In der Historiographie Europas gibt es ein eigenes Genre, das die Geschichte der Länder zwischen Deutschland und Russland zusammenfassend darstellt. Der klassischen Darstellung Oskar Haleckis, „Grenzraum des Abendlandes. Eine Geschichte Ostmitteleuropas“ (1956), folgte eine Reihe weiterer Studien, die Ostmitteleuropa, Nordosteuropa und Südosteuropa in den Blick nahmen, von so unterschiedlichen Autoren wie Klaus Zernack, Werner Conze, Timothy Snyder und Balázs Trencsényi. Die anspruchsvolle Aufgabe, die Vielfalt der Geschichtsregion in einer Synthese darzustellen, bewältigten sie auf der Grundlage jahrzehntelanger Studien, und indem sie sich auf einen Leitgedanken konzentrierten, sei er ideen- und gesellschaftsgeschichtlich oder machtpolitisch.
Ohne sich mit seinen Vorgängern länger aufzuhalten, will Oliver Jens Schmitt die west-östliche Blickachse umdrehen und von Nord nach Süd schauen. Sein Betrachtungsraum umfasst Skandinavien im Norden, die baltischen Länder, Polen, Belarus, die Ukraine, Moldau in der Mitte und Rumänien im Süden. Doch schon der Titel seines Buchs – „Moskaus westliche Rivalen“ – verweist darauf, dass es Schmitt durchaus auch um eine West-Ost-Problematik geht: wie Moskau seine westlichen Nachbarn bedroht und sowohl gesellschaftlich als auch kulturell herausfordert. Schmitts Buch kann Interesse beanspruchen, schon deswegen, weil es die Gegenwart historisch zu erklären versucht. Die Staaten, die sich heute von Moskau bedroht sehen und zum Teil ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben, will er im Hinblick auf ihre Russlanderfahrung und ihren Umgang mit dem östlichen Nachbarn untersuchen.

Das ist ein zeitgemäßer Ansatz, und zweifellos hat Schmitt recht, wenn er betont, dass die Geschichten der Nachbarn Russlands in der deutschen und westlichen Öffentlichkeit zu wenig Interesse finden. Es ist lange her, dass jemand die Geschichte Schwedens und Polens, vor allem in der frühen Neuzeit, für eine deutschsprachige Leserschaft im Zusammenhang dargestellt hat; und auch die Geschichte Finnlands oder Bessarabiens, die sonst in kaum einem Überblickswerk Beachtung findet, ist bei Schmitt gut profiliert. Das Problem des voluminösen Buches ist allerdings, dass es keine wirkliche Synthese der vielfältigen Einzelbeobachtungen leistet und die Seiten stattdessen allzu sehr mit Einzelereignissen füllt. Der Autor ist bislang als Historiker Albaniens und Kenner der rumänischen Geschichte bekannt, in dem Feld, dem diese Darstellung gewidmet ist, debütiert er.
Eine Linie von Ivan III. bis Putin
Schmitt betont im Buch, keine Geschichte Russlands zu schreiben. Doch sein Betrachtungsraum vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer wird vor allem durch die Nachbarschaft mit Russland erzählerisch zusammengehalten. Deshalb ist es keine nebensächliche Frage, um was für eine Bedrohung es sich vonseiten Russlands handelt. Seit wann und wie agiert Russland als expansionistisches Imperium? Zur Analyse des Landes stellt Schmitt verwirrende und widersprüchliche Behauptungen auf. So betrachtet Schmitt das vorrevolutionäre Russland „nicht als Vorgeschichte der Sowjetunion“. Das ist bei der weitgehenden Übereinstimmung von sowohl Territorium als auch Bevölkerung der beiden Staatsgebilde nur schwer vorstellbar. Ist die Sowjetunion denn durch Meteoriteneinschlag in die Geschichte eingetreten?
Zugleich gibt es bei Schmitt zahlreiche Feststellungen, die der Diskontinuitätsbehauptung widersprechen: „Stalin war der Erbe des großrussischen Hasses auf alles Polnische“, heißt es etwa im Buch. Auch bei der für Russland typischen Legitimation von Landannexionen, vermeintlich nur einstigen Besitz zurückzuholen, sieht der Autor eine durchgehende Linie von Ivan III. bis Putin. Dem Autor ist hier und anderswo recht zu geben, doch punktuelle Beobachtungen, oft schlagwortartig formuliert, ersetzen nicht eine ernsthafte Beschäftigung mit der Frage der Beschaffenheit, Funktionsweise und Spezifik des russischen Imperiums und seines Expansionismus – will man nicht in den seit Langem überkommenen Diskurs der Fünfzigerjahre zurückfallen.
Beschreibung einer großen Region aus der Vogelschau
Schmitt beschreibt etwa den Anfang von Moskaus Aufstieg mit den Worten: „Die Moskauer Herrscher, die durch eher wahlloses Zusammenraffen von nahegelegenen Gebietsteilen der provinziellen Enge ihrer bescheidenen Residenz zu entfliehen trachteten, legten sich in der Wahl ihrer Mittel keine Zurückhaltung auf.“ Nun hat jeder Reichsaufstieg irgendwann provinziell angefangen, und kaum ein aufstrebender Fürstenstaat dürfte bei der Erweiterung seines Territoriums besonders wählerisch vorgegangen sein. Und wenn Schmitt erklären will, „was es bedeutete, Moskau als Nachbarn zu haben“, hilft die Rede von „Russlands Knute“ nur bedingt weiter.
Wertvoll wäre ein Buch, das die Erfahrungen der Nachbarn Russlands aus deren eigener Sicht beschreibt. In einer Synthese können selbstverständlich nur einzelne Stimmen eingefangen werden, aber auch das geschieht in Schmitts Kapiteln nur ansatzweise. Wenn man sich dafür entscheidet, eine große Region aus der Vogelschau zu beschreiben, stellt sich die Frage, weshalb nicht noch weiter schauen; etwa auf die Völker des Kaukasus, die auch einiges zu der Frage beizutragen haben, was es bedeutet, Russlands Nachbar zu sein. Speziell im Falle Georgiens drängen sich enge Verbindungen zur Entwicklung in der Ukraine und Ostmitteleuropa insgesamt auf. Auf ein Buch, das auch diese Entwicklungen einbezieht, wird man noch warten müssen.
Oliver Jens Schmitt: „Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer.“ Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025. 480 S., Abb., geb., 32,– €.
