

Nun also doch: Open AI, das Unternehmen hinter ChatGPT, will in Zukunft in seinem Angebot Werbung anzeigen. Nur wer ein teureres Abo hat, wird künftig noch verschont. Die Werbung wird personalisiert in gekennzeichneten Kacheln unter den Antworten zu sehen sein. In den nächsten Wochen will das Unternehmen erste Tests durchführen.
Der Grund für diesen Schritt liegt auf der Hand: Open AI braucht Geld, die Investitionen in Training und Betrieb der KI-Modelle verschlingen viele Milliarden Dollar. Nicht genug Menschen sind bisher bereit, mehr als 20 Euro für ein Plus-Abo zu bezahlen. Neue Einnahmequellen müssen her. Insofern ist der Schritt in die Werbewirtschaft folgerichtig. Dank der Daten, die das Unternehmen über seine Nutzer hat, ist Open AI in diesem Wettbewerb gut positioniert.
Dass sich digitale Produkte im Netz über Werbung finanzieren, ist nichts Neues. Dieses Prinzip steckt hinter den erfolgreichsten Geschäftsmodellen der Welt, von Google bis Tiktok. Dennoch ist die Werbeeinbettung in ChatGPT problematisch.
Open AI verspricht, dass es niemals Geld dafür nehmen werde, die Antworten des Chatbots zu beeinflussen. Dabei dürfte die Versuchung groß sein, dieses Versprechen irgendwann zu brechen. Eine höchst personalisierte menschenähnliche Stimme, die in ein Gespräch über die Reinigung des Lieblingspullovers Tipps für das beste Waschmittel einstreut, das dürfte der Traum eines jeden Werbetreibenden sein.
Tendenz zu schmeichelhaften Antworten
Noch bedenklicher wäre ein anderes Szenario. Mehr und mehr Nutzer bauen eine emotionale Bindung zu ihrem Chatbot auf, vertrauen ihm intimste Details an oder nutzen ihn als Therapieersatz. Was auch bisher schon problematisch war, könnte umso gefährlicher werden, wenn die Antworten auf solche Fragen zukünftig von Profiterwägungen bestimmt würden. Dazu müsste Open AI noch nicht einmal sein Versprechen brechen, die Trennung von Antwort und Werbung zu verwässern. Schon in der Vergangenheit hatte ChatGPT eine Tendenz, besonders schmeichelhafte Antworten zu geben und den Nutzer möglichst bei Laune zu halten. Werbekunden haben ein Interesse daran, dass ChatGPT auch in Zukunft ein Gute-Laune-Ort ist – auf Kosten ehrlicher und konstruktiver Antworten.
Wie glaubwürdig das Versprechen ist, Chatbot und Werbung nicht zu vermischen, bleibt ohnehin fragwürdig. Open-AI-Chef Sam Altman hat im Laufe der vergangenen zwei Jahre seine Position zur Werbung bereits stark aufgeweicht. 2024 sagte er noch, er hasse Werbung. So fing es auch beim bisherigen Marktführer der Werbebranche, Google, einmal an. Die Gründer wollten eine Suchmaschine ganz ohne Werbung aufbauen. Dann kam doch Werbung in eindeutig erkennbaren Kacheln dazu. Mit der Zeit passte der Suchmaschinenkonzern die Nutzeroberfläche immer weiter an, sodass heute die Werbung – im Jargon der Techkonzerne die „gesponserten Ergebnisse“ – kaum noch von den echten Suchergebnissen zu unterscheiden sind.
Nun könnte man darauf hoffen, dass der Wettbewerb das Problem löst. Wenn ein Chatbot weniger nützlich wird, wechseln die Verbraucher eben zu Claude oder Gemini. Der Wettbewerb ist hart.
Doch die KI-Unternehmen arbeiten eifrig daran, die Wechselwilligkeit der Kunden zu dämpfen. Je mehr mein Chatbot über mich weiß, je individueller seine Antworten auf mich abgestimmt sind, desto schwieriger wird der schnelle Wechsel. Der Wettbewerbsvorteil von ChatGPT liegt dann nicht mehr darin, dass es auf dem besten Modell aufbaut (da sind die Unterschiede längst sehr klein geworden), sondern dass es das beste Modell für mich persönlich ist.
Als Kunde gibt es dann irgendwann kein Entkommen mehr. Manche Youtube-Nutzer geben bereits entnervt auf und bezahlen für ein kostenpflichtiges Abo, weil die Werbung sonst so stark überhandnimmt. Zu Youtube gibt es schließlich auch keine wirkliche Alternative. Nur dass Youtube – bisher – nicht mit dem Nutzer spricht wie ein guter Freund.
