Olympia 2026: Rodler Felix Loch im Interview vor Mailand Cortina

Felix Loch, 36 Jahre alt, ist zweimaliger Olympiasieger im Rennrodeln. Er gewann zudem sechs Weltmeistertitel im Einsitzer. Zahlreiche Erfolge in Team- und Sprintwettbewerben komplettieren seine sportliche Vita. An diesem Samstag startet er im Einsitzer zum ersten (17.00 Uhr) und zweiten Lauf (18.32 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport). Die Entscheidung in diesem Wettbewerb fällt am Sonntag.

Der Sohn des ehemaligen Bundestrainers Norbert Loch stammt aus Sonneberg in Thüringen und lebt mit seiner Frau Lisa in Schönau am Königssee. Das Paar hat zwei Söhne. Loch gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Athletes for Ukraine“. Er führte auch einen Konvoi mit Fahrzeugen an, der Hilfsmittel an die polnisch-ukrainische Grenze brachte. Zudem engagiert er sich für die Kinderhilfsorganisation Plan International.

Herr Loch, Sie waren schon 2010 und 2014 Olympiasieger. Nun gehen Sie zum fünften Mal bei Olympischen Spielen an den Start. Wollen Sie sich noch etwas beweisen?

Nein, gar nicht. Mir macht einfach der Sport, also das Rodeln, so viel Spaß wie vor zehn oder 15 Jahren. Ich will nicht sagen, dass ich nichts anderes kann. Aber ich kann mir gar nichts anderes vorstellen. Beweisen muss ich niemandem mehr etwas.

Felix Loch ist zum fünften Mal bei Olympischen Winterspielen am Start.
Felix Loch ist zum fünften Mal bei Olympischen Winterspielen am Start.dpa

Woraus besteht denn die Faszination des Rodelns? Was begeistert Sie so sehr daran?

Einerseits die Geschwindigkeit, ganz klar. Wenn man mit 130 oder 140 Kilometern pro Stunde runterfahren kann, mit den Fliehkräften in den Kurven, dann kann man sich selbst verwirklichen. Und man kann an seinem Schlitten selbst etwas ausprobieren und es dann auf der Bahn testen. Man merkt dann gleich: Das funktioniert besser, oder das war jetzt mal nichts. Das ist für mich etwas ganz Schönes, weil ich gerne selbst am Schlitten rumschraube.

Sie sind also ein Tüftler? Aber kein Schlittenbauer?

Doch, zum größten Teil machen wir schon sehr viel selbst, aber wir haben natürlich auch Zulieferer, die uns gewisse Teile bauen. Am Ende ist es relativ einfach – dieses Stück Stahl, das unter dem Schlitten ist, entscheidet.

Die Schiene entscheidet zum großen Teil über Sieg oder Niederlage. Und an diesem Stück Stahl arbeitet man täglich, vor dem Training, nach dem Training – je nachdem, wann es halt passt –, und stimmt es auf die gegebene Bahn und Witterung möglichst perfekt ab.

Sie sind also der Ingenieur Ihres eigenen Erfolgs. Machen Sie das sehr akribisch oder auch aus dem Bauch heraus? Sind Sie mehr ein Kopfmensch oder mehr ein Gefühlsmensch?

Eigentlich will ich fast sagen: beides. Man muss auf beide Sachen vertrauen. Einerseits auf Daten. Aber am Ende braucht man auch Bauchgefühl. Man muss auf das vertrauen, was man über viele Jahre auf den unterschiedlichsten Bahnen lernt. Man weiß in der Regel, was man machen muss, um auf der jeweiligen Bahn wirklich schnell zu fahren.

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Wie hat sich der Sport im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre verändert? Würden Sie mit dem Schlitten von Vancouver 2010 heute noch gewinnen können?

Das ist wahrscheinlich wie in jeder Sportart: Das Material entwickelt sich immer weiter. Man findet immer wieder irgendwo ein bisschen Zeit. Das größere Pro­blem wäre wahrscheinlich das Reglement, das sich über die Jahre immer wieder verändert hat. Aber von außen – wenn sich ein Laie den Schlitten anschaut – weiß ich nicht, ob man große Unterschiede sieht.

Ein Rodelschlitten bleibt ein Rodelschlitten?

Ja. Es sind eben Kleinigkeiten, die jedes Jahr ein bisschen angepasst werden. Aber am Ende muss auch einer draufliegen, der den Schlitten beherrscht und gut von oben nach unten bringt.

Die Abstände bewegen sich im Hundertstelsekundenbereich. Merken Sie es unterwegs, ob Sie schnell sind?

