So konnte der WM-Vierte nicht eingreifen, als es am Abend um die olympischen Medaillen ging – in einer Sportart, deren Protagonisten sich kopfüber, auf dem Bauch liegend, mit Spitzengeschwindigkeiten von 125 Kilometern pro Stunde eine Eisbahn hinabstürzen – und dabei an menschliche Kanonenkugeln erinnern.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Die Goldmedaille sicherte sich überlegen der britische Weltmeister Matt Weston, der einen makellos weißen Helm trug und in der Addition der vier Läufe einen Vorsprung von 0,88 Sekunden herausfuhr. Silber und Bronze gewannen zwei deutsche Sportler: Axel Jungk errang – wie schon vor vier Jahren – die Silbermedaille. Christopher Grotheer, in Peking noch Olympiasieger, wurde diesmal knapp hinter Jungk Dritter (+1,09).
Die beiden Ü30-Athleten feierten ihren Erfolg unmittelbar nach dem Zieleinlauf mit Deutschlandflaggen, unterschieden sich in der ersten Analyse ihrer Darbietungen aber eklatant. „Es war ein unfassbar schlechter vierter Lauf“, schimpfte Jungk. Grotheer zeigte sich dagegen „nach einer harten Saison“ stolz auf sich und seine Vorstellung: „Heute habe ich fahrerisch eine super Leistung gezeigt, das kommt fast noch an Peking heran.“
Meinungsfreiheit erlaubt, aber nicht am Wettkampfort
Doch über dem sportlichen Wettstreit schwebte der „Helm-Skandal“. Heraskewytsch hatte einen Kopfschutz mit Porträts ukrainischer Athleten, die im russischen Angriffskrieg getötet wurden, tragen wollen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sah diese humanitäre Demonstration jedoch als unvereinbar mit der Olympischen Charta an.
Das IOC verbot dem Ukrainer das Tragen des menschlich anrührenden Helms, weil dieser ein politisches Symbol darstelle. Als Heraskewytsch sich weigerte, einen neutralen Kopfschutz zu tragen, wurde er noch vor dem ersten Lauf am Donnerstag durch die Jury des Bob- und Skeleton-Weltverbands IBSF disqualifiziert.
Christopher Grotheer fühlte mit dem ausgeschlossenen Konkurrenten: „Das ist extrem hart. Ich kann mir da kein Urteil zu bilden, weil in Deutschland kein Krieg herrscht. Ich kann mich nur in die Situation hineinversetzen als Sportler. Du trainierst vier Jahre, hast dann deinen Moment und darfst nicht fahren. Das tut mir leid für ihn.“
Am Freitag bekam Heraskewytsch seinen Ausschluss bestätigt. Die Ad-hoc-Kammer des CAS wies den Antrag auf Wiederaufnahme in den Wettbewerb zurück. Sie urteilte, „dass die Meinungsfreiheit bei den Olympischen Spielen zwar gewährleistet ist, nicht aber am Wettkampfort selbst“, so CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb nach der Entscheidungsfindung in Mailand. Dies stelle „ein unantastbares Prinzip“ dar.

Bei der Verhandlung war Heraskewytsch anwesend und hatte auch seinen Helm dabei – der wohl als politisches Symbol in die Geschichte dieser Winterspiele eingehen wird. Der Ukrainer hatte sich zuvor unbeugsam gezeigt und erklärt, dass er den Helm auf alle Fälle tragen würde, was ihm bei den Trainingsfahrten übrigens noch erlaubt gewesen war. Heraskewytsch argumentierte gegenüber dem CAS, dass sein Ausschluss „unverhältnismäßig“ sei und ihm „irreparablen sportlichen Schaden“ zufüge.
„Die Regeln sind die Regeln“
Doch er kam damit nicht durch, obwohl CAS-Richterin Annett Rombach „vollstes Verständnis für Herrn Heraskewytschs Gedenken“ zeigte. Sie sah sich jedoch „an die Richtlinien des IOC zur Meinungsfreiheit von Athleten gebunden“.
Das CAS wies darauf hin, dass der Athlet sein Anliegen bei Pressekonferenzen, in den „Mixed Zones“, wo sich Athleten und Journalisten begegnen, oder in sozialen Netzwerken hätte vorbringen können. Und IOC-Präsidentin Kirsty Coventry betonte abermals den Standpunkt ihrer Organisation: „Die Regeln sind die Regeln, wie sie heute gelten. Und ich glaube, es ist eine sehr gute Regel, weil sie ihren Zweck erfüllt.“
