Die erste Siegerehrung dieser Olympischen Spiele, bei der die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, hatte den improvisierten Charme eines Richtfests. Auf dem Baustellengelände hinter der Startkurve an der neuen Rodelbahn in Cortina d’Ampezzo hatten der Deutsche Max Langenhan, der Österreicher Jonas Müller und der Italiener Dominik Fischnaller Aufstellung genommen: die Medaillengewinner im Rodeln der Männer.
Das Publikum stand in Schneematsch und Schlamm dicht gedrängt, die Handys gezückt, den Helden ganz nah. Sportler zum Anfassen, diese Rodler. Und Männer mit Herz, wie man an den Tränen erkennen konnte, die Langenhan verdrückte.
Cool wie ein Eiskönig
Auf dem Schlitten, in der Bahn, hatte der 26-Jährige dagegen cool wie ein Eiskönig agiert. Mit vier Bahnrekorden in vier Läufen raste der aktuelle Weltmeister beim olympischen Wettbewerb in einer eigenen Tempo-Liga dem größten Erfolg seiner Karriere entgegen – und das, obwohl er sich am Tag vor den ersten beiden Durchgängen noch einen steifen Hals zugezogen hatte, der eine schlaflose Nacht nach sich zog. Erst ausgiebige Massagen brachten Langenhan davon ab, auf seinen Olympia-Start zu verzichten.
Im Wettbewerb war dann nichts davon zu spüren, dass er in irgendeiner Weise gehandicapt gewesen wäre. Mit 0,596 Sekunden Vorsprung distanzierte der Thüringer seinen ärgsten Rivalen Müller auf Rang zwei. Der drittplatzierte Fischnaller wies schon fast eine Sekunde Sicherheitsabstand in der Addition aller Läufe auf (+0,934).
„I used to rule the world“
Der zweimalige Olympiasieger Felix Loch, der in Cortina eigentlich an seine Glanzzeiten von Vancouver und Sotschi anknüpfen wollte, belegte nach einem für seine Verhältnisse schwachen ersten und einem etwas besseren zweiten Tag in der Endabrechnung Rang sechs (+1,860). „Viva la Vida“ spielte die Rodel-Regie, als alle Fahrten absolviert waren. Es schien, als sei dieser ewig junge Coldplay-Hit aus dem Jahr 2008 Felix Loch gewidmet, handelt das Stück doch von einem König, der abgedankt hat: „I used to rule the world“.

Der neue Herrscher im Einsitzer heißt Max Langenhan, der nun als aktueller Weltmeister und Olympiasieger ein doppelt vergoldetes Rodel-Diplom vorweisen kann. „Was der Max hier die zwei Tage runtergerissen hat, war einfach sensationell“, lobte auch Loch seinen Teamkollegen in den höchsten Tönen. Der 36-Jährige stand schon im Ziel parat, als der zehn Jahre Jüngere seinen letzten Lauf absolvierte – und deutete mit einer tiefen Verbeugung das Ziehen eines imaginären Huts an.
Mit sich selbst konnte Loch, der im Viva-la-Vida-Jahr 2008 den ersten seiner insgesamt 16 Weltmeister-Titel gewann, nicht zufrieden sein: „Irgendwie war hier der Wurm drin“, resümierte er seine fehlerhaften Fahrten. Der erst 22 Jahre alte Timon Grancagnolo war dagegen von seinem Olympiadebüt durchaus angetan. Mit 2,301 Sekunden Rückstand belegte der Chemnitzer Rang neun und freute sich besonders über die Atmosphäre in Cortina.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, in manchen Ländern nicht oder nur teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen, übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Da die Verjährungsfrist für Doping-Vergehen erst nach zehn Jahren abläuft, kann sich die Reigenfolge durch positive Nachtests bis zum 22. Februar 2036 verändern.
Die Zuschauer erkannte er dicht an der Bahn und in einer langgezogenen Linkskurve sah er aus den Augenwinkeln sogar, dass sie eine „La Ola“ für ihn machten. Fast hätte er zurück gewunken – was natürlich nur ein Scherz war. Über seinen gekrönten Teamkollegen sagte Grancagnolo: „Max ist ein totaler Athlet – und dabei immer locker.“
Georg Hackl mit Glück im Unglück
Glück im Unglück hatte der einstige deutsche Rodel-Star Georg Hackl, der seit einigen Jahren für den österreichischen Verband arbeitet. Hackl war als Beobachter beim Training der Damen am Rande der Olympiabahn auf einem Steg in eine Lücke geraten und in einen knapp zwei Meter tiefen Schacht gestürzt. Mit einer ausgekugelten Schulter war er noch glimpflich davongekommen. Es ist eben nicht alles Gold, was im Dunkeln leuchtend glänzt, und der in Rekordzeit hochgehexte Eiskanal in Cortina hat so seine Tücken – vor allem neben der Fahrbahn.
Max Langenhan störte das unfertige Ambiente nicht, er war einfach nur glücklich. Mit einer umgehängten Deutschlandfahne verneigte er sich vor den vielen feiernden Fans auf der Baustelle, küsste ausgiebig seine Freundin Susanne – und dachte im Moment seines Triumphs auch daran, wie viele Menschen daran beteiligt waren, dass er Olympiasieger werden konnte. „Ich bin dankbar für jede Person, die ich auf dem Weg kennenlernen durfte“, sagte er: „Am Ende darf ich mir die Medaille umhängen, aber eigentlich müssten 300 Leute eine Medaille bekommen, weil sie alle Teil des großen Ganzen sind.“
