Olympia vor 50 Jahren: Die Winterspiele von Innsbruck 1976

Vor 50 Jahren war der Winter noch ein echter Winter und die Olympischen Winterspiele noch an einem einzigen Ort. Innsbruck 1976 brachte den Deutschen die „Gold-Rosi“, eine Bronzemedaille im Divisionsverfahren, und den Österreichern Gold für einen Nationalhelden. Wir blicken zurück.

Tag 4 – Klassenkampf

Was wäre geschehen, wenn der real existierende Sozialismus den Bob-Sport verteufelt hätte? Tja, klare Kiste: Heulen und Zähneknirschen heuer in Italien, wo es Gold regnen soll für die Deutschen. Also lassen wir mal die Anabolika- und Stasi-Pilot-Geschichten (mit Bespitzelten als Anschieber) weg und fangen mit dem Beginn eines Klassenkampfs an.

F.A.Z.

Da kam doch ein Speerwerfer, dessen Speer nicht so weit flog, eigentlich ein Landwirt und Wetterdiensttechniker in Innsbruck auf der Olympiabahn um die Ecke geschossen: Meinhard Nehmer. So schnell, dass der geschäftstüchtige Formel-1-Weltmeister Jacky Stewart den Kopf schüttelte: „Für kein Geld der Welt!“ Nehmer, der es später noch zum Fregatten-Kapitän brachte, bescherte der DDR den ersten Bob-Olympiasieg.

Und räumte zweimal ab: Gold im Zweier am 7. Februar und später im Vierer. Heute ist er 85 und langweilt sich ein bisschen, weil das Ausland schwächelt. Selbst Schuld! Nehmer schob, obwohl an den Seilen, die Ost-West-Konkurrenz gewaltig an. Allein neun von 13 Gold-Medaillen im Vierer gewannen Deutsche seit 1976. Klassenkampf mit Rendite. Fast unnötig zu erwähnen, dass schon in Innsbruck über Manipulationen der Kufen gestritten wurde. Das Thema blieb den Deutschen, Mauerfall hin oder her, erhalten etwa dank einer Firma, die in Dresden – im Auftrag – Kufen beschichtete, wie es nicht erlaubt war.

Den Ost-West-Konflikt pflegten die „Söhne“ und „Enkel“ intensiv: Langen im Kampf gegen Lange. Seriensieger Friedrich und Herausforderer Lochner sind keine ziemlich guten Freunde. Hier ein Doping-Fall, dort ein Bremser aus dem Lager der Anderen und nun das große Finale der Rivalen in Cortina. Es mag Gold herausspringen für die Deutschen. Aber es ist nicht sicher, welcher Deutsche gewinnt. Wird spannend – dank Nehmer. (ahe.)

Tag 3 – Fehlsch(l)üsse

Auch Biathlon hat klein angefangen. Bei der olympischen Winterpremiere traten 1924 in Chamonix Militärpatrouillen gegeneinander an. In Innsbruck 1976 nehmen keine Füsiliere und Oberleutnante mehr teil. Es gibt zwei Wettbewerbe, aber nicht elf wie in diesen Tagen von Antholz. Doch der Wandel von einem Nebenschauplatz, an dem Skilangläufer auf bunte Luftballons schossen, zum TV-Quotenhit ist bereits eingeleitet.

Die Russen schießen scharf: Nikolaj Kruglow gewinnt Biathlon-Gold im Einzel.
Die Russen schießen scharf: Nikolaj Kruglow gewinnt Biathlon-Gold im Einzel.Valery Zufarov, Vyacheslav Un Da-Sin

Der Sprint gehört bei Weltmeisterschaften bereits zum Programm, und die schweren Militärgewehre mit dem heftigen Rückstoß kommen in Innsbruck letztmals zum Einsatz. Danach werden sie durch die bis heute üblichen Kleinkaliberwaffen ersetzt. Sogar ein TV-Experte kommt bei den Biathlon-Übertragungen aus Innsbruck schon zu Wort – es ist der Oberförster von Seefeld. Ein Olympiavorhersager der F.A.Z. erwartet nichts von den deutschen Biathleten: „Da sind nur Chancen drin, wenn sich alle anderen erschießen.“

Der ehemalige Kollege zielt mehrfach daneben. Die Bundesrepublik verfehlt Bronze in der 4×7,5-Kilometer-Staffel nur um drei Sekunden, die sie von der drittplatzierten DDR trennt. Zudem sind alle Schießleistungen im 20-Kilometer-Einzelrennen am 6. Februar schwach: Keiner der 52 Starter bleibt fehlerfrei, und das „bei Windstille und mit gutem Büchsenlicht“, wie es in der F.A.Z. heißt.

Den Vogel schießt der als große Favorit ins Rennen gegangene Alexander Tichonow ab: sieben Fehlschüsse! Da kann der Russe noch so schnell laufen, es reicht nur für Platz fünf. Olympiasieger wird Nikolai Kruglow, der nur zweimal verballert. Tichonow gewinnt ein paar Tage später eine seiner vier Staffel-Goldmedaillen, die ihn hinter dem Norweger Ole Einar Bjørndalen zum zweiterfolgreichsten Biathleten bei Winterspielen machen.

Den Aufschwung seiner Sportart begleitet der Russe danach unter anderem als umstrittener Vizepräsident des Weltverbandes. Tichonow schützt des Dopings überführte russische Biathleten. Er selbst entgeht einer dreijährigen Haftstrafe wegen eines Mordkomplotts nur durch eine Amnestie. (kle.)

