Olympia, Eiskunstlauf: „Danke“, sagt er zu ihr trotz der Fehler – die Medaille von Volodin/Hase strahlt heller als Bronze

Gold war möglich, doch es reichte nicht. Die Eiskunstläufer Minerva Hase und Nikita Volodin haben bei den Olympischen Winterspielen Bronze gewonnen. Seine Geste am Ende der Kür sagt viel aus. Auf dem Eis sitzen zwei Sportler, die mit ihrem Olympia-Traum eigentlich schon abgeschlossen hatten.

Als die Musik von Max Richter an diesem späten Montagabend die Eiskunstlaufarena Mailands erfüllt, sind es noch vier Minuten bis zur möglichen Erfüllung ihres Traumes. Ein Traum, der sich erst spät und sehr langsam in Herz und Kopf von Minerva Hase geschlichen hat. Und den ihr Paarlauf-Partner Nikita Volodin schon als kleiner Junge hegte. Die zwei erwecken die Musik auf Eis und Kufen nun zum Leben. Der Dreifach-Twist gelingt. Dann eine Kombination: Dreifach-Toeloop, Doppel-Axel, Doppel-Axel – den letzten reißt sie leicht auf. Schwerer wiegt danach der Salchow: Hase springt ihn einfach statt dreifach. Aus der Traum?

Diese Kür ist eine Mammutaufgabe, sie kann verzaubern und eine ganze Arena einnehmen. Sie kann ein Rausch sein zu getragenen Klängen. Es gelingt ihnen an diesem Abend nicht – trotz wunderbar geworfenem Dreifach-Rittberger und anderer guter Elemente. Nach dem letzten Ton, dem letzten Schritt sitzen sie sich gegenüber auf dem Eis. Kein Jubel wie nach dem fabelhaften Kurzprogramm, aber auch kein lauter Ärger. Leise Enttäuschung bei ihr. Dann legt Volodin seine Hand auf ihre Schulter, schaut sie an und lächelt. „Danke“, sagt er.

Für Hase sind dies die zweiten Winterspiele nach einem Corona-Drama 2022 in Peking mit ihrem früheren Partner Nolan Seegert. Für Volodin ist es das Debüt auf dieser Bühne. Beide hatten ihren Olympia-Traum bereits begraben – und nun hatten sie die große Chance auf Gold. Sie konnten sie nicht nutzen.

Am Ende gewannen die Japaner Riku Miura und Ryuichi Kihara, amtierende Weltmeister, nach einer fantastischen Kür verdient (231,24 Punkte) vor den Georgiern Anastasia Metelkina/Luka Berulava (221,75) – Hase/Volodin holten Bronze (219,09). Kihara weinte hemmungslos vor Glück. Das zweite deutsche Paar Annika Hocke/Robert Kunkel landete mit einer hinreißenden Darbietung zu Meat Loafs „I’d do anything for love“ und 194,11 Punkten auf Platz zehn.

„Der Stolz ist größer als die Enttäuschung. Natürlich sind wir mit der Kür nicht zufrieden, vor allem ich nicht. Ich habe ja die Fehler gemacht. Aber wir haben bis zum Ende um jeden Punkt gekämpft, um jeden Ton der Musik“, sagte Hase später in den Katakomben der Eiskunstlaufarena. „Eine Medaille ist eine Medaille. Und ich glaube, das ist schon krass. Vor vier Jahren in Peking war es das schlimmste Erlebnis bei Olympia, das ich mir vorstellen konnte. Von daher würde ich sagen, habe ich die Spiele zu einem schönen Event für mich gemacht. Es ist noch nicht perfekt, aber ich bin sehr stolz, wie ich selbst in den vier Jahren gewachsen bin und vor allem, wie wir zwei als Team gewachsen sind.“

Wenn die Hoffnung zurückkehrt

Schon während der Ehrenrunde auf dem Eis, danach bei der Siegerehrung und dann bei der erneuten Ehrenrunde mit deutscher Fahne waren die Enttäuschung bei ihr, das aufmunternde Lächeln bei ihm mehr der Freude über Bronze gewichen. Für beide ist es die erste olympische Medaille und der größte Erfolg ihrer Karriere. Ja, es war mehr drin an diesem Abend. Und sie haben Fehler gemacht, über die sie sich ärgern. Das Bild aber ist größer – denn die Überschrift ihres Programmes lautete nicht ohne Grund: „When hope returns“ – wenn die Hoffnung zurückkehrt. Worte, die sie auf ihren gemeinsamen Weg beziehen, der im Sommer 2022 begann.

„Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich noch mal die Möglichkeit für einen Olympia-Start bekomme“, sagte Hase im WELT-Gespräch. Ihr damaliger Partner Nolan Seegert war bei den Winterspielen in Peking bis kurz vor dem Wettkampf in Corona-Quarantäne gewesen und stand dann mental und körperlich erschöpft auf dem Eis. Mehrere Stürze und abgebrochene Hebungen waren die Folge.

