Ofarim-Inszenierung bei RTL: Die Krone ist verrutscht

Es fühlt sich an, als sei etwas verrutscht. Vielleicht der Kompass in unserer Gesellschaft, mindestens aber die Dschungelkrone, die seit dem Wochenende von Gil Ofarim getragen wird. Sein Gang über die mit rotem Teppich versehene Hängebrücke im australischen Dschungel, live verfolgt von weit über fünf Millionen Menschen bei RTL, ist so etwas wie der Tiefpunkt in der über 20-jährigen Historie von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“.


Das ist auch deshalb tragisch, weil man sich auf das Dschungelcamp meist auch dann einigen konnte, wenn man Realityshows sonst nicht allzu viel abgewinnen konnte. Da war dann eben doch stets eine Ebene mehr, die das Format von anderen seiner Gattung so wohltuend abhob. Es war die Reality-Show, der selbst das Feuilleton noch etwas abgewinnen konnte. Nun aber scheint es, als sei „IBES“ irgendwo falsch abgebogen.

Natürlich gab es sie auch diesmal, die unterhaltsamen Momente, die amüsanten Zusammenschnitte, die Streitigkeiten und intimen Gespräche am Lagerfeuer. Das was das Format immer schon mehr ausmachte als die bildgewaltigen und geschmacklich herausfordernden Dschungelprüfungen. Doch die Gespräche, sie kamen leider nicht von Gil Ofarim, der für sein seltsames Schweigen und Raunen nicht nur mit einer stattlichen Gage, sondern nun auch noch mit einem Preisgeld in Höhe von 100.000 Euro entlohnt wird.

„Ist es denn nie vorbei?“

Bleibt zu hoffen, dass Markus W., jener Hotel-Mitarbeiter, dem Ofarim 2021 fälschlicherweise Antisemitismus unterstellte, etwas von dieser Summe zu sehen bekommen wird. In einem aktuellen Interview mit der „Zeit“ erzählt W. jetzt, er habe die 20.000 Euro, auf die Ofarim und er sich 2023 einigten, bisher gar nicht erhalten. Zugleich machte W. deutlich, sich damals auch deshalb auf die Einstellung des Verfahrens nach Ofarims Entschuldigung eingelassen zu haben, „weil ich die Sache endlich abschließen wollte“. Nun aber mache Ofarim „zweifelhafte Andeutungen“, sagt der Hotel-Mitarbeiter. „Das wirkt sehr befremdlich, es ärgert mich massiv und ich frage mich auch: Ist es denn nie vorbei?“

Dass es nicht vorbei ist, liegt in erster Linie an RTL, wo man es augenscheinlich nicht nur für eine gute Idee hielt, dem Musiker zwei Wochen lang seine größte Show-Bühne zu überlassen, sondern Ofarim auch noch als Opfer inszenierte. Es war eine Erzählung, die sogar noch beim „großen Wiedersehen“ aufrechterhalten wurde, das der Sender am Abend nach dem Finale ausstrahlte. Zumindest sie habe keine Entschuldigung erwartet, machte Moderatorin Sonja Zietlow in Richtung Ofarims Mistreiter deutlich; er habe „die Erwartungen überhaupt nicht erfüllen können, die ihr an ihn gestellt habt“.


Jan Köppen, Sonja Zietlow, Gil Ofarim, Samira Yavuz, Hubert Fella

© RTL
Jan Köppen und Sonja Zietlow mit Gil Ofarim, Samira Yavuz und Hubert Fella beim „Wiedersehen“ nach dem Finale.

Dabei hätte man zumindest von RTL erwarten können, dem Publikum eine Einordnung an die Hand zu geben. Und ganz sicher hätte es auch mehr als nur eine Gelegenheit gegeben, Gil Ofarim im Dschungelcamp mit Fakten zu konfrontieren, etwa mit der Tatsache, dass es gar keinen Schweigedeal gab, wie nun auch Markus W. noch einmal klarstellte. „Er kann über die Vorgänge in der Lobby sprechen“, sagt der im „Zeit“-Interview. Und: „Das Einzige, was er nicht wiederholen darf, ist die Unwahrheit über mich. Er hat im Zuge des Vergleichs vor Gericht eine Unterlassungserklärung abgegeben. Das bedeutet, er darf nicht mehr sagen, dass ich ihn wegen des Tragens einer Davidsternkette des Hotels verwiesen hätte. Und er darf auch keine ähnlichen Aussagen tätigen, die andeuten, dass eine antisemitische Äußerung stattgefunden habe. Das ist alles.“

Es riecht nach Opportunismus

Woher die – insbesondere für „IBES“ ungewöhnliche – höflich-harmlose Zurückhaltung von RTL im Umgang mit Gil Ofarim rührt? Es riecht nach Opportunismus. Bei der Ankündigung von Ofarims Teilnahme verwies der Sender darauf, dass das Publikum sich doch in der Sendung dann sein eigenes Bild machen könne. Doch im Dschungel lieferte Ofarim dann erneut eine Show der Widersprüche.

Die Wut und das Unverständnis der Mitcamper, sie machten ihn dank der Inszenierung von RTL zum Opfer. War sich der größte Privatsender des Landes seiner Verantwortung nicht bewusst? Sich zurückzuziehen auf das Urteil des Publikums, dessen Eindruck man zuvor selbst erzeugt hat, wirkt nicht überzeugend. Und kritische Einordnung des Geschehens von der Primetime ins kostenpflichtige Angebot von „Stern+“ zu verlagern – auch da ist er wieder, der Opportunismus.

„Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ funktionierte über all die Jahre immer aus einer sehr sorgsam gepflegten Balance. Der Balance zwischen einer Show, die ihre Stars für sich nutzt – und Stars, die die Show für sich nutzen. Auch das ist leider verrutscht.

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