Es war kurz vor 21.00 Uhr am Samstagabend, als sich Stefan Horngacher und Philipp Raimund erstmals nach dem olympischen Wettkampf von der Großschanze sahen und besprachen. Der Skisprung-Bundestrainer umarmte anschließend seinen Olympiasieger von der kleinen Anlage innig, es war eine Geste der Anerkennung und vor allem eine des Trosts.
Denn Raimund kam am Samstag nicht so gut zurecht wie fünf Tage zuvor. Da hatte er den Hang gerockt, jubelte und lachte und bekam für seinen Sieg eine goldene Medaille überreicht. Nun aber war es Rang neun – und eine leise Enttäuschung.
Philipp Raimund wechselt kurzfristig die Ski
Raimund war damit am Samstag der beste deutsche Starter in Predazzo. Er war angetreten, um abermals auf dem Podium zu landen. Doch es begann schon im Probedurchgang schlecht für ihn. Das Paar Skier, mit dem er im Wettkampf springen wollte, hatte für die nasskalten Bedingungen am Samstag nicht den richtigen Schliff. Mit diesem Material bekam Raimund in der Probe nur die zweitschlechteste Anlaufgeschwindigkeit aller 50 Teilnehmer hin.
Die Konsequenz war, dass er kurzfristig den Ski und den Schliff wechseln musste, was er als Nachteil wertete: „Das ist in so einer sensiblen Sportart nicht so einfach. Es war ein ungewohntes Setup, es passten Nuancen nicht, da lässt du den Ski nicht einfach so frei laufen“, sagte Raimund.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Diese Aktion könne man von zwei Seiten aus betrachten, sagte Horngacher: „Man kann sagen, das war ein Fehler. Man kann aber auch sagen, es war gar nicht so schlecht gedacht, denn wenn Philipps Idee aufgegangen wäre, wer weiß, was drin gewesen wäre. Aber der Ski hat einfach gar nicht funktioniert.“
Er habe zwar gewusst, dass es schwer werde, einen Platz auf dem Podest zu erreichen, sagte Raimund, „aber ich wollte zumindest mit um die Medaillen springen. Doch das ist mir nicht gelungen.“ Gold, Silber und Bronze gingen stattdessen nach Slowenien, Japan und Polen. Domen Prevc, der Saisonsouverän, sicherte sich mit einem exzellenten zweiten Sprung den Sieg vor Ren Nikaido und Kacper Tomasiak, die auf der Kleinschanze schon Bronze und Silber gewonnen hatten.
Nach dem ersten Durchgang hatte Nikaido noch recht klar vor Prevc geführt. Im Finale aber hatte wiederum Prevc seinen Herausforderer klar abgehängt. Für Prevc war es nach Platz eins im Mixed-Wettbewerb die zweite Goldmedaille bei diesen Spielen. Für die Familie Prevc sogar schon die dritte. Denn Nika Prevc, die jüngere Schwester des Doppel-Olympiasiegers, war auch Teil der erfolgreichen gemischten slowenischen Mannschaft.
Horngacher war insgesamt unzufrieden mit den Ergebnissen seiner vier Athleten. „Philipp Raimund hat im ersten Sprung viel liegen gelassen. Der zweite war etwas besser. Das müssen wir jetzt leider hinnehmen. Ich habe mir schon erhofft, dass er um die Medaillen mitspringt. Weil er das durchaus kann.“
„Grundsätzlich liegt Philipp Raimund diese Schanze“
Zweitbester Deutscher war am Samstagabend Andreas Wellinger auf Rang 15. Wellinger hatte schwer in die Saison gefunden und erst kurz vor den Olympischen Spielen wieder eine wettkampftaugliche Form erreicht. Mit seiner Leistung vom Samstag hat er es sogar in letzter Sekunde noch in das Männer-Zweierteam geschafft, den letzten Skisprung-Wettkampf dieser Winterspiele am Montag.
Bis vor vier Jahren bildeten noch vier Springer eine Mannschaft, das Internationale Olympische Komitee hat die Anzahl der Teilnehmer für diese Spiele halbiert. Im Gegensatz zum Einzel gibt es nun drei Durchgänge für jeden Springer.
Horngacher wollte sich am Samstagabend offiziell noch nicht auf seine beiden Starter festlegen, doch „die Tendenz ist klar“, und das bedeutet: Raimund ist gesetzt, Wellinger vervollständigt die Equipe. Denn die beiden anderen deutschen Teilnehmer sprangen am Samstag zu deutlich hinterher: Pius Paschke belegte Rang 24, Felix Hoffmann, der im Training für den Kleinschanzenwettbewerb noch sehr stark flog, wurde 25. und wirkte danach konsterniert.
Ob Raimund und Wellinger allerdings in die Entscheidung eingreifen können, ist fraglich. Zu stark springen derzeit die Japaner mit Nikaido und Ryoyu Kobayashi, der am Samstag Rang sechs belegte. Österreich, Slowenien, Norwegen und sogar Finnland wirken derzeit gefestigter als Horngachers Auswahl. „Es wird ganz, ganz schwer, eine Medaille zu gewinnen. Allerdings passieren bei Olympischen Spielen immer mal wieder Sachen, die in die richtige Richtung driften. Denn grundsätzlich liegt Philipp Raimund diese Schanze“, sagte Horngacher.
