Para-Biathlet Marco Meier: Der Bronzegewinner auf dem Goldstuhl – Sport

Hinter einer der Tribünen im Langlaufstadion von Tesero steht auf einer Wiese ein Kleiderständer: eine Querstange, zwei Standbeine, jede Menge Kleiderbügel. Am frühen Nachmittag geht es hier zu wie im Winterschlussverkauf. Männer nehmen Stoffe von den Bügeln und laufen damit davon, andere Männer kommen mit anderen Stoffen um die Ecke gebogen und hängen sie sorgfältig zurück. Sie waren damit allerdings nicht in der Umkleidekabine. Sondern bei den Siegerehrungen der paralympischen Biathlonwettbewerbe.

Einer der Stoffe, ein Exemplar in Schwarz-rot-gold, wird am Samstagnachmittag für Marco Maier entfaltet, gehisst und wieder in den Kleiderständer gehängt. Ehe er seine Medaille entgegennimmt, verfolgt Maier das Zeremoniell von einem der Plastikstühle aus, die hier ebenfalls etwas improvisiert in der Gegend herumstehen. Drei für jedes Rennen, auf die Lehne sind Zettel geklebt: „Silver“, „Gold“, „Bronze“. Der Wartebereich für die Siegerehrung. Maier sitzt auf einem Stuhl mit der Aufschrift „Gold“.

Auf Stühlen wie diesen sollen die Medaillengewinner bei den Paralympics auf die Siegerehrung warten.
Auf Stühlen wie diesen sollen die Medaillengewinner bei den Paralympics auf die Siegerehrung warten. Foto: Claudio Catuogno

Kurz vorher hat Marco Maier im Sprintrennen der stehenden Klasse die Bronzemedaille gewonnen: 7,5 Kilometer Langlaufen, zweimal Schießen. Maier erwischte alle zehn Scheiben, und als er über die Ziellinie lief, hatte er 0,2 Sekunden Vorsprung auf den Vierten. Aber Moment mal, sitzt er da nicht auf dem falschen Stuhl? Na ja, sagt Maier und lacht: „Das ist der Stuhl für die Zukunft!“

Es geht recht ungezwungen zu in Tesero. Ein Teil der Absperrungen steht eher symbolisch in der Gegend herum, Athleten, Zuschauer, Reporter, alle laufen sich über den Weg. Marco Maier – hochgewachsen, verspiegelte Sonnenbrille – ist dabei am Samstag nicht nur als Bronzegewinner aufgefallen, der auf dem Goldstuhl saß. Er war auch als einer der Wenigen in kurzen Hosen angetreten bei diesen als Winterspiele verbrämten Frühlingsspielen in der Sonne Italiens. Eine spontane Entscheidung beim Blick in die Wetter-App – in der Werkstatt im paralympischen Dorf fand er jemanden mit Schere und Nähmaschine.

Das deutsche Ski-nordisch-Team gibt ein in vielerlei Hinsicht erfreuliches Bild ab

Im Para-Sport treten die meisten nordischen Athletinnen und Athleten sowohl im Biathlon als auch im Langlauf an. Und das deutsche Team gibt dabei ein erfreulich vielfältiges Bild ab. Da sind die Rollstuhlfahrerinnen Anja Wicker, 34, und Andrea Eskau, 54, in der sitzenden Klasse: Wicker gewann im Sprint am Samstag Bronze und im Einzel am Sonntag Silber, ihre Paralympics-Medaillen Nummer vier und fünf seit 2014. Eskau, die mit dem Handbike auch bei Sommerspielen am Start ist, wurde bei ihrer neunten Paralympics-Teilnahme (15 Medaillen) Achte im Sprint. Da sind bei den Sehbehinderten Leonie Walter, 22, Johanna Recktenwald, 25, und Linn Kazmaier, 19: Alle drei jungen Frauen standen bei Paralympics schon auf dem Treppchen, Walter sicherte sich am Samstag Bronze im Sprint, Recktenwald am Sonntag Bronze im Einzel.