Ja, ich sag mal: Zwei Zehntelsekunden Unterschied merke ich auf jeden Fall. Was man auch merkt, ist, wie sich der Lauf anfühlt. So viel Gefühl hat man schon und weiß: Da hat jetzt alles gepasst. Oder: In der Kurve war ich ein bisschen zu spät dran oder in der Kurve ein bisschen zu früh. Dann weiß man in der Regel, dass man Zeit liegen gelassen hat.

Der Lauf muss sich rund anfühlen?

Ja, das ist ein guter Indikator. Wenn sich die Fahrt geschmeidig und rund anfühlt, dann ist sie in der Regel auch schnell. Es kommt aber ein bisschen auf die Bahn an. Es gibt Bahnen, die sind ein bisschen eckig. Da ist es dann viel schwieriger einzuschätzen. Auf einer Bahn, die gut ausgebaut ist, kann man es gut einschätzen.

Wie ist die Bahn in Cortina zu fahren? Ist sie eine runde oder eine eckige Bahn?

Bei Kurve drei/vier gibt es eine Schwierigkeit, bei der es wirklich genau passen muss. Aber es ist alles machbar. Wir haben dort schon im November trainieren können und haben die Bahn schnell im Griff gehabt.

Also gehen Sie es zuversichtlich an, Ihr neues Olympia-Abenteuer?

Ja, auf jeden Fall, weil alles andere keinen Sinn ergeben würde. Wenn ich schon sage, das wird nichts, dann wird es wahrscheinlich sowieso nichts. Deswegen muss man schon positiv an die ganze Sache rangehen. Deswegen freue ich mich auf die Spiele – auch weil ich glaube, das werden wieder richtig „schöne“ Olympische Spiele. Wir haben kein Corona, sind nicht ewig weit weg, sind dort, wo der Wintersport zu Hause ist. Deswegen freue ich mich sehr.

Im Gegensatz zu Sotschi, Pyeongchang und Peking ist Norditalien tatsächlich Heimat des Wintersports?

Ich habe nie daran gezweifelt. Wenn das jemand hinbekommt, dann sind es die Italiener. Wir in Deutschland hätten es zu 100 Prozent nicht geschafft – bestes Beispiel ist die Bahn bei uns am Königssee.

Genau. Wir schaffen es innerhalb von fünf Jahren nicht, eine Bahn zu reparieren. Was unglaublich schade und traurig ist. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich sagen soll. Aber das spiegelt so ein bisschen wider, wie es gerade bei uns in Deutschland läuft.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach?

Bürokratie, zu viele Entscheider, aber keiner, der den Hut aufhat und sagt: Das wird jetzt so gemacht. Deswegen habe ich mir in Italien nie Sorgen gemacht, denn die wollten das von Anfang an. Es wäre schön gewesen, wenn sie ein Jahr früher dran gewesen wären, dann wäre alles wirklich komplett fertig. Aber am Ende haben wir dort eine großartige Bahn, eine Sportstätte, auf der wir noch viele Jahre – hoffentlich Jahrzehnte – fahren können und das auch immer wieder tun werden.

Zugleich verfällt in Cesana die Olympiabahn von 2006. Es ist schon ein Problem des Rodelsports, dass es keine nachhaltige Nutzung der Bahnen gibt?

Na ja, gut, das ist Cesana. Der italienische Rodelsport findet nicht dort statt, sondern in Südtirol. Die Bahn dort wurde aufgrund der Olympischen Spiele gebaut. Aber auch in den Jahren danach, als sie noch in Betrieb war, sind die Italiener lieber nach Innsbruck gefahren als nach Cesana. Es gab dort vorher keinen Rodelsport, es gab nachher keinen Rodelsport – also vereinsmäßig oder mit Kindern. Es wurde nichts aufgebaut. Der italienische Rodelsport war schon immer in Südtirol zu Hause. Deshalb habe ich keine Angst, dass die Bahn in Cortina keinen nachhaltigen Nutzen hat.

Braucht es immer wieder neue Rodelbahnen?

Ich bin zuversichtlich, dass in Cortina die letzte neue Bahn sein wird. Bei den nächsten und übernächsten Olympischen Spielen gehen wir auf bestehende Sportstätten zurück – mit La Plagne für 2030. Dort ist die Bahn von Albertville 1992 noch immer in Betrieb. Und 2034 mit Salt Lake City ist es das Gleiche. Darüber bin ich sehr froh, dass man endlich davon wegkommt, im Wintersport alle vier Jahre irgendwo neu zu bauen.

Sind Sie noch Mal auf den Olympiabahnen von Sotschi, Pyeongchang und Peking gewesen? Gibt es die noch?

