
Über wen reden heute alle?
Über Lindsey Vonn. Mittlerweile haben die behandelnden Ärzte im Krankenhaus in Treviso bestätigt, dass sich die US-Amerikanerin bei ihrem schweren Sturz auf der Olympiaabfahrt in Cortina das linke Bein gebrochen hat. Sie sei bereits am Sonntagnachmittag operiert worden. Ihr Rennen, über das vorab schon so viel geschrieben wurde, weil sie mit Teilprothese im Knie und kaputtem Kreuzband antrat, war bereits nach dreizehn Sekunden vorbei. An einer Welle, an der viele Fahrerinnen Probleme hatten, war die 41-Jährige mit der rechten Hand an einem Tor hängengeblieben.
„Vonns Oberkörper verdreht es nach rechts, mit dem Kanten quer im Schnee kommt sie auf und überschlägt sich“, schreibt mein Kollege Nico Horn, der das Rennen in Cortina gesehen hat. „Fatalerweise lösen sich die Ski nicht. Warum nur lösen sich die Ski nicht?“ Vonn blieb lange liegen, ihre Schmerzensschreie waren im Fernsehen zu hören, sie gingen durch Mark und Bein der Olympiageschichte. Und so endete eine große Karriere wohl denkbar furchtbar.
Im selben Rennen fuhr Emma Aicher knapp an einer Sensation vorbei. 0,04 Sekunden, also vier Hundertstel, trennten die 22-jährige Deutsche von Gold. Versuchen Sie mal, vier Hundertstel auf einer Stoppuhr zu drücken, Sie werden es nicht schaffen. Aicher startet noch im Super-G, Riesenslalom und Slalom. Vielleicht ja mit etwas mehr Hundertstelglück. Den deutschen Medaillensatz am Sonntag komplettierten die Mixedstaffel im Biathlon, die recht überraschend Bronze gewann. Und Max Langenhan, ein zur Perfektion neigender Rodler, der das erste deutsche Olympiagold dieser Spiele holte.
Wer wird heute wichtig?
Eine ganz eigene Wintersportwelt. Bei den Snowboardern und Freestyle-Skiern geht es irgendwie anders zu. Die Männer und Frauen tragen weite Skianzüge, das Leibchen mit der Startnummer hängt schief herunter, und wenn mal was daneben geht, wird trotzdem fröhlich in die Kamera gepost. Doch wer glaubt, vor lauter Lässigkeit würde das Athletische vergessen, irrt. Ob beim Snowboard-Big-Air der Frauen (19.30 Uhr) oder im Ski-Slopestyle der Frauen (12.30 Uhr) – die Sportlerinnen fliegen so lange durch die Luft, dass man mit dem Zählen der Drehungen kaum hinterherkommt. Im Slopestyle gehört die Chinesin Eileen Gu, die in San Francisco zur Welt kam und in den USA lebt, zu den Favoritinnen, die laut New York Times 23 Millionen Dollar im Jahr verdient. Viel Airtime bekommt diese Welt in der deutschen Öffentlichkeit allerdings nicht. Im Slopestyle war keine deutsche Sportlerin gemeldet, beim Big Air hat Annika Morgan das Finale knapp verpasst.
Was machen die Deutschen?
Nach Bronze, Silber und Gold am Sonntag wird es am Montag wohl karger zugehen. Die besten Chancen auf eine Medaille haben die Skispringer auf der Normalschanze. Hoffnung darf sich vor allem Philipp Raimund machen. Am Sonntagabend hat er die ersten beiden Trainingsdurchgänge gewonnen, beim dritten wurde er Zweiter. Leicht macht er sich seinen Job nicht: Er litt mal an Höhenangst. Für einen Skispringer ist das wie ein Metzger, der eine Schinkenphobie hat. Raimund hat deswegen im vergangenen Jahr den Skiflug-Weltcup in Planica ausgelassen, wo die Schanze besonders riesig ist. Mit einem Mentaltrainer aber, sagt er, hat er die Sache in den Griff bekommen. Mir ging einst schon auf einer 10-Meter-Schanze die Muffe.
Neues aus Norditalien
Mein Kollege Christof Siemes ist gerade in Mailand. Er hat sich das olympische Feuer mal genauer angesehen. Und schreibt:
„Eins muss man dem IOC lassen: Mit seiner pseudoreligiösen Liturgie aus Ringen, Fackeln, Flammen trifft es beim Publikum einen Nerv. Zumindest in Mailand, wo das olympische Feuer nun seit drei Tagen unter dem Arco della Pace lodert, dem Friedensbogen am Eingang des Parco Sempione. In einer endlosen Prozession pilgern Junge und Alte, Mailänder und internationale Gäste über die schlammigen Wege des Parks zum Allerheiligsten des Olymps. Die Skulptur, in der es brennt, ist nach dem Vorbild der legendären Knoten Leonardo da Vincis gestaltet, die „die Harmonie zwischen Natur, menschlicher Genialität und technischem Know-how zum Ausdruck bringen sollen“ (so steht es im olympischen Programmheft). Das dürfte den Tausenden Selfie-Produzenten, die sich davor fotografieren, ziemlich wumpe sein. Sobald das Bild gemacht ist, gehen fast alle in die Restaurants entlang des nahen Corso Sempione. Es sind so viele, dass der ZEIT-Olympiareporter dort keinen Platz findet und auf seinem Hotelzimmer mit einer Tüte Kartoffelchips vorliebnehmen muss.“