Tag 2 – Vom Gold zur Mistgabel

Alles ist vorbereitet, nichts darf schiefgehen an diesem Donnerstag, dem 5. Februar 1976: Franz Klammer muss Gold gewinnen! Droben auf der Bergstation des Patscherkofel hat das Team Austria ein Zimmer gemietet, damit der schnellste Skirennfahrer der Welt zwischen Warmlaufen und Rennstart besser zur Ruhe kommt als drunten in Innsbruck, wo ihm ständig irgendwer auflauert.

Funktionäre, Hostessen, Reinigungskräfte und alle möglichen anderen Leute kommen für ein Auto­gramm oder eine Aufmunterung. Einmal hat sogar jemand versucht, Klammer in seinem Quartier ans Telefon zu kriegen – um Mitternacht. Danach wurde der Anschluss stillgelegt. Österreichs Schüler sollen das Ski-Idol von 12.30 Uhr an live im Fernsehen verfolgen dürfen. Sofern sie nicht in Tirol leben und sowieso Ferien haben, dürfen sie deshalb am zweiten Olympiatag um elf Uhr nach Hause in die „Olympiaabfahrtsferien“.

Wer als Ausländer den Verdacht äußert, sogar die olympischen Pistenmacher seien Parteigänger und hätten die 3020 Meter lange Abfahrtsstrecke und ihre 26 Tore auf Klammers Stärken ausgerichtet, wird böse beschimpft. „Ich brauche keine Klammer-Strecke“, sagt der Zweiundzwanzigjährige, „wenn ich gut fahre, haben sie ohnehin alle keine Chance.“ Doch Klammer ist in den vorolympischen Rennen nicht gut gefahren, sondern verkrampft. Wird es gut gehen mit dem Gold?

DSGVO Platzhalter

Als Klammer mit der Nummer 15 an den Start geht, muss er Bernard Russi übertrumpfen. Der Schweizer führt souverän. Bei der ersten Zwischenzeit, so sehen 70.000 Österreicher an der Piste und Millionen vor den TV-Geräten erschreckt, ist Klammer langsamer, ebenso bei der zweiten. Aber ins Ziel kommt Österreichs Liebling am schnellsten (1:45,73 Minuten). Die Zuschauer bedrängen und knuffen ihn und klopfen auf die Schulter.

„Schlimm ist das“, sagt der Landwirt, der in Diensten seines Vaters Heinrich steht und sich nun Olympiasieger nennen darf: „Aber wenn es vorbei ist, ist es doch schön.“ Zu den stolzesten Österreichern gehört Bundespräsident Rudolf Kirchschläger. Er fragt Franz Klammer, wie sein Leben nach der Goldmedaille weitergehe. „Der Vater“, sagt Klammer, „wird mir gleich die Mistgabel in die Hand drücken.“ (kle.)

Tag 1 – Harte Nächte in Innsbruck

Im Jahre 1976 n. Chr. redet ganz Innsbruck von den Olympischen Winterspielen. Ganz Innsbruck? Nein! Ein von empfindsamen Athleten bevölkertes Olympisches Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten gegen die Gastgeber. Bewohner beschweren sich, dass die Militärbetten, die ihnen hingestellt wurden, viel zu hart seien. Die deutschen Eissportler lassen dem Meckern Taten folgen und besorgen sich zusätzliche Kopfkissen.

Gewisse deutsche Funktionäre und Boulevardblätter heizen die Stimmung an, indem sie behaupten, der Gastgeber bekämpfe Olympiateilnehmer anderer Länder mit unfairen Mitteln. Die in Linz erscheinenden „Oberösterreichischen Nachrichten“ bezichtigen die Piefkes daraufhin einer „Hetzoffensive“.

Das österreichische Olympiateam in ihrer Olympiakleidung 1976
Das österreichische Olympiateam in ihrer Olympiakleidung 1976Votava

Allerdings ist auch der Bobpilot Werner Delle Karth unzufrieden mit dem Bettenlager in seiner Heimatstadt. „Morgens ist mir ganz schwindlig“, sagt der Innsbrucker und lässt sich von daheim eigenes Bettzeug bringen. Den olympischen Eid spricht Delle Karth am Mittwoch, 4. Februar 1976, bei frühlingshaftem Wetter recht ausgeruht.

Die Militärbetten passen zu Innsbrucks Motto, sich dem aufgekommenen Gigantismus der Olympiastädte zu widersetzen und „einfache Spiele“ zu veranstalten. Von der scheinbaren Bescheidenheit zeugt auch das schlichte Maskottchen: „Schneemandl“ trägt roten Tirolerhut zur Karottennase. Außer einfach sollten die XII. Olympischen Winterspiele auch billig sein. Hatte die Hauptstadt Tirols doch schon als Ausrichterstadt 1964 viel Geld in Sportstätten investiert. 1976 ist Innsbruck für Denver eingesprungen, nachdem die auserwählte US-Stadt hingeschmissen hatte.

Nicht gekleckert, sondern geklotzt wird bei der Sicherheit. 2500 Polizisten bewachen die 1261 Olympiateilnehmer und ihren Tross. In Alarmstimmung versetzt hat Innsbruck der Terroranschlag bei den Sommerspielen 1972 in München sowie die Geiselnahme bei der Ministerkonferenz erdölexportierender Länder in Wien sechs Wochen vor der Eröffnungsfeier. Dass von Terroristen mehr Gefahr für Leib und Leben ausgeht als von harten Matratzen, sehen selbst die sensibelsten Wintersportler ein. (kle.)