Olympia 2026: Instinktfahrer Johannes Lochner krönt mit Gold seine Karriere

Als Johannes Lochner im Eiskanal von Cortina d’Ampezzo sein letztes großes Ziel erreicht hatte, war der Rivale sofort zur Stelle. Dieses Mal musste also Francesco Friedrich gratulieren, bisher war es ja meistens umgekehrt. „Es gibt gerade nicht Geileres, als wenn der Plan so aufgeht“, sagte Lochner nach seinem Sieg im Zweierbob am Dienstag. „Das ist so ein Glücksgefühl.“ Er krönte nicht nur eine überragende Saison, sondern auch seine Karriere, die nach diesen Winterspielen endet.

Nun hat Lochner sie also endlich, die olympische Goldmedaille. Es war nicht einfach ein Sieg, es war eine Machtdemonstration. In allen vier Läufen fuhr Lochner mit seinem Anschieber Georg Fleischhauer Bestzeit. Am Ende lag er 1,34 Sekunden vor Francesco Friedrich, der Sieg mit dem größten Abstand in einem olympischen Zweierbob-Wettkampf seit 1980. „So ein riesiger Vorsprung ist für mich unfassbar. Ich weiß nicht, wie wir das hinbekommen haben“, sagte Lochner, der allerdings schon nach dem ersten Tag festgestellt hat: „Mir geht die Bahn brutal gut von der Hand.“

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Friedrich stand in Cortina zum ersten Mal seit 2014 in einem olympischen Bob-Wettbewerb nicht ganz oben auf dem Siegertreppchen. Das deutsche Siegerpodest komplettierte als Dritter der Bob des Olympia-Debütanten Adam Ammour (mit Alexander Schaller) aus Gießen.

Die lange Geschichte einer besonderen Rivalität

Olympiasieger Lochner kann am Sonntag im Viererbob noch nachlegen. Im dann letzten Wettbewerb seiner Karriere.

Die hatte 15 Jahre davor begonnen. Lochner war 20, als ihn sein Onkel mit an den Eiskanal in Königssee nahm. Rudi Lochner war einst selbst erfolgreicher Bob-Pilot, 1991 Weltmeister und 1992 Olympia-Zweiter. Der Neffe fand auf Anhieb Gefallen an dem Sport, aber weil er sich gerade in München zum Studium eingeschrieben hatte, betrieb er Bobfahren zunächst mehr als Hobby, am Wochenende und in den Semesterferien. Trotzdem gab er bereits drei Jahre später sein Debüt im Europacup. Zur gleichen Zeit startete Friedrich bereits bei seinen ersten Olympischen Spielen in Sotschi.

Der gleichaltrige Sachse war da schon weiter, aber er hatte ja auch ein bisschen früher mit dem Bobfahren begonnen. Schon bald kreuzten sich die Wege der beiden. Und der eine bekam den anderen nicht mehr los.

„… wenn nicht der Franz da gewesen wäre“

Sie dominierten gemeinsam im Zweier- und Viererbob, wobei meistens Friedrich die Nase vorne hatte: Mit 16 WM-Titel und vier olympische Goldmedaillen ist er deutlich erfolgreicher als Lochner, der es nur auf zwei WM-Titel brachte – und auf neun zweite Plätze bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, jeweils hinter dem Konkurrenten aus Pirna. „Hansi wäre einer der erfolgreichsten Bobfahrer der Geschichte, wenn nicht der Franz da gewesen wäre“, sagte Bundestrainer René Spies in der ARD.

Große Rivalen: Francesco Friedrich (links) und Johannes Lochner bei der Bob-WM 2023.
Große Rivalen: Francesco Friedrich (links) und Johannes Lochner bei der Bob-WM 2023.dpa

Natürlich ärgerten Lochner die Niederlagen. Aber sie stachelten ihn auch an. „Ich bin froh, dass es Francesco gibt, sonst wäre ich nie so gut geworden“, gab er zuletzt in einem Interview mit Münchner Merkur/tz zu. Aber Lochner ist sicher: „Auch er wäre ohne mich nie so gut geworden.“

Bei so einer langen und intensiven Rivalität im Eiskanal bleiben kleine Unstimmigkeiten nicht aus. Vor zwei Jahren hatte Friedrich mit Georg Fleischhauer ein, wie er es nannte, „Perspektivgespräch“ geführt, Lochner verstand es allerdings als Abwerbeversuch. Ein paar Monate später holte er den aus Friedrichs Team allerdings bereits ausgeschieden Thorsten Margis in seine Mannschaft.

Der Tüftler und der Instinktfahrer

Die Differenzen sind mittlerweile ausgeräumt. Sie haben sich immer respektiert, als Sportler gegenseitig geschätzt, aber Freunde werden sie wohl nicht mehr, da sind sie zu unterschiedlich.

Friedrich ist der Besessene, der Tüftler, der nichts dem Zufall überlässt und vor allem bei Großereignissen immer noch etwas findet. Nachdem Lochner in dieser Saison dominiert, sechs von sieben Zweier-Weltcups gewonnen hatte, stellte der Konkurrent vor den Winterspielen mit seinem Anschieber Alexander Schüller noch einmal alles auf den Kopf. „Setup, Schlitten, Kufen, Präparation, extra Einheiten in Altenberg: Wir haben wirklich an allen Stellschrauben, die es gibt, nochmal geschraubt“, sagte Friedrich. „Wir dachten wir haben etwas gefunden. Aber es reichte halt einfach nicht.“

Lochner ist der Talentiertere von beiden, das sah auch Friedrich stets so. „Der Hansi“, sagte der viermalige Olympiasieger einmal, hätte noch viel besser werden können, wenn er etwas gewissenhafter, akribischer gewesen wäre. Aber Lochner verließ sich oft lieber auf seinen Instinkt.

Während sich Friedrich nach der Saison kaum eine Pause gönnt und schon im April wieder mit dem Krafttraining beginnt, ließ es der Ur-Bayer aus Berchtesgaden stets eher langsam angehen. Zudem arbeitet er noch als Gutachter beim Institut für forensisches Sachverständigerwesen, er musste sich seine Zeit einteilen.

Der Spaß darf bei ihm nie zu kurz kommen. Wobei: Alles zu seiner Zeit. „Das letzte Bierchen“, verriet Anschieber Fleischhauer nach dem zweiten Lauf, „ist schon eine Weile her.“ Einen Tag später, mit der Goldmedaille in der Tasche, dürfte es aber vorbeigewesen sein mit Bier-Abstinenz. Zumindest für ein paar Stunden.