Ungewöhnlich sanfte Bilder waren das, am Donnerstag auf der Stelvio. Den Schweizer Franjo von Allmen etwa konnte man beobachten, wie er sich beim Zielsprung nach vorn lehnte, mit den Händen die Skispitzen berührte. Oder Dominik Paris, der mitten im Sprung die Hüften zur Seite drehte und die Ski querstellte. Die Alpinskifahrer sprangen teilweise wie die Freestyle-Athleten durch die Gegend, die auf der anderen Seite des Passo di Foscagno in Livigno ihre Bewerbe austragen. War denn wirklich allein die Sonne verantwortlich für die ganze Heiterkeit?
Das ist es schließlich, was man am häufigsten von Skirennfahrern über die Stelvio hört, die Olympia-Abfahrtspiste in Bormio, auf der am Samstag der erste Skiwettbewerb der Spiele stattfindet (11.30 Uhr): Der Schatten, so sagen manche mit einer leichten Übertreibung, er lege sich normalerweise zum Winterbeginn über den steilen Hang und verschwinde erst wieder mit den ersten Frühlingsblumen. Wenn die Abfahrer hier zum Weltcuprennen anreisen, alljährlich Ende Dezember, dann rechnet niemand mit der Sonne.
Nun aber, Anfang Februar, ein anderes Bild. Wilde Sprünge im gleißenden Sonnenlicht, als wäre ein Jugendskikurs auf der Durchreise. Und die Frage: Ist das denn wirklich noch die berüchtigte, gefährliche, unbezwingbare Stelvio, vor der alle gewarnt haben? Oder eine milde Olympia-Variante davon?
Ein Indiz für eine Antwort liegt weiter oben. In einer der Rechtskurven nach dem Start scheint am Donnerstag ebenfalls die Sonne, aber der Österreicher Daniel Hemetsberger verliert trotzdem erst die Bodenhaftung, dann das Gleichgewicht und kurz vor seinem Aufprall in den Zaun auch noch den Helm. Mit blutverschmiertem Gesicht rappelt er sich kurze Zeit später wieder auf, der Sturz geht glimpflich aus, auch weil sich der Airbag geöffnet hatte, den die Rennfahrer unter ihrem Anzug tragen. Hemetsberger kann einiges einstecken, er fährt bereits seit vielen Jahren ohne Kreuzbänder im Knie. Im Ziel ärgert er sich nur mehr über das verpatzte Training: „Die Piste wäre cool gewesen, es hätte mich richtig gefreut, da runterzufahren.“
Cyprien Sarrazin stürzte vor zwei Jahren im Training in Bormio so schwer, dass die Ärzte um sein Leben kämpfen mussten
Vielleicht ist das noch einmal ein guter Ausgangspunkt für ein besseres Verständnis davon, was hier abläuft: Ein normaler Mensch hätte nach Hemetsbergers Sturz dem Himmel gedankt, noch am Leben zu sein, und wäre dann vermutlich nie wieder Ski gefahren. Ein normaler Mensch würde auch eine ausgekugelte Schulter als Absagegrund für eine Abfahrt ansehen, doch der Norweger Fredrik Moeller – am Mittwoch im ersten Training gestürzt – will es trotzdem probieren. Skiabfahrer sind keine normalen Menschen, sie sind „Viecher“, wie man im Österreichischen sagt, Vincent Kriechmayr nannte Hemetsberger am Donnerstag einen „Stier“. Und doch kommen selbst sie in Bormio immer wieder an ihre Grenzen.
Die Liste der schweren Stürze, die auf der Stelvio in den vergangenen Jahren passiert sind, ist erschreckend lang. Eine Auswahl: Der US-Amerikaner Marco Sullivan kam 2010 mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus, der Slowene Klemen Kosi erlitt 2018 schwere Gesichtsfrakturen, der Österreicher Marco Schwarz stürzte 2023 und benötigte fast zwei Jahre, um in die Weltspitze zurückzukehren. Und dann schwebt über allem immer noch das Jahr 2024, das Seuchenjahr der Stelvio.

