Die Biathlon-Arena in Antholz, mit Platz für bis zu 19.000 Zuschauer, liegt mitten in einem Winterwunderland, auf gut 1600 Meter Meereshöhe. Rechtzeitig zum Beginn der Olympischen Winterspiele in dieser Woche hat es tüchtig geschneit. Auf die Fichten und Zirben hat sich eine dicke Puderzuckerschicht aus Neuschnee gelegt.
Die Straßen und Wege sind aber tadellos geräumt. Auf den Besucherparkplätzen schaufeln Bagger die Schneemassen auf Lastwagen, die sie dann auf die umliegenden Felder kippen. In Antholz Mittertal, etwa auf halber Strecke zwischen Taleingang und Talschluss gelegen, wird noch an den Aufbauten fürs „Biathlon Gaudi Dorf“ gezimmert.
Dort werden während der Wettkampftage „coole DJs für den richtigen Sound und super Stimmung bis tief in die Nacht sorgen“, auch „leckeres Essen“ werde es geben, verspricht die olympische Fremdenverkehrswerbung. Aber, Gaudi-Ordnung muss sein: „Kein Eintritt unter 18 Jahren!“
Ein olympisches Dorf im Wortsinn gibt es nicht
Keine Frage, in der Talgemeinschaft Rasen-Antholz ist man bestens darauf vorbereitet, seinen Anteil für einen reibungslosen Ablauf der Winterspiele Mailand-Cortina d’Ampezzo zu leisten – die Party nach den Biathlon-Wettkämpfen eingeschlossen. Das nationale Organisationskomitee brüstet sich damit, dass Italien für die Olympischen Winterspiele vom 6. bis zum 22. Februar – sowie für die Paralympics im März – ganz überwiegend bestehende Wettkampfstätten nutzt, statt „weiße Elefanten“ zu errichten, die hernach nutzlos herumstehen und verfallen.
In der Biathlon-Arena von Antholz, die 1969 errichtet wurde und eigentlich Südtirol Arena heißt, wurden schon ungezählte Wettkämpfe im Weltcup sowie bei einem halben Dutzend Weltmeisterschaften ausgetragen. Aber olympische Wettbewerbe gibt es hier jetzt zum ersten Mal.
Auch für das dezentrale Austragungskonzept mit 15 Wettkampfstätten, die teils Hunderte von Kilometern voneinander entfernt liegen, steht Rasen-Antholz beispielhaft. Das „Olympic Village“ zum Beispiel besteht aus einem großen Zelt auf dem Dorfplatz von Niederrasen, in dem sich Athleten und Offizielle, Helfer und Journalisten akkreditieren.

Bis zur Wettkampfstätte sind es knapp zwanzig Kilometer taleinwärts. Ein olympisches Dorf im Wortsinn aber gibt es nicht in Rasen-Antholz, anders als etwa in Mailand oder Livigno, wo eigens Wohnanlagen errichtet wurden, die später als Studentenwohnheime oder als Sozialwohnungen genutzt werden sollen. Oder wie in Cortina d’Ampezzo, wo die Wohncontainer für die Sportler nach den Spielen als luxuriöse Unterkünfte an Campingplätze an der Adria verkauft werden.
Stattdessen wohnen die Athleten in Rasen-Antholz in bestehenden Hotels. Vier Häuser in unmittelbarer Nähe des „Olympic Village“ genannten Zelts in Niederrasen wurden Mitte bis Ende Januar an das Organisationskomitee übergeben. Es erfolgten einige Umbauarbeiten. Spielecken für die kleinen Gäste wurden in Büroräume umgewandelt, das Restaurant in eine Art Mensa für den 24-Stunden-Betrieb umgestaltet, die Zimmer nach Standards des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) umgebaut. Die Sponsoren des IOC haben alle Aufschriften an Geräten und Einrichtungen mit ihren Logos überdeckt.
Nur 1,4 Prozent sprechen Italienisch
Eigene Wasch- und Kaffeemaschinen wurden herbeigeschafft, die Fitnessgeräte ausgetauscht. Wasser und Säfte stellt der IOC-Sponsor Coca-Cola zur Verfügung, die bewährten (und wohl gesünderen) örtlichen Produkte verschwinden für die Dauer der Verwendung der vier Häuser als Athletenhotels. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, vor den Hotels sind private Sicherheitsleute platziert, es herrscht strenges Parkverbot.
Finanziell sei das für die vier teilnehmenden Hotels nicht attraktiv, sagt Annalisa Preindl, Ortsvorsitzende des Südtiroler Hotel- und Gaststättenverbands. „Aber wir sind stolz, Teil eines Jahrhundertereignisses zu sein“, versichert sie. Das dürften die meisten Leute aus Rasen-Antholz sein. Sie sind geübt darin, wie eigentlich überall in Südtirol, im Fremdenverkehr Höchstleistungen zu bieten zu einem guten Preis, im Winter wie im Sommer. Umso mehr hat eine Art Sprachenstreit für Irritationen gesorgt.
In Rasen-Antholz sind 98 Prozent der knapp 3000 Einwohner deutsche Muttersprachler, nur etwa 1,4 Prozent sprechen Italienisch und 0,6 Prozent Ladinisch als Muttersprache. Doch auf den offiziellen Schildern für die olympischen Wettkampfstätten gab es nur die einsprachige Bezeichnung „Anterselva“, das ist der (eigentlich künstliche) italienische Name für Antholz.
Nach einer Intervention des Südtiroler Landeshauptmanns (Ministerpräsidenten) Arno Kompatscher soll das nun geändert werden. Gemäß der Vereinbarung der Regierung in Bozen mit dem Organisationskomitee in Mailand, wonach am Austragungsort Antholz alle Ortsnamen zweisprachig geführt werden müssen. Seit vergangener Woche hängen an vielen Bushaltestellen in Südtirol Plakate mit der Aufschrift „Grüß Gott in Tirol“. Die Aktion haben der Südtiroler Schützenbund und der Südtiroler Heimatbund veranlasst.
Ziel ist es laut Mitteilung der beiden Organisationen, „die Gäste freundlich willkommen zu heißen“ und zugleich „auf eine geschichtliche Realität aufmerksam zu machen“, die vielen nicht bekannt sei: „Der südliche Teil Tirols wurde nach dem Ersten Weltkrieg ohne Befragung der Bevölkerung dem italienischen Staat angegliedert.
Die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung war in der Folge jahrzehntelang Unterdrückung, Entrechtung und einer aggressiven Assimilierungspolitik ausgesetzt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte eine Autonomie erkämpft werden, die bis heute Grundlage des Zusammenlebens ist.“
