Wer zum Mond fliegen will, kommt an Bremen nicht vorbei. Bevor Nasa-Astronautin Christina Koch, ihre Kollegen Victor Glover und Reid Wiseman sowie der kanadische Raumfahrer Jeremy Hansen mit der Mission Artemis 2 Richtung Mond aufgebrochen sind, haben sie sich im September 2023 auch im Bremer Airbus-Werk auf ihre Reise ins All vorbereitet. Warum dies so ist? Der Chef der europäischen Raumfahrtbehörde Esa, Josef Aschbacher, erzählt gerne, dass die Amerikaner ohne Europa gar nicht zum Mond kämen. Damit hat er insofern recht, als Airbus das Servicemodul der Astronautenkapsel Orion in Bremen baut. Das entspricht dem Versorgungsmodul aus Apollo-Zeiten. Deshalb haben sich die Astronauten die Produktion angeschaut und als Nutzer mit den Airbus-Ingenieuren gesprochen.
Offiziell heißt die Komponente Europäisches Versorgungsmodul (ESM), die Airbus gemeinsam mit Industriepartnern aus zehn Ländern herstellt. Der Vertrag umfasst bislang sechs solcher Module, da sie nach einmaliger Nutzung in der Erdatmosphäre verglühen, die Esa investiert für das ESM-Programm bisher etwa zwei Milliarden Euro.
Das vier Meter hohe Modul versorgt die Raumfahrer mit 90 Kilogramm Sauerstoff und 240 Kilogramm Trinkwasser. Seine Solaranlage produziert 11,2 Kilowatt Strom. Außerdem hat das Modul eine Klimaanlage und insgesamt 33 Triebwerke, um im All manövrieren zu können. Gemeinsam mit dem Haupttriebwerk regulieren sie die Geschwindigkeit. Acht Hilfstriebwerke dienen dabei der Bahnkorrektur und als Reserven. Die Astronauten haben während des jetzigen Mondfluges jedenfalls Zeit, um die Steuerung der Orion unter manuellen Bedingungen zu testen.
„Mit internationalen Partnern stellen wir das Artemis-Programm auf eine solidere Basis.“
Die Module führen letztlich auch den Treibstoff der Kapsel mit und werden jeweils am Startplatz in Cape Canaveral/Florida mit der Kapsel vereinigt, die vom US-Konzern Lockheed Martin gebaut wird. „Der Übergang von Artemis 1 zu Artemis 2 ist der Wechsel von einem Testvehikel zu einem Lebensraum“, sagte Airbus-Manager Marc Steckling etwas überschwänglich zum Start. Schon mit der unbemannten Mission Artemis 1 war die Kapsel Ende 2022 testweise um den Mond geflogen.
Bemerkenswert sind auch die Star Tracker der Firma Jena Optronik, die an der Außenwand des ESM hängen. Die Crew kann mit den Sternsensoren navigieren, weil die Tracker anhand von Katalogen Sternformationen identifiziert und so die Lage der Kapsel im Weltraum bestimmen kann.
Natürlich könnten auch US-Ingenieure das Versorgungsmodul ESM bauen, doch darum geht es nicht. „Mit internationalen Partnern stellen wir das Artemis-Programm auf eine solidere Basis“, sagte Nasas Orion-Manager Bill Hartwell in Bremen. Dass bei einer bemannten Mission ein solches systemkritisches Modul für ein US-Raumschiff aus Europa kommt, ist jedenfalls neu. Gut möglich, dass dabei auch die Finanzierung eine Rolle gespielt hat. Doch der kanadische Artemis-Astronaut Jeremy Hansen sagte damals, dass die internationale Zusammenarbeit bei den Mondflügen auch deswegen so wichtig sei, weil man auf diese Weise die besten Technologien zusammenbringe. „Unser Vertrauen basiert auch darauf, dass Airbus hier in Bremen bereits das ISS-Frachtschiff ATV gebaut hat“, sagte Hartwell. Überhaupt sei ein großer Teil des europäischen Beitrags zur astronautischen Raumfahrt in Bremen entwickelt worden. Neben den fünf Einweg-Frachtschiffen, die zwischen 2008 und 2015 die ISS versorgt haben, meint er auch das europäische ISS-Forschungsmodul Columbus sowie das Labor Spacelab, das mit dem Space Shuttle unterwegs war.
Die Esa kann diesen guten Ruf nutzen, denn sie tauscht solche Flug-Hardware gegen Astronautenplätze. Das ist auf der Internationalen Raumstation ISS so, wo regelmäßig Esa-Astronauten zur Crew gehören. Und es soll auch bei den Artemis-Mondmissionen so werden. Bislang hat Aschbacher nach eigenen Angaben Zusagen für drei Tickets, mit denen europäische Astronauten fliegen können. Wohin, ist jedoch noch unklar. Ursprünglich sollte es zum Luna Gateway gehen, einer geplanten kleinen Raumstation im Mondorbit. Dafür sollte auch der französisch-italienische Konzern Thales Alenia Space als Hauptauftragnehmer Module bauen. Allerdings hat das Gateway im Zuge von Sparmaßnahmen keine Priorität mehr bei der Nasa, könnte zugunsten einer Station auf dem Mond sogar gestrichen werden. Und eine Landeoption für einen europäischen Raumfahrer auf dem Mond gibt es noch gar nicht.
Ein weiterer wichtiger europäischer Beitrag zu den Mondmissionen kommt von der Firma MT Aerospace in Augsburg. Die Tochter des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB liefert für die Mondrakete SLS (Space Launch System) zu, welche die Orion-Kapsel ins All schießt. MT baut dafür die Tankabdeckungen mit einem Durchmesser von 8,4 Metern aus einer speziellen Aluminium-Legierung. „Die Zulieferung für die SLS-Rakete war für uns sehr wichtig, um in den US-Markt zu kommen“, sagt MT-Chef Ulrich Scheib. MT kooperiert bereits seit 2013 mit dem SLS-Hersteller Boeing.
