Ökonom fordert AusgleichszölleWarum deutsche Firmen noch immer auf den Standort China setzen
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Die Reise von Kanzler Merz und seiner Delegation führt sie in die Tech-Metropole Hangzhou. Dabei wird klar: Deutsche Unternehmen sehen dort Vorteile. Nicht nur in der Produktion, sondern auch bei der Entwicklung moderner Technologien. Doch zu welchen Kosten?
Mit verschränkten Armen steht der deutsche Kanzler vor dem Boxring, in dem zwei Roboter sich beharken. Merz hat den Kopf leicht gesenkt, mit verschmitztem Lächeln beobachtet er den Kampf, dann wird er weitergeführt. Friedrich Merz und seine 30-köpfige Wirtschaftsdelegation haben bei ihrem Besuch in der Millionenmetropole Hangzhou neben Hochspannungsanlagen von Siemens auch humanoide Roboter des chinesischen Unternehmens Unitree vorgeführt bekommen.
In Hangzhou arbeiten allerdings nicht nur chinesische Entwickler an Robotern: Unitrees Konkurrent, der deutsche Robotikpionier Neura, eröffnete dort erst vergangenes Jahr eine Niederlassung. Es ist eine dynamische Beziehung, die die baden-württembergische Firma mit China verbindet: Neura startete vor knapp acht Jahren mit einem chinesischen Investor im Rücken. Jahrelang entwickelte das deutsche Start-up seine Roboter im schwäbischen Metzingen und fertigte in China.
2023 übernahm ein europäisches Investorenkonsortium, schoss rund 50 Millionen Euro zu. Neura verankerte sich fester am deutschen Standort. Das Start-up entwickelte Roboter, die auch Schwäbisch sprechen. Und kündigte 2024 an, die komplette Fertigung nach Deutschland zu verlagern.
Im Oktober des vergangenen Jahres dann eine Art Rückkehr zu den Wurzeln: Neura eröffnet einen Standort im chinesischen Hangzhou. Allerdings nicht, um dort wieder zu produzieren. Neura eröffnete in der chinesischen Metropole ein Fitnessstudio für seine Roboter. Sie sollen dort trainiert werden und dabei voneinander lernen. Die Roboter-Trainingshalle soll auch chinesischen Roboterherstellern zur Verfügung stehen.
Hand in Hand oder doch Boxkampf?
Stunden nach dem Abflug der deutschen Delegation veröffentlicht ein chinesisches Staatsmedium ein Video. Es zeigt ein Mitglied von Merz‘ Delegation, das mit einem chinesischen Roboter tanzt. „Hand in Hand Richtung Zukunft“, ist das Video untertitelt.
Eine der Fragen, die über dem Kanzlerbesuch in China schweben, ist: Hand in Hand Richtung Zukunft oder doch eher Faustkampf um die Marktanteile von morgen?
IW-Experte Jürgen Matthes sagt im ntv.de-Interview, deutsche Firmen nutzten China immer öfter als billige Produktionsbasis. Von dort exportierten sie teilweise auch nach Europa – mit verheerenden Folgen. „Dann macht das Unternehmen zwar Gewinn, aber unser Standort hier zieht den Kürzeren“, so Matthes. Am Ende konkurrierten subventionierte chinesische Arbeitsplätze mit nicht subventionierten europäischen Arbeitsplätzen.
Der chinesische Staat aber spiele unfair, drücke seine Währung, überflute Märkte weltweit mit seinen subventionierten Waren. Matthes fordert in solchen Fällen eine klare politische Reaktion: „Wenn europäische Arbeitsplätze durch nachgewiesene unfaire Konkurrenz bedroht sind, braucht es auch hier in aller Regel Ausgleichszölle.“ Matthes stellt klar: Deutsche Unternehmen gehen aus verschiedensten Gründen nach China. Aus Sicht des Unternehmens seien es oft gute Gründe.
In China lernen die Roboter denken
„Die Daten, die bei dem Training generiert werden, bleiben zwar in China“, sagte Neura-Chef David Reger der „Süddeutschen Zeitung“ im Oktober. „Aber das Wissen um Robotik, das dabei entsteht, können wir mit nach Deutschland nehmen.“ Warum es nicht reicht, in Deutschland zu forschen? Laut Reger, weil sich in China die Innovation „in Echtzeit abspielt“. Man fertige seine Roboter zwar in Deutschland, sagte Reger demnach, aber „in China und weltweit lernen sie denken.“
In Hangzhou betreibt neben Siemens und Neura auch der deutsche Chemieriese Bayer eine Niederlassung. Auf Nachfrage von ntv.de sagt ein Konzernsprecher, Hangzhou sei bekannt für seinen Fokus auf digitale und emissionsfreie Technologien. Bayer produziert dort Pflanzenschutzmittel für den chinesischen Markt, stelle seinen Betrieb dieses Jahr vollständig auf erneuerbare Energien um. Grundsätzlich biete China ein „positives Umfeld für Biotech-Innovationen“. Das helfe neben der Lebensmittelversorgung der örtlichen Bevölkerung auch der Innovationskraft der chinesischen Landwirtschaft.
Vor der Reise war aus dem Kanzleramt zu hören, China sei in den vergangenen Jahren für deutsche Unternehmen auch als Innovationsstandort immer wichtiger geworden. Die Entwicklung dort sei oft schneller und auch günstiger als in Deutschland. IW-Ökonom Matthes sagt, alles in allem könne man „bei wichtigen Produkten locker in eine Größenordnung für mögliche Ausgleichszölle von 40 bis 50 Prozent kommen“. Natürlich immer nur mit dem Ziel, den auf Wettbewerbsverzerrungen beruhenden Teil der China-Konkurrenz auszugleichen. „Mit dem fairen Teil müssen unsere Unternehmen aus eigener Kraft klarkommen“, so Matthes.
