
Seit den ersten Winterspielen, 1924 in Chamonix, ist die Nordische Kombination im Programm. Die Mischung aus den beiden völlig unterschiedlichen Sportarten Skispringen und Langlaufen setzt Wagemut in der Luft und viel Ausdauer in der Loipe voraus. Doch diese Attribute gelten auch für andere peppigere, jüngere Formate, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) längst für sich entdeckt hat. Weshalb es nun eng wird für die Kombination.
Die Winterspiele sieht das IOC inzwischen auch in Konkurrenz zu Extremsportveranstaltungen wie den X-Games, die dauerhaft in Aspen (USA) stattfinden. Die ziehen ein eher auf Action schielendes Publikum an. Ein wenig von diesem X-Faktor hat das IOC auch bei seinen 25. Winterspielen in Mailand und Cortina im Programm. Dort mischt sich Klassisches wie Biathlon, Bob, Rennrodeln und Eiskunstlaufen mit den Akrobatikeinlagen beim Big Air, einer Art Katapultspringen mit mehrfachen Salti und Schrauben, dem Buckelpistenfahren und Kunststücken in der Halfpipe oder im Slopestyle, einem Hindernisparcours. Und dort gewinnt dann auch mal ein Sportler aus dem nicht gerade als Wintersportnation geltenden Australien die Goldmedaille. Das kommt dem IOC entgegen, das ein möglichst globales Sportfest anstrebt.
Streichkandidat für 2030
Und genau das spricht derzeit gegen die Nordische Kombination. Zu wenig sexy, zu europäisch, zu wenig Abwechslung bei den Siegern, kritisiert das IOC. Und zu wenig weiblich. Derzeit ist die Nordische Kombination die einzige Sportart, bei der in Cortina nur Männer starten.
Wobei dafür wiederum das IOC selbst verantwortlich ist. Es hat nach 2022 auch diesmal keine Kombiniererinnen zugelassen, obwohl es schon jahrelang Weltcupwettbewerbe für Frauen gibt. Das IOC kritisiert, dass die Wettkämpfe oft vorhersehbar sind und die Sportart international zu wenig verbreitet ist. Derzeit gilt die Kombination als Streichkandidat für die Olympischen Winterspiele 2030. Das IOC hat dem Internationalen Skiverband FIS, unter dessen Obhut die Weltcupveranstaltungen der Kombinierer ausgerichtet werden, eine klare Ansage gemacht.
„Entweder die Kombiniererinnen kommen bei Olympia 2030 dazu – oder die Nordische Kombination ist ganz draußen“, sagt Sandra Spitz, die Sport- und Eventdirektorin der FIS. Kurzum: Vor allem bei den Frauen werden Fortschritte verlangt. Die Evaluierungskommission des IOC will noch die Spiele und die Medaillenverteilung in Cortina abwarten, im Mai beraten und im Juni eine Entscheidung verkünden: Ja oder Nein zur Kombination.
Bei den Olympischen Spielen hat laut Horst Hüttel, dem Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), eine IOC-Delegation einen Besuch der Einzelwettkämpfe am 11. und 17. Februar angekündigt, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Wettbewerbe ankommen. „Wir hoffen sehr, dass IOC-Präsidentin Kirsty Coventry dabei ist und Karl Stoss, der Leiter der IOC-Programmkommission“, sagt Hüttel.
Tatsächlich gewinnen bei den Kombinierern derzeit fast immer dieselben Nationen. Bei den Männern dominieren Österreicher, Deutsche und Norweger. Sportler aus diesen Nationen stellen alle Sieger der bisher 14 Weltcups dieses Winters. In die Top Ten der Gesamtwertung hat sich neben dem dominierenden Trio ein Finne platziert: Ilkka Herola, er ist Siebter. Unter den besten 20 Athleten tauchen nur ein weiterer Finne, ein Este und als 19. der Italiener Samuel Costa auf. Bei den Frauen gewann die Norwegerin Ida Marie Hansen zehn von zwölf Weltcups, einmal siegte die Österreicherin Katharina Gruber, ein weiteres Mal Alexa Brabec aus den USA.
„Das gab es in der Geschichte dieser Sportart noch nie“
Die drohende Streichung provoziert natürlich auch Widerspruch. Hüttel berichtet von „interessanten Gesprächen“ mit der FIS-Programmkommission. Die Kombination besitze durchaus Argumente, findet Hüttel. 36 Weltcupveranstaltungen gebe es in diesem Winter für Männer und Frauen: „Das gab es in der Geschichte dieser Sportart noch nie.“ Damit will Hüttel sagen: Wir entwickeln uns doch. Gleichwohl finden alle diese Wettkämpfe in Europa statt. Die X-Games wiederum haben ihren Kern und ein großes Publikum auf dem US-Markt. Den kann das IOC mit der Nordischen Kombination eher nicht erobern.
Hüttel hält dagegen, dass es zuletzt einen Youth-Cup in Oberstdorf gegeben habe. „Da waren 140 Starterinnen und Starter aus 18 Nationen bei den Männern und 13 Nationen bei den Frauen dabei.“ Dazu kommen ganz praktische Gründe. Für die Skisprungwettbewerbe müssen die Olympiaorganisatoren eine Klein- und eine Großschanze bereitstellen. 2030 finden die Winterspiele in den französischen Alpen statt. Fabien Saguez, der Präsident des französischen Skiverbandes, hat bereits durchblicken lassen, dass er eine Normalschanze für gerade mal zwei Wettbewerbe – ein Männer- und ein Frauenskispringen – „nicht darstellen“ könne. Gut, dass da noch die Kombinierer sind. Saguez plädiert dafür, dass die kleine Anlage auch von denen genutzt wird.
