Olympia 2026: 20 000 Menschen protestieren gegen ICE-Agenten – Sport

Die Piazza XXV Aprile hatten die Protestierenden nicht zufällig als Ausgangspunkt ihres Demo-Zugs erwählt. Etwa 20 000 Menschen gingen am Samstag in Mailand auf die Straßen, respektive auf den Platz mit seiner historischen Bedeutung: Er ist dem Gedenken an den 25. April 1945 gewidmet, den Tag der Befreiung Italiens, an dem die Partisanenbewegung die Kontrolle über die norditalienischen Städte von den Faschisten übernahm. Mailand war damals ein zentraler Ort des Widerstands und hat deshalb bis heute eine stark ausgeprägte linke, antifaschistische Identität – die nun bemerkenswerterweise auch im Kontext der Olympischen Spiele auflebt.

Es ging den Demonstranten keinesfalls um den Widerstand gegen die Veranstaltung an sich, sondern um diejenigen, die dafür anreisen: Zur Eröffnungsfeier haben sich der US-amerikanische Vizepräsident J. D. Vance und Außenminister Marco Rubio angekündigt. Und mit ihnen auch eine Entourage aus Sicherheitskräften, darunter wohl Agenten der US-Behörde für „Immigration and Customs Enforcement“. Ihre bekanntere Kurzform lautet: ICE.

Seit etwas mehr als einer Woche bestimmt die Debatte um die ICE-Agenten bei den Olympischen Spielen die italienischen Nachrichten, im politischen Rom genauso wie in der Olympiastadt Mailand. Zuletzt war es der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala, der sich besonders kritisch äußerte: „Eine Miliz, die tötet“, seien die ICE-Agenten, die derzeit in den USA hauptsächlich in Minneapolis für ihre gewalttätigen Einsätze gegen Migranten und Protestierende kritisiert werden: „Es ist klar, dass sie in Mailand nicht willkommen sind.“

Aber: Wie soll man sich das überhaupt vorstellen? ICE-Kräfte, die am Rande von Olympia nach Migranten suchen, die dann … was eigentlich? Nicht in die USA einreisen sollen?

Dass die Aufregung so groß wurde, hat nicht nur mit dem brutalen Vorgehen von ICE in den USA zu tun, sondern auch mit den zögerlichen Erklärungsversuchen aus Rom. Bei Olympia zum Einsatz kommen soll nicht der operative Arm von ICE, die sogenannten Enforcement and Removal Operations (ERO), sondern Ermittler einer anderen Abteilung von ICE, der Homeland Security Investigations (HSI). Eine Unterscheidung, die die italienische Regierung von Anfang an hätte kommunizieren können. Aus der US-amerikanischen Botschaft etwa hieß es schon recht früh, die HSI-Agenten sollten unterstützend tätig sein und sollten, neben anderen US-Diensten, Informationen liefern. Vom Schreibtisch aus also, nicht einmal zwingend am Ort in Mailand.

HSI hat ohnehin ein Außenbüro in Rom, das regelmäßig mit italienischen Behörden kooperiert, etwa was geschmuggelte Kulturgüter angeht. Laut Mitteilung der US-Botschaft kamen HSI-Leute auch bei den Olympischen Spielen in Paris schon zum Einsatz.

Statt all das einer zunehmend aufgeregten Bevölkerung zu erklären, wirkte die italienische Regierung konfus. Innenminister Matteo Piantedosi sagte zunächst, ICE werde nicht am Ort sein, man werde „niemals ICE auf italienischen Straßen sehen“. Gleichzeitig aber sehe er das Problem nicht, „wenn es so wäre“. Außenminister Antonio Tajani sprach von drei oder vier ICE-Leuten im Hintergrund, ohne weitere Erklärungen. Erst Tage später sagte er, dass keine bewaffneten ICE-Agenten auf italienischen Straßen unterwegs wären – mit dem wenig beruhigenden Zusatz: „Es ist ja nicht so, dass die SS kommt.“

Die italienische Opposition heizte unterdessen die Aufregung weiter an. Inzwischen wird auch wild über die Rolle von Einheiten und Geheimdiensten aus anderen Ländern spekuliert. In den Köpfen zementierte sich das Bild von Donald Trumps Polizeitruppen auf Mailands Straßen, die Vance und Rubio auf dem Weg ins San Siro begleiten, wo die Eröffnungsfeier am Freitagabend stattfinden wird. Dies wird nach Angaben der Behörden keinesfalls so sein. Die Vorstellung dieser Szene allerdings reichte aus, um im Anlauf zu den Spielen eine Debatte heraufzubeschwören, die vor allem von ihrer starken symbolischen Außenwirkung lebte: Die Frage nach einer Haltung zur Einheit ICE hatte sich längst in eine sehr grundsätzliche Richtung entwickelt, als die Menschen in Mailand am Samstag auf die Straße gingen.

Unabhängig vom konkreten Einsatz bei den Olympischen Spielen ging es den Demonstrierenden darum, ein Zeichen gegen Willkür und Polizeigewalt zu setzen, in Solidarität mit den Protesten in den USA. Mit einer italienischen Unternote allerdings: „ICE out“ war auf den Plakaten zu lesen, aber auch: „ICE bitte nur im Spritz.“