie Parteien nach den Grundsätzen egalitärer Offenheit aufgebaut sind. Wir warten gespannt und gratulieren Franz Walter zum heutigen siebzigsten Geburtstag.