Josua Mettler und Gino Caviezel aus der Schweiz sowie Pietro Zazzi aus Italien mussten damals mit dem Helikopter abtransportiert werden. Vor allem aber blieb der Sturz des Franzosen Cyprien Sarrazin in Erinnerung, der im Mittelteil vor einem Sprung verkantete, abhob und auf dem Rücken landete. Er sei an diesem Tag im Dezember „fast gestorben“, sagte Sarrazin im Nachgang. Fünf Tage lang kämpften die Ärzte um sein Leben und darum, dass er keine bleibenden Schäden davontrug. Das gelang, aufgeben will er nicht, Sarrazin arbeitet heute weiterhin an seinem Comeback, auch wenn an Olympische Spiele nicht zu denken war. Aber sein Sturz war ein Mahnmal für die Gefährlichkeit der Strecke. Und der Auslöser für scharfe Kritik.
„Sie wissen nicht, wie man eine Strecke präpariert“, sagte damals Sarrazins Teamkollege Nils Allegre: „Seit 40 Jahren präparieren sie Strecken, aber sie wissen nichts – außer, wie man sie gefährlich macht.“ Der Franzose sprach den Veranstaltern damals gar die Olympia-Eignung ab, es brauchte ein Machtwort des Fis-Verantwortlichen Markus Waldner, um die Debatte einzudämmen.
Die grundsätzliche Problematik der Stelvio aber bleibt dieselbe, egal ob Dezember 2024 oder Februar 2026: Das steile Gelände in Bormio, der große Höhenunterschied von fast 1000 Metern, das alles hat bei der Präparierung seine Tücken. Oben, in der Mitte und unten dieselbe Schneequalität hinzubekommen, ist aufgrund der Sonneneinstrahlung und der damit verbundenen Temperaturunterschiede äußerst schwierig. Das kann in eisigen Verhältnissen oben und griffigen Verhältnissen weiter unten münden, die Athleten aber haben ein Paar Ski untergeschnallt, das nur für eine der zwei Bedingungen geeignet ist. „Man weiß in Bormio immer, was man bekommt: eine gefährliche Mischung, an die man sich nicht anpassen kann“, sagt einer, der hier jahrelang mitgefahren ist, aber mit dieser Einschätzung lieber nicht in der Zeitung stehen will. „Überlebenskampf“ nannte Marco Odermatt eine Fahrt hier vor einigen Jahren.
Andererseits: Genau danach verlangen die Fahrer. Die Olympia-Abfahrten vergangener Spiele wurden von den meisten als Anmaßung empfunden, sowohl in Pyeongchang 2018 als auch in Peking 2022 etwa waren es künstlich angelegte Strecken ohne den Flair der europäischen Klassiker. Aus dem berühmten Quartett mit der Streif (Kitzbühel), der Saslong (Gröden) und der Lauberhorn-Strecke (Wengen) ist die Stelvio die erste Abfahrt, der die große Ehre zuteilwird, bei Olympischen Spielen befahren zu werden. Ein wenig ist das so wie bei den Sommerspielen in London 2012, als die Tenniswettbewerbe in Wimbledon stattfanden: Der Sport kehrt an einen seiner berühmtesten Orte zurück. Nur ist das in diesem Fall eben mit einem gewissen Risiko verbunden.
Zugeben will das dieser Tage unter den Fahrern allerdings noch niemand. In den Interviews hört man gute wie schlechte Sachen über die Strecke, mehr Sonnenschein und besseres Licht sei auf jeden Fall nicht schädlich beim Fahren. „Die Piste hat sich gut entwickelt in den letzten Tagen“, sagte etwa Deutschlands Starter Simon Jocher. Die Trainingsfahrten allerdings werden vor einer Olympiafahrt noch mehr als sonst taktisch genutzt, viele bremsen an entsprechenden Stellen ab, um keine Hinweise auf die Ideallinie an die Konkurrenz zu geben. Zur Taktik zählen auch die Manöver mit den Kunstsprüngen beim Zielsprung, als Showeinlage für die Kameras. Der ernste Test steht auf der Stelvio erst noch bevor.
