
Die Organisatoren der Olympischen Spiele überlassen bei der Stimmungsmache für das Eishockey-Turnier nichts dem Zufall. In den Unterbrechungen der Drittel wird das Publikum mit internationalen Clubsounds beschallt; in den Pausen legt der DJ den Schlagerklassiker „Sarà perché ti amo“ auf.
Damit alle noch besser mitgrölen können, laufen mitunter die Lyrics auf dem Videowürfel. Am Samstagmittag, zu einer im Eishockey eher untypischen High-Noon-Anstoßzeit, wäre dieser Dezibel-Firlefanz eigentlich gar nicht nötig gewesen: Der Sport selbst bot Unterhaltung genug.
Die deutsche Mannschaft verlor dabei 3:4 (2:1, 0:1, 1:2) gegen Lettland. Nicht, weil sie das schlechtere der beiden Team war. Ihr Engagement stand außer Zweifel, und wenn es im Eishockey Expected Goals geben würde, hätten sie in dieser Wertung vorne gelegen. „Wir haben genug Chancen kreiert“, konstatierte Harold Kreis hinterher. Er sagte, seine Leute müssten verinnerlichen, dass sie „sorgfältiger mit der Scheibe umgehen müssen“.
„Man hat solche Tage“
Treffer von Eduards Tralmaks (49. Minute) und Renārs Krastenbergs (52.) verschafften den Letten im Schlussabschnitt einen Vorsprung, der Bestand hatte, weil die Deutschen durch Tim Stützle nur noch einmal verkürzten (58.) und Lukas Reichel den Puck nur an den Pfosten setzte (60.). „Man hat solche Tage“, sagte Kreis, der ankündigte, dass er in der Analyse Wert darauf legen wird, dass sich seine Mannschaft „nicht vom Frust leiten“ lässt.
Bereits an diesem Sonntag (21.10 Uhr) steht das dritte Vorrundenspiel an. Dann sind die Deutschen gegen die Amerikaner, deren Kader von 25 NHL-Profis gebildet wird, Außenseiter. Kreis kündigte an, dass Torhüter Philipp Grubauer im Duell mit dem zweimaligen Olympiasieger „mit großer Wahrscheinlichkeit“ eine Verschnaufpause erhalten und von Ersatzmann Matthias Niederberger vertreten wird. „Im dritten Drittel waren wir fast nur bei denen vor dem Tor“, sagte JJ Peterka, „aber die machen zwei Hütten gegen uns.“ Die Verwertung sich bietender Abschlussmöglichkeiten, fügte der Stürmer hinzu, „muss besser werden“.
Was im Vergleich zum ersten Auftritt vor zwei Tagen auffiel, war das höhere Energielevel, mit dem die Deutschen nicht nur die Anfangsphase prägten. Der Kanadier Jamie Kompon, den Bundestrainer Harold Kreis bei Besuchen in seinem Geburtsland kennen- und schätzen gelernt hat, verstärkt während der Tage in Norditalien den Betreuerstab des Deutschen Eishockey-Bundes.
Deutschland nicht so clever wie zum Auftakt
Er soll, so sagte Kreis der F.A.Z., ihn darin unterstützen und „beobachten, ob die eigene Mannschaft die vorgegebene Taktik umsetzt und sich besonders um unsere Angreifer kümmern“. Kompon war in der dritten Minute der erste der Verantwortlichen auf der Bank, der Reichel für sein Premierentor bei dieser Veranstaltung per kräftigem Schulterklopfer dankte. Der 23 Jahre alte Stürmer vollendete den Pass von Dominik Kahun mit einem Flachschuss zum 1:0.
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Die erste Strafzeit, die die Deutschen bei Olympia hinnehmen mussten, ging wegen Stockschlags auf das Konto Jonas Müllers. Und er saß kaum draußen, da nutzten die Letten die Überzahl durch Dans Locmelis zum Ausgleich (16.). Doch das irritierte den DEB nicht sonderlich. Sie schlugen zurück, nachdem die Spieler-Parität wiederhergestellt war. Lukas Kälble nutzte eine Unaufmerksamkeit der lettischen Defensive, die sich zu früh nach einer vermeintlichen Puck-Eroberung nach links orientiert hatte, und drückte die Scheibe zum 2:1 über die Linie (17.).
Dass sie in der Hitze der Auseinandersetzung „smart“ aufgetreten waren und die Statistik für sie keine Hinausstellungen notiert hatte, nannte Moritz Seider nach dem mit 3:1 Toren gelungenen Auftakt gegen Dänemark einen der Gründe für den Erfolg. Gegen die Letten agierten sie nicht so clever, wie sich das ihr Abwehrboss vorgestellt hatte. Im Mittelabschnitt mussten sie sich dreimal in numerischer Unterzahl erwehren. In der 29. Minute, als mit Tobias Rieder und Müller ein deutsches Duo in die Kühlbox geschickt worden war, erzielte Locmelis das 2:2 – das, gemessen unter anderem am (läuferischen) Aufwand, den die Letten in dieser Phase betrieben, konsequent war.
Schon in 30 Stunden steht das nächste Spiel an
Zur Spannung im Schlussabschnitt trug bei, dass Kapitän Leon Draisaitl, Joshua Samanski und Stützle im Slot scheiterten. Nico Sturm fasste das Erlebte als „einen frustrierenden Nachmittag“ zusammen. „Unser Spiel muss ein bisschen klarer werden“, sagte der Center. „Die Letten haben gespielt, wie wir spielen wollten“, bekannte er, „sie haben die Scheibe tief gebracht und waren eng am Körper. Und uns ist etwas die Einfachheit abhandengekommen.“
Gut für den Kopf sei, dass schon in 30 Stunden der nächste Einsatz bevorsteht: „Dann muss man nicht so lange nachdenken.“ Draisaitl sagte, dass ihnen allen die Schwere der kommenden Aufgabe bewusst sei: „Wir wissen, was auf uns zukommt. Und wir müssen unser Ding machen und geduldig bleiben.“
Eine direkte Qualifikation fürs Viertelfinale, über die sich nur die drei Gruppenersten und der beste Zweite freuen dürfen, ist für die Deutschen unter realistischen Gesichtspunkten nahezu unerreichbar. Eher wird es auf die Play-offs hinauslaufen, in denen die restlichen acht Nationen im Nachsitzen ein Quartett ermitteln, das ebenfalls in die K.-o.-Phase einziehen darf. Die Erkenntnis von Teil eins der Wochenend-Doppelschicht lautete: Noch ist nichts unmöglich bei dieser hochklassig besetzten Veranstaltung, aber einiges durch die Niederlage erheblich schwieriger geworden.
