

Von einem unbekannten Ort aus telefonierte Delcy Rodríguez am frühen Morgen mit dem venezolanischen Staatsfernsehen. Die Vizepräsidentin forderte ein Lebenszeichen von Präsident Nicolás Maduro, den die USA nach Angaben von Präsident Donald Trump in der Nacht „festgenommen“ hatten. Rodríguez forderte ihre Landsleute auf, gegen die amerikanische Aggression auf die Straße zu gehen: „Fuera a la calle“, sagte sie.
Rodríguez ist eine der engsten Vertrauten Maduros. Die 1969 geborene Tochter eines linksgerichteten Politikers, der 1976 in einem venezolanischen Gefängnis zu Tode gefoltert wurde, bekleidete nach einem Jurastudium in Venezuela, Frankreich und Großbritannien unter Hugo Chávez, dem 2013 verstorbenen Vorgänger Maduros, erstmals öffentliche Ämter.
Maduro machte sie 2014 zur Außenministerin. 2017 vertraute er ihr das Amt der Präsidentin der Verfassungsgebenden Versammlung an und machte sie zu seiner Stellvertreterin. In diese Jahren fallen der Exodus von Millionen Venezolanern und die Inhaftierung hunderter politischer Gegner des vom Militär sowie von Kuba, Russland, Iran und China gestützten Regimes. Wie viele Mitglieder des Maduro-Regimes ist Rodíguez in vielen westlichen Staaten mit Sanktionen belegt. Rodríguez untersteht unter anderem der venezolanische Inlandsgeheimdienst SEBIN.
Über ihr Verhältnis zu Innenminister Diosdado Cabello, einem vormaligen Offizier, der schon zu den Vertrauten von Chávez gehört hatte und sich als Architekt des Repressionsregimes hervorgetan hat, ist wenig bekannt. Inoffiziell galt Diosdado Cabello vielen als „Nummer zwei“ des Chávismo hinter Maduro.
Im vergangenen Jahr machte Rodríguez mit wirtschaftlichen Reformen von sich reden, die den Niedergang der venezolanischen Volkswirtschaft bremsen und so dem Maduro-Regime mehr finanziellen Handlungsspielraum verschaffen sollten. Unter anderem öffnete sie den Ölsektor für private Investoren, was im vergangenen Jahr zu einem Anstieg der Ölexporte um zwölf Prozent führte. Im engsten Zirkel um Maduro ist sie unter zahlreichen aktiven und ehemaligen Offizieren die einzige Frau.
Welche Befugnisse hat Rodríguez?
Die venezolanische Verfassung sieht für den Fall des Rücktritts oder der Amtsunfähigkeit des Staatsoberhauptes vor, dass die Führung der Amtsgeschäfte auf dessen Stellvertreter übergeht. Ein Interimspräsident wäre verpflichtet, nach Ablauf einer bestimmten Frist Neuwahlen anzusetzen. Letztmalig wurde in Venezuela im Juli 2024 ein neues Parlament gewählt. Ausweislich der von der Opposition dokumentierten Wahlergebnisse wurden diese so gefälscht, dass die nationale Wahlbehörde Maduro für eine weitere sechsjährige Amtszeit zum Präsidenten ausrufen konnte.
Maduros Gegenspielerin, die 1967 geborene Bürgerrechtlerin María Corina Machado, war von der Teilnahme an der Wahl ausgeschlossen worden. An ihrer Stelle kandidierte der vormalige Diplomat Edmundo González für das Präsidentenamt. Nach dem Wahlbetrug wurde er im November 2024 von den Vereinigten Staaten als Staatspräsident Venezuelas anerkannt. Das Maduro-Regime setzte kurze Zeit später ein Kopfgeld für seine Ergreifung aus. González lebte zuletzt in Spanien. Machado wurde im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