Und da ist der forsche Marco Maier, 26 Jahre alt. 2022 in Peking stürmte er im Biathlon und im Langlaufsprint jeweils zu Silber. Weil im Langlaufsprint aber alle vier Jahre zwischen Skating und klassischem Stil abgewechselt wird, konzentrierte er sich diesmal auf Biathlon, griff sich hier am Samstag zunächst Bronze im Sprint – und sicherte sich am Sonntag im Einzel gleich den nächsten dritten Platz. Paralympics-Medaille Nummer vier.

Auf dem Treppchen steht wieder jeder am richtigen Platz: Silber-Gewinner Liu Xiaobin (links), Gold-Gewinner Cai Jiayun (Mitte), beide aus China, sowie der Deutsche Marco Maier mit Bronze.
Auf dem Treppchen steht wieder jeder am richtigen Platz: Silber-Gewinner Liu Xiaobin (links), Gold-Gewinner Cai Jiayun (Mitte), beide aus China, sowie der Deutsche Marco Maier mit Bronze. Martin Schutt/dpa

Wenn man Maier fragt, wie genau seine Behinderung genannt wird, sagt er: „Puh, irgendwas mit Simbrach …, am besten mal googeln.“  Sich nicht zu sehr mit den Einschränkungen einer nicht korrekt entwickelten Hand aufzuhalten („Symbrachydaktylie“), sondern einfach das Beste daraus zu machen, ist schon mal eine gute Voraussetzung für Erfolg im Behindertensport. Ebenso wie eine Karriere, die – ganz selbstverständlich – in einer Gruppe mit Nichtbehinderten ihren Anfang nahm. Im Allgäu, wo Maier aufgewachsen ist, stand er mit drei Jahren das erste Mal auf Skiern und lief als Kind in Wettkämpfen mit, ohne zu wissen, dass es so etwas wie „Para-Sport“ gibt. Geschweige denn, dass das mit ihm etwas zu tun haben könnte.

Dann wurde der Deutsche Behindertensportverband auf ihn aufmerksam – und alles ging erst mal schnell. Mit 14 der erste Weltcup-Start, „das war natürlich ein krasser Einstieg“, vor allem aber fand Maier den Spaß an seinem Sport wieder, jetzt, da er plötzlich mit einem Stock konkurrenzfähig war. Mit 15 zog er nach Freiburg, wechselte ans dortige Sportinternat, nahm die Spiele 2018 in Südkorea in den Blick. Und geriet dann in die Mühlen der Para-Bürokratie – auch damit ist er kein Einzelfall.

Irgendwann fragte jemand: Kann der Maier nicht auch mit der linken Hand einen Stock greifen?

Jeder Para-Athlet wird klassifiziert: Ärzte begutachten, wie sehr ihn seine Behinderung einschränkt. Je nach Einstufung wird die gelaufene Zeit dann mit einem Prozentwert verrechnet. Athleten, die keinen Stock zum Anschieben haben, dürfen also langsamer laufen als solche mit einem oder zwei Stöcken – und können trotzdem gewinnen. Doch irgendwann fragte dann jemand: Kann der Maier nicht auch mit der linken Hand einen Stock greifen?

Maier wurde zur Abklärung gesperrt und verpasste die Spiele in Pyeongchang. Nachweise waren nötig, dass seine Hand in einer Arztpraxis bei 20 Grad Raumtemperatur anders funktioniert als draußen im Wettkampf, unter anderem, weil ihr ein Blutkreislauf fehlt. „Damals ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt er. „Inzwischen“, muss er feststellen, „finde ich das System fair. Wenn etwas unklar ist, muss man es abklären.“

Auch diese schwere Zeit hatte Marco Maier nun im Kopf, in Tesero, kurz vor der Siegerehrung. „Andererseits ist das fast zehn Jahre her.“ Zwischen damals und heute liegen jetzt vier Paralympics-Medaillen, drei WM-Titel und weitere Abenteuer. Im vergangenen Jahr ist Maier Vater geworden, seine Frau und seine acht Monate alte Tochter Emilia warteten auf der Tribüne darauf, dass er endlich das Treppchen erklimmen durfte. Marco Maier hat sich dann brav nach links außen gestellt, aufs Bronzepodest. Aber das muss ja nicht ewig so bleiben.