
Der Bund bezuschusst die Wintersportverbände in den vergangenen vier Jahren mit 78 Millionen Euro. Heraus kommen bei den Winterspielen in Mailand und Cortina 26 Medaillen. Bei früheren Spielen sah die ökonomische Bilanz deutlich besser aus.
Olympia-Anhänger zitieren gerne einen Satz, der dem Begründer der modernen Spiele, Pierre de Coubertin, zugeschrieben wird: Dabei sein ist alles. Der Franzose stellte damit im Jahr 1908 das sportliche Fest über den Sieg, die Teilnahme und den fairen Wettstreit über die reine Jagd nach Medaillen.
Es gibt aber noch einen anderen Satz, der zu Olympischen Spielen gehört: Am Ende zählen nur Medaillen. Dieser wurde in den vergangenen zwei Wochen gerne zitiert, wenn Biathleten die Scheiben verfehlten, die Nordischen Kombinierer im Schneetreiben stürzten oder die Eishockey-Nationalmannschaften früh aus dem Turnier flogen. Am Ende verfehlte Deutschland mit 26 Medaillen den angestrebten dritten Platz in der Nationenwertung. Es wurde nur Platz fünf.
Zu dieser kühlen Es-zählen-nur-Medaillen-Bilanz gehört genauso der finanzielle Aspekt: Wie viel kosteten die Plätze auf dem Treppchen in Italien den Steuerzahler? Die Antwort: drei Millionen Euro pro Medaille. Das zeigen WELT-Berechnungen auf Grundlage von Förderzahlern des Bundesinnenministeriums und des seit dieser Legislaturperiode für den Sport zuständigen Bundeskanzleramts.
Der Preis war während der vergangenen fünf Winterspiele nie höher als bei den Spielen in Mailand und Cortina. Bei den Winterspielen in Vancouver 2010 gab es eine Medaille noch für weniger als eine Million Euro.
Betrachtet wurden dabei immer die Ausgaben in den vier Jahren vor den Spielen. In den Jahren 2022 bis 2025 flossen insgesamt 78 Millionen Euro an „Zuwendungen des Bundes zur Förderung der Bundessportfachverbände Olympisch Winter“, wie der Posten offiziell heißt. In den vier Jahren vor den Spielen in Vancouver 2010 waren es gerade einmal 25 Millionen Euro. Das Geld ist unter anderem für Lehrgänge, Trainingsmaterial, Starts bei internationalen Wettbewerben und die Bezahlung der Trainer gedacht.
Die Kosten steigen stetig: Jede der 30 Medaillen, die die Wintersportler 2010 in Kanada erkämpften, kostete den Steuerzahler 850.000 Euro. In Sotschi (19 Medaillen) waren es vier Jahre später schon 1,7 Millionen Euro. Die vergleichsweise üppige Ausbeute im südkoreanischen Pyongchang (31 Medaillen) ließ den Durchschnittspreis auf 1,3 Millionen Euro sinken. In Peking (27 Medaillen) schnellte er bereits auf 2,4 Millionen Euro hoch – und jetzt auf drei Millionen. Auf eine unterschiedliche Gewichtung von Gold-, Silber- und Bronzemedaillen wurde bei der Rechnung verzichtet.
Bob- und Schlittenverband mit der besten Bilanz
Nun sind in den vergangenen 20 Jahren auch die Kosten gestiegen, etwa für Reisen und Personal. Für einen Euro gab es in den Nullerjahren deutlich mehr, als es für einen Euro heute gibt. Doch selbst wenn man die Inflation berücksichtigt, verdoppelten sich die Zuwendungen des Bundes in dieser Zeit, die Medaillen-Ausbeute sank hingegen. Auf Basis der Preise von 2020 kostete eine Medaille in Vancouver eine Million Euro. Im Vergleich dazu waren es in Mailand und Cortina inflationsbereinigt 2,6 Millionen Euro pro Medaille.
Interessant ist die Aufwand-Ertrags-Rechnung der einzelnen Wintersportverbände. Die beste Bilanz weist wenig überraschend der Bob- und Schlittenverband auf. Der erhielt in den Jahren 2022 bis 2025 mit 27,6 Millionen Euro zwar die höchsten Zuwendungen des Bundes. Die Bobfahrer, Rodler und Skeletonis erkämpften allein aber auch 19 der 26 Medaillen. Das macht einen Durchschnittspreis von nicht einmal 1,5 Millionen Euro je Medaille.
