Es ist Zeit, Danke zu sagen. Danke, liebe EU, für den Euro, für die (meistens) offenen Grenzen, für die Abschaffung sündhaft teurer Roaminggebühren fürs Smartphone. Danke, dass das Reisen in Europa so viel unkomplizierter geworden ist. Von Deutschland durch Österreich nach Italien, man merkt es kaum, nur der Kaffee wird immer besser.
Wobei man sich für die Kaffeepause in Österreich tunlichst keinen Abstellplatz für sein Auto suchen sollte, der den Einsatz einer Parkscheibe erfordert. Denn ausgerechnet an diesem Utensil von ikonischer Schlichtheit, das keine Worte benötigt, um seine Botschaft zu transportieren, ist die europäische Einigung vorübergegangen.
An der technischen Komplexität kann es kaum liegen: Die Parkscheibe ist maximal analog. Zusammengenietete Pappe, ein aufgedruckter Zeiger, eine Zahlenskala zum Drehen in der Anmutung einer Lernuhr für Grundschulkinder. Keine Knöpfe, kein Touchscreen, kein Speicherchip. Und großzügig geht man in Deutschland mit der Zeit um, man glaubt es kaum. Wer das Auto um 16.01 Uhr abstellt, bekommt 29 Minuten geschenkt, einfach so, weil die Ankunftszeit grundsätzlich auf die nächste halbe Stunde aufgerundet wird.

:Insel zu verschenken
Schweden hat so viele Inseln, dass das Land ein paar davon jetzt zur Adoption freigibt. Aber Vorsicht: Möglicherweise werden nicht alle Erwartungen erfüllt.
Viel zu ungenau ist das den Nachbarn im Süden: In Österreich, man ahnte es schon, ticken die Uhren anders. Dort verlangt die Kurzparkzonen-Überwachungsverordnung ein Zifferblatt mit einem Durchmesser von mindestens zehn Zentimetern, einem dunklen Zeiger auf hellem Hintergrund und einer Einteilung, mit der die Uhrzeit auf die Viertelstunde genau eingestellt werden kann. Und das im Land der Kaffeehäuser, in denen man so herrlich das Gefühl verlieren kann für die Zeit und die Viertelstunden erst recht.
Eine deutsche Parkscheibe auf einem österreichischen Parkplatz könne ein Bußgeld nach sich ziehen, warnte jetzt der ADAC all jene, die gerade in die Skigebiete aufbrechen. Der Strafrahmen für solche Verstöße liege bei 21 bis 726 Euro. Das auch noch, wo doch Skipass und Hüttenmittagessen ohnehin schon horrend teuer sind. Ausgeschöpft werde dieser Rahmen „in der Praxis aber nicht“, beruhigt der Automobil-Club. Und dennoch: Vielleicht fährt man trotzdem lieber nach Südtirol durch. In Italien ist sogar ein handgeschriebener Zettel mit der Ankunftszeit anstelle der Parkscheibe erlaubt.
Mit Dänemark gab es auch einen Parkscheiben-Zwist
Aber bevor sich hier alle über Österreich aufregen: In Deutschland sind ausländische Parkscheiben ebenfalls nicht gern gesehen. In Flensburg entspann sich daraus vor einigen Jahren ein ausgewachsener deutsch-dänischer Zwist, der sogar die EU-Kommission beschäftigte. Parkwächter verteilten in der Grenzstadt plötzlich Strafzettel für Autos mit dänischer P-Skive (rund, Viertelstundenskala), während deutsche Parkscheiben (eckig, Halbstundenskala) in deutschen Autos in Dänemark unbehelligt blieben. Die EU-Kommission reagierte auf eine Anfrage, ob nun nicht endlich Zeit sei für eine EU-weite Anpassung, maximal unaufgeregt: Man sei „nicht der Ansicht, dass weitere Maßnahmen in diesem Bereich erforderlich sind“.
Klingt wie ein Aufruf zu grenzüberschreitender Großzügigkeit, zu der man hierzulande, siehe oben, ja auch bei der Zeittaktung der Parkscheibe in der Lage ist: Bis zu 29 Minuten! Umsonst! Eine Freigiebigkeit, die man sich offenbar bei anderen Verkehrsmitteln zum Vorbild genommen hat: Die Deutsche Bahn schenkt ihren Passagieren zusätzliche Fahrtzeiten mittlerweile gleich stundenweise.

