
Faszinierend und beeindruckend: Eiskunstlauf-Star Ilia Malinin hat bei den Olympischen Spielen im Kurzprogramm für besondere Momente gesorgt. Und er hat den Rückwärtssalto gezeigt. Erinnern Sie sich an Surya Bonaly?
Ganz tief atmet Ilia Malinin mehrmals ein und aus, als er an diesem späten Dienstagabend auf dem olympischen Eis in Mailand steht. Der 21 Jahre alte Superstar des Eiskunstlaufens bringt diesen Sport in neue Dimensionen, hat auch abseits der Experten und Fans einen Hype entfacht. Bei seinem Kurzprogramm innerhalb des olympischen Team-Wettbewerbes hatte er Freitag Schwächen gezeigt, jetzt aber kommt es darauf an: der Einzelwettbewerb.
Auftakt mit dem Vierfach-Flip. Dann der Dreifach-Axel – den Vierfachen wird er wohl Freitag in der Kür zeigen, kein anderer Eiskunstläufer weltweit wagt dieses Element. Der junge Amerikaner rauscht durch sein Programm, brilliert, läuft und springt – auch den lange verbotenen Rückwärtssalto. Am Ende erhält er 108,16 Punkte und führt damit klar vor dem Japaner Yuma Kagiyama (103.07).
„Das ist unfassbar, was dieser Junge auf dem Eis macht“, kommentiert dazu in der ARD der frühere Eiskunstläufer Daniel Weiss. „Das war der erste Schritt zum Olympiasieg.“ Entschieden wird das Freitagabend – und auch dann zeigt Malinin den Salto.
Mit diesem Sprung hatte er schon am Sonntag bei der Kür der Team-Entscheidung auch Tennis-Star Novak Djokovic verblüfft. Der Serbe saß im Publikum, schlug sich die Hände auf seinen Kopf, staunte laut lachend, sprang auf und klatschte begeistert Beifall. Dabei schaute er Ehefrau Jelena ungläubig an. Ganz nach dem Motto: Haben wir das eben wirklich gesehen? Hat der das tatsächlich gemacht?
Von 1976 bis 2024 war der Salto verboten
Malinin begeistert die Eiskunstlaufwelt bereits seit einiger Zeit und hat nun in Mailand die größtmögliche Bühne, die der Sport zu bieten hat. Zuletzt zeigte er nicht nur sieben Vierfach-Sprünge in seiner Kür, sondern eben auch jenen Rückwärtssalto – der ist ungemein schwierig und bringt inzwischen auch Punkte.
Da bleibt die Frage, warum man den Salto nie bei den Koryphäen dieser Sportart sah. Weder bei Brian Orser (64), Brian Boitano (62), Evgeni Plushenko (43) noch bei Scott Hamilton (67)? Auch der heute 70 Jahre alte Jan Hoffmann, 1980 in Lake Placid mit Silber der bisher letzte deutsche Medaillen-Gewinner bei den Männern, machte ihn nicht.
Die Erklärung ist einfach: Der Rückwärtssalto war lange verboten. Von 1976 bis 2024 durfte der im Englischen Backflip genannte Sprung nicht gezeigt werden. Grund laut Weltverband ISU: die Verletzungsgefahr. Zudem fiel der ISU Mitte der 70er-Jahre ein, dass der Salto kein klassisches Eiskunstlauf-Element sei. Auslöser war der Amerikaner Terry Kubicka gewesen, der als erster Läufer einen Rückwärtssalto gezeigt hatte – 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck.
Als Surya Bonaly es wagte…
1998 traute sich die Französin Surya Bonaly, das Kunststück bei den Olympischen Spielen in Nagano zu zeigen, und kassierte dafür Punktabzüge, wogegen sie heftig protestierte. Die Funktionäre befürchteten, dass man bei einem missglückten Versuch auf den Zacken der Schlittschuhe landen könne.
Eiskunstlauf-Ikone Katarina Witt, die 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary Olympia-Gold gewann, findet es gut, dass der Sprung wieder erlaubt ist – auch wenn er nicht als Element gilt, sondern in die Choreografie einfließt. „Ich denke, es macht Spaß. Ich finde es großartig, dass sie das machen. Manchmal muss man einfach mit der Zeit gehen. Für junge Leute ist alles kreativer.“ Freitag will Malinin den Rückwärtssalto erneut zeigen.
