Es gibt Verbindungen, die nur Geschwister miteinander teilen. Durch das gemeinsame Erwachsenwerden, das Überwinden von Höhen und Tiefen, das Durch-dick-und-dünn-Gehen mit jemandem, den man sein ganzes Leben lang kennt. Und manchmal bedeutet diese besondere Bindung auch, das Augenlicht mit jemandem zu teilen. Denn wenn Theo Bold auf den Skiern über die schneebedeckte Strecke rast, kann er die Anstiege einige hundert Meter vor sich nicht sehen. Oder die Bäume seitlich von ihm rechtzeitig erkennen.
Theo Bold, 19 Jahre alt, besitzt aufgrund einer angeborenen Erkrankung lediglich zehn Prozent Sehkraft. Dass er dennoch zu den besten Para-Skilangläufern Deutschlands gehört und ab Montag erstmals bei den Paralympics in Italien in der Startklasse NS3 antreten wird, hat er seinem Durchsetzungsvermögen, seinem Wagemut und der ganz besonderen Verbindung zu seinem zwei Jahre älteren Bruder Jakob zu verdanken. Der lotst ihn als Guide mit Anweisungen durch die Rennen.
„Er ist sozusagen mein verlängertes Auge nach vorne“, sagt Bold. „Er kennt mich ja auch seit der Geburt, und das ist ein großer Vorteil, den wir gegenüber anderen haben. Mein Bruder kann das so gut einschätzen und weiß, was ich sehe und was nicht. Das tut einfach gut, dass man sich darauf verlassen kann. Er sagt an, und ich versuche sie so gut wie möglich dann auch zu befolgen.“
Mit den richtigen Kommandos zum richtigen Zeitpunkt navigiert Jakob Bold seinen jüngeren Bruder Theo um scharfe Kurven oder durch steile Anstiege, warnt vor Hindernissen. Ein präzise aufeinander abgestimmtes Teamwork, geformt durch die gemeinsame Kindheit, geschärft durch die Leidenschaft zum Wintersport. „Damals, als Kinder, haben wir uns immer die Olympischen Winterspiele im Fernsehen angeguckt“, sagt Theo Bold. „Da war mir der Parasport ja noch gar nicht so nah, weil es ja so selten übertragen wurde.“ Dass er gemeinsam mit seinem älteren Bruder später selbst auf der größten Bühne des Behindertensports antreten würde, hatte er damals nicht zu träumen gewagt.
Wie die Unterschiede helfen
„Wir machen ja nicht immer das Gleiche zusammen“, sagt Theo Bold. „Ich habe Leichtathletik betrieben, er war lange im Schwimmen.“ Durch die Skiurlaube mit der Familie teilen aber beide von Anfang an die Leidenschaft zum Wintersport. Theos Talent wurd frühzeitig vom deutschen Nachwuchs-Bundestrainer Michael Huhn erkannt und gefördert. Bruder Jakob schließt sich ihm daraufhin an. 2020 treten die beiden erstmals bei der Deutschen Meisterschaft an, 2024 folgt das Weltcup-Debüt, bei dem die beiden zweimal Platz sechs bei Langlauf-Sprints belegten und mit einem siebten Platz im Parasprint bei der Nordischen Ski-WM Trondheim auf sich aufmerksam machten. Auch in Italien wollen die Bolds nun ihren Stempel hinterlassen – wobei trotz bester Absprachen nicht immer alles perfekt läuft.
„Klar passiert es auch, dass ich mit dem Gesicht im Schnee lande“, sagt Theo Bold. „Hauptsächlich, weil ich irgendwie hinten Mist baue und Jakob auch nicht immer nach hinten gucken kann, wenn ich meine, ich muss irgendwie ganz außen laufen, wo es nicht geht, oder irgendwas Dummes in der High-Speed-Abfahrt mache.“ Den gegenseitigen Glauben aneinander würde das trotz gelegentlicher Meinungsunterschiede aber nicht erschüttern. „Natürlich ist man auch mal sauer aufeinander, wenn mal was nicht läuft“, gibt Theo Bold zu. „Aber ich weiß, dass wir uns ins Gesicht alles offen sagen können und am nächsten Tag verträgt man sich wieder. Das ist unter Brüdern halt so.“
Gerade die Unterschiede der beiden Athleten machen bei Wettkämpfen manchmal den besonderen Unterschied aus. Während Theo Bold sagt, dass er bei Abfahrten etwas risikofreudiger und auf den flachen Ebenen explosiver, ist er dankbar dafür, wann immer sein Guide bei ganz bestimmten Passagen die Führung übernimmt. Denn dort wird Jakob Bold nicht nur zum Teamkollegen, sondern auch zum großen Bruder: „Gerade bergauf, was meine Schwäche ist, hat Jakob die bessere Puste“, gesteht Theo Bold. „Da übernimmt er auch die Rolle des Motivators, wenn er mich den Berg quasi hochschreit.“
An passender Motivation und Kommunikation wird es für Theo Bold bei seinem Paralympics-Debüt im Para-Ski nordisch nicht mangeln, wo er sowohl im Para-Langlauf, als auch Para-Biathlon antreten wird. Was Bold aber beklagt, ist der rabiate Umgang mit Athleten – und mittlerweile auch Para-Athleten – im Netz, wenn sie keine Medaillen gewinnen. Die Debatte um Hassnachrichten gegen die deutschen Biathleten während der Olympischen Spiele hat auch Bold aufmerksam verfolgt. Eine Frechheit sei es, dass Menschen von der Couch aus Athleten wüst angreifen würden, ihre Stimme erheben gegen Menschen, die sich seit Jahren und Jahrzehnten dem Sport verschrieben hätten, sagt Bold. Er sieht darin ein großes gesellschaftliches Problem. Aber bei seinen Wettkämpfen zählt für Theo Bold ohnehin nur die Stimme, die den gemeinsamen Weg weist. Die seines großen Bruders.
