Paralympics-Bilanz: In der Breite stark, an der Spitze zu dünn

Deutschland bei den Paralympics - die Bilanz


analyse

Stand: 16.03.2026 • 13:17 Uhr

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) schneidet bei den Paralympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo im Medaillenspiegel historisch schlecht ab. Dennoch fällt die Bilanz positiv aus. Warum?

Auch wenn der Abschluss im Slalom enttäuschend verlief, konnte sich Anna-Lena Forster wenig vorwerfen. Wie schon vor zwei Jahren bei den Paralympischen Winterspielen in Peking gewann die deutsche Monoskifahrerin zwei Goldmedaillen. Damals hatte sie damit die Hälfte der deutschen Goldausbeute beigesteuert – in Mailand und Cortina war sie in puncto Paralympics-Siege nun die Alleinunterhalterin.

Der DBS und seine Zielvorgabe

Allein daran lässt sich erahnen, dass die deutsche Bilanz in Norditalien durchwachsen ausfällt. Mit Blick auf das Medaillenziel hatte sich der Deutsche Behindertensportverband (DBS) im Vorfeld bewusst zurückhaltend gezeigt.

Bei den Spielen in Peking hatte das deutsche Team mit insgesamt 19 Medaillen (vier Gold, acht Silber, sieben Bronze) Rang sieben im Medaillenspiegel belegt. Für Mailand und Cortina wurde ein Platz unter den besten sechs Nationen ausgegeben – bezogen auf die Gesamtzahl der Medaillen.

Medaillenspiegel: Deutschland historisch schwach

Am Ende steht für das deutsche Team eine Bilanz von 17 Medaillen und Platz elf im Medaillenspiegel. Langläuferin Anja Wicker konnte am Schlusstag mit Silber das Ergebnis immerhin noch etwas aufbessern. Zählt man die Medaillen insgesamt, ist Deutschland die vierterfolgreichste Nation . Ziel erreicht also?

All das kann nicht über das schwächste jemals erzielte Ergebnis im Abschlussranking und den fortlaufenden Negativtrend hinwegtäuschen. Zum Vergleich: Bei den Spielen 2014 in Sotschi belegte Deutschland mit neun Goldmedaillen noch Rang zwei im Nationenranking.

Medaillenspiegel nach 79 von 79 Entscheidungen
Land Gold Silber Bronze Gesamt
1

China

15

13

16

44

2

USA

13

5

6

24

3

Russland

8

1

3

12

4

Italien

7

7

2

16

5

Österreich

7

2

4

13

6

Frankreich

4

4

4

12

7

Ukraine

3

8

8

19

8

Kanada

3

4

8

15

9

Niederlande

3

3

1

7

10

Schweden

3

0

4

7

11

Deutschland

2

6

9

17

„In der Breite gut aufgestellt“ – Möllmanns positive Bilanz

Zur Wahrheit gehört auch: Die Niederlande und Schweden sammelten insgesamt „nur“ sieben Medaillen – beide Nationen liegen im Medaillenspiegel dennoch vor Deutschland. Der Grund: Sie gewannen mehr Goldmedaillen, die im offiziellen Ranking des Internationalen Paralympischen Komitees stärker gewichtet werden.

Auch deshalb fällt die Bilanz beim DBS „positiv“ aus. „Wir haben schon im Vorfeld gesagt, dass wir auf die Gesamtanzahl der Medaillen schauen„, sagte Marc Möllmann, Chef de Mission, vor den finalen Wettbewerben am Schlusstag. „Das zeigt, dass wir in der Breite gut aufgestellt sind„, so Möllmann. Die Bilanz attestiere „dem Team eine gute Leistungsbereitschaft und Leistungsperformance.

Die deutschen Medaillengewinner
Gold 🥇 Silber 🥈 Bronze 🥉
Anna-Lena Forster (2x)

Anna-Lena Forster

Anja Wicker (2x)

Anja Wicker (2x)

Marco Maier (3x)

Linn Kazmeier

Leonie Maria Walter (3x)

Sebastian Marburger

Johanna Recktenwald

Langlauf-Mixed-Staffel (Kazmaier, Marburger, Theo Bold, Marco Maier)

Zehn Mal Platz vier „tut weh“

Dazu gab es – wie schon bei den Olympischen Winterspielen – etliche knappe Entscheidungen. Zehn Mal verpasste das deutsche Team auf Rang vier eine Medaille. „Das tut natürlich weh„, meinte Möllmann, „aber es zeigt, dass wir vorne dabei sind.“ Das gilt vor allem für die Ski-Nordisch-Disziplinen, wo Deutschland unter den besten drei Nationen liegt.

Dies unterstrich auch Ski-Nordisch-Bundestrainer Ralf Rombach: „Wir haben vieles richtig gemacht und eine Medaille mehr gewonnen als vor vier Jahren.“

Möllmann: Leistungsdichte hat „extrem zugenommen“

Dennoch hätte man sich auch beim DBS „ein paar Ausreißer nach oben mehr gewünscht„, betonte Möllmann mit Blick auf die geringe Ausbeute an Goldmedaillen. Allerdings habe auch die Leistungsdichte im Para Sport im internationalen Vergleich in den letzten Jahren signifikant zugenommen.

Deutschland ist international zwar durchaus konkurrenzfähig, doch in der absoluten Weltspitze fehlt die nötige Leistungsdichte. Zumal Forster als deutsches Aushängeschild offen ließ, ob sie noch einen Zyklus bis zu den Winterspielen 2030 in den französischen Alpen dranhängt.

Kazmaier und Walter als Hoffnungsträger

Trotzdem zeigten sich die Verantwortlichen beim DBS optimistisch und betonten, dass der eingeschlagene Kurs der richtige sei, um in vier Jahren wieder mehrere Goldmedaillengewinner hervorzubringen. Große Hoffnungen ruhen dabei vor allem auf den nordischen Disziplinen Biathlon und Langlauf. Dort konnten junge Athletinnen wie Linn Kazmaier (19) und Leonie Maria Walter (22) ihre starken Leistungen von Peking auch in Norditalien bestätigen.

Konsequenzen für 2030: DBS kündigt Auswertung und Maßnahmen an

Die historisch schwache Goldausbeute und der anhaltende Negativtrend im Medaillenspiegel sollten aber gleichzeitig als deutliches Warnsignal verstanden werden. Der DBS kündigte an, die Spiele im Anschluss umfassend auszuwerten, um darauf aufbauend die „richtigen Maßnahmen“ zu ergreifen und die Leistungsfähigkeit des Teams bis 2030 „mittelfristig“ zu steigern. Andernfalls droht dem einst so erfolgsverwöhnten deutschen Para-Sport-Team bei den nächsten Winterspielen in vier Jahren ein weiterer Tiefpunkt.