
Als Johannes Høsflot Klæbo die letzten Meter für die norwegische Staffel absolvierte, erhob sich das Publikum im ausverkauften Langlaufstadion von Tesero im Val di Fiemme. Klæbo, uneinholbar vorne, nahm seine Stöcke in eine Hand, ballte die Fäuste und lief jubelnd über die Ziellinie, seinen drei Kollegen Emil Iversen, Martin Løwstrøm Nyenget und Einar Hedegart entgegen, die ihn begeistert in die Arme nahmen.
Verausgaben musste sich Klæbo bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel gar nicht. Norwegen lag weit vorne. Dem wohl sichersten Goldtipp dieser Olympischen Winterspiele folgte eine besondere Krönung. Der diesmal so entspannt laufende Klæbo wurde zum neunten Mal Olympiasieger, zum erfolgreichsten Sportler in der Geschichte der Winterspiele.
Hinter ihm liegen, mit jeweils acht Goldmedaillen, drei weitere Norweger: Marit Bjørgen, eine Langläuferin, Ole Einar Bjørndalen, ein Biathlet, und Bjørn Dæhlie, auch er ein Loipenspezialist, allerdings ohne Gewehr. Klæbo sagte: „Es ist großartig, auf dieser Liste ganz vorn zu stehen.“
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Am Dienstag, bei seinem Sprinterfolg im Klassikstil, hatte Klæbo große Verblüffung ausgelöst. Kurz vor dem Ziel raste er – wie ein Sprinter auf der Tartanbahn – einen steilen Berg hinauf und ließ seine Gegner quasi „stehen“. Die Reaktionen im ausverkauften Stadion im Zielbereich: Kreisch- und „Oh!“-Laute. Klæbo fand die Reaktionen „cool“. Allerdings liegt ein Schatten auf diesem Erfolg. Norwegen hatte beim Skiweltverband FIS den Antrag gestellt, zur raschen Skipräparierung zwischen den Sprintdurchgängen eine Steigwachsmaschine benutzen zu dürfen. Die FIS erteilte die Erlaubnis, kommunizierte das aber nicht.
Beim Treffen der Teamkapitäne am Abend zuvor sei allerdings die Nutzung eines solchen Gerätes untersagt worden, erzählt der deutsche Bundestrainer Peter Schlickenrieder. Entsprechend groß war die Verwunderung über das Vorgehen der FIS, das erst drei Tage nach dem Sprintrennen im Zuge eines finnischen Protests publik wurde. Der Einspruch wurde jedoch abgelehnt, weil die Frist dafür bereits verstrichen war. Die FIS räumte einen Fehler in der Kommunikation ein. Klæbo bleibt Olympiasieger im Sprint.
Das Erfolgsunternehmen der Familie Klæbo
Klæbo, 29 Jahre alt, 1,84 Meter groß, blond, blaue Augen, strahlendes Lächeln, ist der erfolgreichste Titelsammler der Langlaufgeschichte: 15 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und nun neun bei Olympischen Spielen. Hinzu kommen 107 Siege im Weltcuprennen, die Gesamtwertung dieser Serie entschied er fünfmal für sich. Und wegen seiner Leistungen, seines Auftretens und seines Aussehens behandelt ihn Norwegen, das Land der Langläufer, wie einen Superstar.
Besonders froh ist Klæbo derzeit darüber, dass sein Großvater Kare Høsflot, 82 Jahre alt, zu den Zuschauern in Tesero gehörte. Der Opa steuerte das Training seines Enkels und lehrte ihn besondere technische Feinheiten, damit er auf diese Weise zunächst vorhandene Größennachteile ausgleichen konnte. Das hat eine Wirkung bis heute. Schlickenrieder sagt, dass die Art und Weise, wie sich Klæbo in den Loipen bewegt, einzigartig ist: „Klæbo ist ein Künstler auf den Skiern, ausgestattet mit einem sensationellen Gespür für Schnee und einem ausgefeilten Blick für das Gelände.“
Neben dem Großvater sind noch andere Familienmitglieder in das Erfolgsunternehmen Johannes Høsflot Klæbo eingebunden. Vater Haakon ist sein Manager und Koch, Mutter Elisabeth verwaltet die Finanzen und Ola Klæbo steuert die Außendarstellung seines fünf Jahre älteren Bruders in den sozialen Medien, besonders in einem Youtube-Kanal. Für die Übersetzungen ins Englische ist wiederum seine Schwester Ane zuständig.
Es läuft Johannes Klæbo nicht nur in der Loipe. Die Norweger sahen ihn nach der Weltmeisterschaft 2025 in Trondheim in einem Dokumentarfilm über sein Leben als Spitzensportler. Sie wissen auch, dass er sich mit seiner Partnerin Pernille Døsvik verlobt hat. Und bei all dem Glück gibt es noch Spielraum. Bei der WM in Trondheim, seinem Heimatort, gelang Klæbo bereits der Sprung in eine neue Langlaufdimension: Er gewann alle sechs Rennen. Eine Premiere.
Sechs Starts, sechs Siege, das kann Klæbo nun auch bei den Winterspielen in Tesero schaffen. Zwei Rennen stehen noch aus, der Teamsprint am Mittwoch und der 50-Kilometer-Lauf am Samstag. Klæbo gilt als Favorit für Gold. Ist es also möglich, sechsmal Gold in Tesero zu gewinnen? „Ich denke nicht so viel darüber nach“, sagt Klæbo, „ich versuche, den Moment zu genießen und mich auf jedes Rennen einzeln zu konzentrieren.“