Pyeongchang und Peking sind ganz normal im Weltcup-Kalender integriert. Nicht jedes Jahr, aber jedes zweite Jahr schon. Die Bahnen sind voll in Betrieb und werden sehr, sehr gut benutzt. Aber Sotschi ist aus dem Kalender verschwunden wegen des russischen Kriegs.

Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine haben Sie die Initiative „Athleten für die Ukraine“ gegründet. Hätten Sie gedacht, dass der Krieg nach vier Jahren immer noch anhält?

Ich hatte am Anfang eher die Befürchtung, dass der Krieg schnell vorbei ist – und dass Russland gewinnt. Nun muss man sagen: Wahnsinn, wie die Ukrainer gegenhalten. Es ist verwunderlich, was ein Land aushalten kann – und wie lange die Menschen gegen den Aggressor ankämpfen. Mittlerweile habe ich aber die Befürchtung, dass Russland doch länger durchhält als die Ukraine und das Leid noch verstärkt wird.

Wie engagiert sich Ihre Initiative „Athleten für die Ukraine“?

Die Bereitschaft am Anfang war sensationell, aber sie hält auch weiterhin an. Es fährt immer noch alle zwei Wochen ein großer Lkw von uns mit Hilfsgütern zu den Menschen, die es dort bitter nötig haben. Das ist schon schön zu sehen, dass immer noch diese Bereitschaft zu helfen vorhanden ist. Wenn man die Bilder aus der Ukraine sieht und mitbekommt, welche Bedingungen dort herrschen: Es ist für mich unvorstellbar, wie man das so lange aushalten kann. Einfach nur Wahnsinn. Deswegen bin ich auch weiterhin froh, dass wir helfen können – auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Aber nichts zu tun, wäre auch falsch.

Er ist noch voll im Weltcup mit dabei, hat sich sogar für Olympia qualifiziert.

Ich könnte mir vorstellen, dass es für Sie ein ganz besonders gutes Gefühl ist, dass Sie so einen unmittelbaren Erfolg erzielt haben?

Natürlich freue ich mich, dass ich so helfen kann. Und am Ende sieht man die Dankbarkeit. Das ist etwas ganz Großartiges. Ich habe in meinem Leben schon sehr, sehr viele schöne Dinge erleben dürfen. Und nun etwas zurückzugeben, ist eigentlich gar nicht so schwer. Wenn man dann so viel erreichen kann, ist das natürlich etwas ganz Besonderes, sehr Schönes.

Man merkt wahrscheinlich auch, wie gering letzten Endes die Probleme sind, die wir selbst haben.

Ja, gar keine. Wenn man es so sieht, haben wir eigentlich gar keine Probleme. Ich glaube, wir machen uns viele Probleme selbst und stehen uns im Weg. Wir sind viel zu kompliziert in sehr vielen Sachen.

Ist es umso schöner, wenn man als Sportler um Hundertstelsekunden kämpfen darf und darum, wer schneller ist – dieses Herunterbrechen auf einen Wettkampf?

Ja. Und wenn man dann gewinnt, ist es sehr, sehr cool.

Wird man im Alter nicht ein bisschen ängstlicher wegen der Geschwindigkeit?

Nein, überhaupt nicht. Wir bewegen uns schon sehr am Limit, aber sonst könnte man vorne nicht dabei sein. Dessen muss man sich bewusst sein. Aber wenn ich mich oben hinsetze und sage: „Boah, ich habe jetzt Angst“ – dann werde ich wahrscheinlich irgendwie unten ankommen, aber mit Sicherheit nicht schnell. Das Gefühl hatte ich bis jetzt noch nicht. Und ich hoffe, dass es auch noch etwas dauert – oder gar nicht kommen wird.

Sind Sie allgemein ein Typ, der Tempo macht – auch im richtigen Leben –, oder können Sie auch entschleunigen?

Ich kann auch entschleunigen, aber ich bin eher der schlechte Zu-Hause-Rumsitzer-und-Nichtstuer. Wahrscheinlich bin ich auch nicht der Langsamste auf der Autobahn. Genauso bin ich sehr gern mit dem Rennrad unterwegs: Bergab lasse ich es gut krachen. Geschwindigkeit gehört schon zu meinem Leben dazu.

Haben Sie mal daran gedacht, Skeleton zu probieren? Also andersherum auf dem Schlitten zu liegen?

Auf keinen Fall. Eher setze ich mich noch in einen Bob. Aber Kopf voran irgendwo runterfahren? Niemals. Ich schlage mir lieber erst mal die Füße irgendwo an, bevor ich mir den Kopf anhaue.