Octopus-Energy-Chef Greg Jackson: „Ganz ehrlich: Europa macht Energiewende so, als würde man wollen, dass sie scheitert“

Autokraten begreifen den Wandel„Ganz ehrlich: Europa macht Energiewende so, als würde man wollen, dass sie scheitert“

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Die Abu Dhabi Sustainability Week (ADSW) mit Gästen aus aller Welt zeigt: Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) setzen trotz ihres Ölreichtums auf erneuerbare Energien. (Foto: picture alliance / abaca)

Sonne und Wind erzeugen den günstigsten Strom. Davon spüren deutsche Haushalte bisher wenig. Laut Greg Jackson wird die Energiewende hierzulande falsch umgesetzt: „Haushalte mit einer Solaranlage erhalten unglaublich günstigen Strom“, sagt der Gründer und Chef des britischen Energieunternehmens Octopus Energy im „Klima-Labor“ von ntv. „Teuer wird der Strom komischerweise erst, sobald er im Netz landet.“ Der Brite geht im Podcast hart mit der europäischen Politik ins Gericht. Ihm zufolge lässt sie sich von Lobbyisten zu falschen und teuren Lösungen verleiten: „Etablierte Akteure wissen nicht, wie sie mit Disruption und Veränderung umgehen oder sogar Geld verdienen sollen.“ Wie man es besser macht, sieht man ihm zufolge in Ländern wie Saudi-Arabien: „Der gesamte Nahe Osten folgt dem norwegischen Modell.“

ntv.de: Im vergangenen Jahr haben erneuerbare Energien einen Anteil von 55,9 Prozent am deutschen Strommix gehabt. 2030 sollen es 80 Prozent sein. Ist das machbar?

Greg Jackson: Wenn man Emissionen senken will, sollte man alles elektrifizieren, was geht. Entscheidend ist letztlich aber nicht, wie viel Prozent des Stroms erneuerbar sind: Nur 25 oder 30 Prozent unseres Energieverbrauchs sind Strom. Alles andere ist Gas in Fabriken oder Benzin in den Autos. Selbst ein E-Auto, bei dem der gesamte Strom mit Gas hergestellt wird, hat weniger Emissionen als ein fossiles Auto. Wer sich also unermüdlich darauf konzentriert, Strom erneuerbar zu machen, riskiert, die Strompreise in die Höhe zu treiben und die öffentliche Zustimmung für die Energiewende zu verlieren.

Ein zu starker Fokus auf erneuerbare Energien treibt den Strompreis in die Höhe?

Wenn man erneuerbare Energien richtig nutzt, senken sie die Strompreise. Das machen wir in Europa aber nicht. Ganz ehrlich: Wenn man wollte, dass die erneuerbaren Energien scheitern, würde man wahrscheinlich das tun, was wir tun.

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Greg Jackson (l.) ist Gründer und Chef von Octopus Energy. Das britische Energieunternehmen versorgt im Vereinigten Königreich 7,8 Millionen Kunden mit Energie. Nach der Gründung 2015 ist das Unternehmen somit in nur zehn Jahren zum größten britischen Energieversorger geworden. Der zweitgrößte Markt ist Deutschland: Hierzulande beziehen gut eine Million Haushalte ihre Energie von Octopus Energy. (Foto: picture alliance / empics)

Was machen wir denn?

Etablierte Unternehmen der fossilen Brennstoffwirtschaft, aber auch der Stromindustrie bauen immer neue Anlagen, bevorzugt an den falschen Orten. Deshalb müssen wir zusätzlich ein enorm großes Stromnetz bauen. Das ist teuer. Das muss aufhören. Wir nutzen auch nicht Batterien, Elektrofahrzeuge und Flexibilität, um die Preise zu senken. Das wäre möglich. In Großbritannien sorgen flexible Verbraucher für viermal günstigere Strompreise als Kohlekraftwerke auf Stand-by. Trotzdem sind wir in Europa das einzige Land, in dem Verbraucherflexibilität in großem Maßstab umgesetzt wird.

Bei der deutschen Regierung scheint Flexibilität nicht auf der Agenda zu stehen. Davon hört man jedenfalls nichts.

Regierungen hören immer auf die Industrie. Gerade die fossile Industrie hat viele Lobbyisten. Die Zukunft? Nicht. Niemand wirbt für Dinge, die es nicht gibt. Aber etablierte Akteure wissen nicht, wie sie mit Disruption und Veränderung umgehen oder sogar Geld verdienen sollen. Deshalb zwingen sie der Politik teure bestehende Lösungen auf. Das war in anderen Branchen ähnlich. Etablierte Medien haben anfangs versucht, das Internet zu stoppen, weil sie nicht wussten, wie sie damit arbeiten sollen. In der Musikindustrie mussten illegale Streamingplattformen zeigen, wie man mit digitaler Musik Geld verdienen kann.

Sie sagen, dass börsennotierte Unternehmen von Quartalsergebnissen getrieben sind und deshalb langfristige Investitionen meiden, die zu viel besseren Ergebnissen führen könnten. Ist es in der Politik mit Wahlen ähnlich?

Ich bin ein großer Fan der Demokratie, aber man muss feststellen: Die größten und mutigsten Entscheidungen im Energiebereich werden von Ländern getroffen, die keine regelmäßigen oder demokratischen Wahlen haben. China hat in den 2000er-Jahren entschieden, auf Elektrofahrzeuge zu setzen. Heute stellt China drei Viertel aller weltweit genutzten Erneuerbaren her, von E-Autos über Batterien bis hin zu Windkraftanlagen und Solaranlagen. Der Nahe Osten hat sein ganzes Geld mit Öl und Gas verdient. Jetzt setzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Firma namens Masdar ein Projekt um, das 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche sauberen Strom bereitstellen wird – mit einer Kombination aus Solaranlagen und Batteriespeichern.