Auf Platz zwei folgt der Deutsche Skiverband, zu dem neben den Alpin-Fahrern, auch die Skispringer, Skicrosser und Langläufer gehören. Sie kamen zusammen auf sechs Medaillen. Durchschnittspreis 3,1 Millionen Euro. Dahinter rangiert die Deutsche Eislauf-Union. Den Zuwendungen des Bundes in Höhe von 5,8 Millionen Euro steht eine Medaille gegenüber, die der Paarläufer Minerva Hase und Nikita Volodin.
Diese Bronzemedaille ist so gesehen, mit einem Preis von 5,8 Millionen Euro die teuerste der insgesamt 26 Medaillen. Allerdings brachten die Sportler von vier Verbänden gar keine Medaille mit nach Hause – obwohl sie zusammen 26 Millionen Euro an Fördermitteln bekamen. Hier ist das Preis-Leistungs-Verhältnis also noch einmal schlechter. Unter den medaillenlosen Verbänden wurde der Snowboardverband mit zwölf Millionen Euro am stärksten gefördert.
Was aus dieser vergleichsweise schlechten Förder-Bilanz folgt, muss die Politik entscheiden. Sportstaatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) zeigte sich in einem NDR-Interview nach den Spielen unzufrieden mit dem Gesamtergebnis und bezeichnete dies als Auftrag, die geplanten Reformen rund um das geplante deutsche Sportfördergesetz voranzutreiben.
Am Ende entscheiden die Haushälter im Bundestag bei der Aufstellung des Bundeshaushalts 2027: Werden die Mittel mit Blick auf die stetig steigenden Kosten je Medaille gekürzt? Oder werden die Zuwendungen weiter erhöht, in der Hoffnung, bei den kommenden Olympischen Winterspielen einen höheren Medaillen-Ertrag zu haben?
Wintersport oft ein Zuschussgeschäft für die Athleten
Dass sich jeder einzelne Sportler mehr Zuwendungen wünscht, liegt auf der Hand. Gerade in jenen Wintersportarten, auf die nur alle vier Jahre das Licht der Öffentlichkeit fällt, ist die Finanzierung des aufwendigen Trainingsalltags oft ein privates Zuschussgeschäft. Die Zuwendungen des Bundes reichen nicht, auch mit den Mitteln der Stiftung Deutsche Sporthilfe lassen sich nicht alle Ausgaben decken, Sponsoren sind rar. Viele Athleten sind zudem noch bei der Bundeswehr oder der Bundespolizei angestellt, um sich den Leistungssport überhaupt leisten zu können.
Von Seiten der Steuerzahler ist es mit den Bundeszuwendungen, die an die Wintersportverbände fließen, allein allerdings nicht getan. Es gibt weitere Posten im Bundeshaushalt, die nicht so klar zuzuordnen sind. Dazu gehören die Kosten für die Olympiastützpunkte. Für die Olympiastützpunkte und Trainingszentren sind beispielsweise allein im Bundeshaushalt 2026 knapp 69 Millionen Euro vorgesehen. Hierbei wird nicht zwischen Sommer- und Wintersportarten unterschieden, teilte das Bundeskanzleramt mit.
Für Baumaßnahmen von „Sportstätten für den Hochleistungssport“ sind im laufenden Bundeshaushalt weitere 48 Millionen vorgesehen. Im langfristigen Mittel entfällt rund ein Drittel der bereitgestellten Mittel auf olympische Wintersportarten.
Einen eigenen Haushaltstitel gibt es zudem für die „Projektförderung für das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) und das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES)“. Gesamtvolumen 2026: 23,2 Millionen Euro.
Gerade das FES dürfte vielen Zuschauern der Olympischen Winterspiele ein Begriff sein, wurden die schnellen Bobs und Schlitten doch an dem Berliner Institut entwickelt und gebaut. Im Vorjahr profitierten nach Angaben des Kanzleramts die Wintersportverbände von der Förderung der beiden Institute mit einem Betrag von 7,8 Millionen Euro, in diesem Jahr sind 6,9 Millionen Euro vorgesehen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.