Später trennten sich ihre Wege. „In der Woche nach Olympia, dachte ich, ich höre komplett auf, ich mache auch keine Weltmeisterschaft mehr. Das war’s für mich. Du arbeitest seit 20 Jahren auf den Olympiatraum hin – und dann erlebst du solche Olympischen Spiele. Das war wirklich schlimm“, erzählt sie. Hase war ohne Partner und ohne Motivation, fiel in ein tiefes Loch.

Volodin auf der anderen Seite trainierte in St. Petersburg als Paarläufer ebenfalls alleine, hatte die Hoffnung auf seinen olympischen Traum aufgegeben und lief Shows, um Geld zu verdienen und um in seinem Sport zu bleiben. „Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch eine Chance bekomme“, sagte er, der schon als Dreijähriger mit dem Eiskunstlauf begonnen hatten.

Hases Trainer Dimitri Sawin brachte die beiden schließlich zusammen. Für Hase hieß es: Nikita oder keiner. Und umgekehrt genauso. Sie waren ihre einzige Chance. Sawin war sich seiner Sache allerdings von Anfang sehr sicher. Als Hase den ihr damals unbekannten Volodin dann im Sommer 2022 am Berliner Flughafen in Empfang nahm, um in den Folgetagen eine Art Speeddating auf Eis zu machen, ging es um alles. „Als wir die ersten Hebungen machten, die ersten Elemente, habe ich sofort gemerkt, dass ich ihm vertrauen kann. Es hat sich alles sehr leicht, auch sehr rhythmisch gleich angefühlt“, sagt sie. „Ich war Feuer und Flamme und dachte: Den muss ich irgendwie halten.“

„Sie haben die gleiche Seele“

Das neue Duo startete furios und gewann im ersten gemeinsamen Wettkampfjahr 2024 WM-Bronze und EM-Gold. Ihr Ziel, es bis zu den Spielen in Mailand in die Weltspitze zu schaffen, hatten sie damit deutlich früher erfüllt, als sie es selbst erhofft hatten. „Sie haben die gleiche Seele. Sie vertrauen sich, sie glauben an sich selbst und an den anderen“, sagt Sawin. Und ihr zweiter Trainer, der Berliner Knut Schubert, drückt es so aus: „Nikita hat Minni verdient, und Minni hat Nikita verdient.“

Um bei Weltmeisterschaften für Deutschland zu starten, braucht es keinen deutschen Pass, sondern nur die Freigabe des ursprünglichen Verbandes. Und die erhielt der gebürtige St. Petersburger Volodin. Bei Olympischen Spielen sieht das anders aus. Im Sommer 2025 bestand er schließlich den Einbürgerungstest samt Nachweis der Sprachkenntnisse. Der Weg war frei für die olympische Bühne.

Und sie gingen die Sache mutig an: Mit ihren zwei Programmen für die olympische Saison zeigten Hase/Volodin Risikobereitschaft. Schon der Tango fürs Kurzprogramm brachte eine große Herausforderung mit sich, ihre Kür nicht minder. Als Choreograf verantwortlich ist der Franzose Benoit Richaud. Er schlug ihnen die Musik und das Thema vor. „Wir waren direkt begeistert. Genau so etwas wollten wir“, erzählt Hase. „Wir wollten nicht auf Nummer sicher gehen, irgendetwas Theatralisches, Drama machen, sondern durch die Choreo und die Elemente die Musik aufleben lassen.“ Sie stellten allerdings fest: Das ist schwieriger, als sie vermutet hatten. Die Kür kommt nur dann zu ihrer vollen Wirkung, wenn sie fehlerfrei gelaufen wird und jede Bewegung stimmt.

Hinzu kam noch: Die beiden müssen trotz ruhiger Musik das Tempo hochhalten – für Hase/Volodin, zwei für das Paarlaufen sehr große Sportler, eine weitere Herausforderung und ein Punkt, für den sie in der Vergangenheit immer wieder Kritik einstecken mussten. Aber sie hatten hart daran gearbeitet. Und starteten am Sonntag perfekt in den Wettbewerb: 80,01 Punkte für das Kurzprogramm bedeuteten eine persönliche Bestleistung, sodass sie mit 4,55 Zählern Vorsprung auf die zweitplatzierten Georgier Anastasia Metelkina/Luka Berulawa in die Kür gingen. Zuvor hatten allerdings die Japaner eine Meisterleistung aufs Eis gezaubert, dafür zu Recht 158,13 Punkte erhalten und damit insgesamt 231,24 Zähler.

Hase und Volodin hätte sich maximal einen kleinen Wackler leisten können, um sich an der Spitze zu behaupten. Doch es wurde mehr. „Ich bin dennoch einfach sehr erleichtert, dass es gereicht hat für eine große Medaille. Egal, welche Farbe sie hat“, sagte Hase. Dann verließen sie zu nächtlicher Stunde die Eislauf-Arena mit zwei Bronzemedaillen.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Mailand. Hier finden Sie alle ihre Artikel.