Weil dieser Strom auch für die Emirate günstiger ist?

Ja. Der gesamte Nahe Osten folgt dem norwegischen Modell: Sie bauen riesige saubere Energiekapazitäten für sich selbst – ihr Öl und Gas verkaufen sie ans Ausland. Saudi-Arabien möchte bis 2030 70 Gigawatt an erneuerbaren Energien errichten. Um das ins Verhältnis zu setzen: Das Vereinigte Königreich ist ein 50-Gigawatt-Strom-System. Saudi-Arabien wird also in vier Jahren mehr Erneuerbare zubauen, als das gesamte Vereinigte Königreich heute an Strom verbraucht.

China baut gleichzeitig zwei Stromsysteme: ein sauberes und ein fossiles. Sollten sich Länder wie Deutschland daran orientieren?

Entscheidend ist, dass erneuerbare Energien eine viel feinere und dynamischere Preisgestaltung als das fossile System benötigen. So kann man das meiste aus den Zeiten herausholen, in denen überschüssiger grüner Strom vorhanden ist. Definitiv können wir die Erneuerbaren nicht wie bisher ohne Reform des Energiemarktes aufbauen. Das macht es teuer. Mobiltelefonen haben wir auch nicht vorgeschrieben, dass sie wie Festnetzleitungen immer erreichbar sein müssen. So hätten sie sich nie durchgesetzt. Neue Technologien können viele Dinge, die alte Technologien nicht können, aber manches eben nicht. In der Energiewelt wird aber wie wild für alte Standards lobbyiert. Damit blockieren wir Fortschritt.

Wie zuversichtlich sind sie, dass Deutschland das neue System und den nötigen Wandel versteht?

Deutschland ist ein großartiges Beispiel für den Einfluss von Lobbyisten. Die deutsche Industrie hat das Land abhängig von russischem Gas gemacht. Eine andere Lobby hat die Regierung überzeugt, alle Atomkraftwerke stillzulegen. Wenn man nur auf Lobbyisten hört und seine Meinung immer wieder ändert, bleiben viele wertlose Investitionen und Abschreibungen zurück. Das ist den Lobbyisten egal. Die werben nur, wofür sie bezahlt werden.

Sowohl Bundeskanzler Merz als auch Wirtschaftsministerin Reiche haben in der Wirtschaft gearbeitet. Die beiden wissen genau, was „Stranded Assets“ und Abschreibungen sind. Sehr wahrscheinlich wissen sie auch, dass der deutsche Strommarkt ineffizient ist und Geld verbrennt. Warum wird das nicht sofort geändert?

Die überwiegende Mehrheit der etablierten Unternehmen profitiert von der heutigen Funktionsweise. Wenn die Politik versucht, das System zu ändern, stehen die Lobbyisten sofort in den Büros und drohen mit Stromausfällen oder wegfallenden Arbeitsplätzen. Dann weichen Regierungen zurück oder schließen Kompromisse.

Die aber nichts bringen?

Als ich jung war, hat die britische Premierministerin Margaret Thatcher gesagt: Der gefährlichste Ort ist mitten auf der Straße, weil man von beiden Seiten angefahren wird. Dort stehen wir heute mit der Energiewende: Die halbe Strecke ist geschafft. Jetzt möchten einige Leute stehenbleiben oder sogar rückwärtsgehen und sich umsonst überfahren lassen. Die beste Entscheidung ist, die Straße zu überqueren. Wenn der Energiemarkt reformiert wird, bekommen wir günstigen Strom. Die meisten haben es wahrscheinlich schon vergessen, aber vor drei Jahren musste Europa 500 Milliarden Euro ausgeben, um hohe Gasrechnungen zu senken. An diesen Gefahren hat sich nichts geändert, schauen Sie sich Grönland, Venezuela oder den Nahen Osten an. Wer erneuerbare Erzeugung und Batterien kauft, hat mindestens 20 Jahre Energiesicherheit. Wer Gas, Öl oder Benzin verbrennt, muss direkt im Anschluss Nachschub kaufen.

Wann ist die Straße überquert? Wann sinken die Strompreise?

Haushalte mit einer Solaranlage erhalten schon jetzt unglaublich günstigen Strom. Teuer wird der Solarstrom komischerweise erst, sobald er im Netz landet: 60 Prozent der deutschen Stromkosten sind Steuern, Abgaben und Netzentgelte.

Die Menschen müssen der Politik das neue System wie bei einer Revolution aufzwingen?

Das passiert bereits. In Pakistan ist der nationale Netzbetreiber im Grunde bankrott, weil so viele Menschen beschlossen haben, sich mit Solarenergie und Batterien selbst zu versorgen. Das wird auch in anderen Ländern passieren, Solaranlagen und Batterien werden jedes Jahr günstiger. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich die meisten Menschen weitgehend vom öffentlichen Netz abkoppeln. Das ist gut für die Stromrechnung und auch fürs Klima.

Mit Greg Jackson sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt und zur besseren Verständlichkeit übersetzt, gekürzt und geglättet. Ausschnitte des Gesprächs können Sie sich im Podcast „Klima-Labor“ anhören.

Quelle: ntv.de