Nominiertes Sachbuch „Balkan Odyssee“: Einige empfing man wie Popstars

Ins kroatische Zaton Mali fahren Urlauber seit dem 19. Jahrhundert wegen der Appartements mit Meerblick. Die wenigsten, die in der kleinen Bucht nördlich von Dubrovnik heute am Strand liegen, wissen, dass hier in den 1930er Jahren ein Refugium deutscher Exilanten war.

Obschon heute unbekannter als das südfranzösische Sanary-sur-Mer, wo prominente Deutsche wie Thomas Mann vor dem Nationalsozialismus hinflüchteten, war nicht nur die Bucht Zaton Mali, sondern ganz Jugoslawien in den 1930er Jahren für Intellektuelle, Künstler, Unternehmer, Politiker und insbesondere Juden von zentraler Bedeutung.

Auf dalmatinischen Inseln, in slowenischen Kleinstädten, bosnischen Dorfgemeinden und serbischen Donauhäfen sowie in den Hauptstädten Zagreb, Belgrad und Sarajevo betrieben zwischen 1933 und 1941 deutschsprachige Menschen Kinderheime, spielten Theater, malten Bilder, schrieben Romane, warteten auf Schiffe nach Haifa, warteten auf Visa in die USA, warteten auf das Ende des NS, schlossen sich dem antifaschistischen Widerstand an. Sie waren damals sogenannte „Emigranten“, die vor den Nazis fliehen mussten.

Das Buch

Marie-Janine Calic: „Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“, Verlag C.H.Beck, 383 Seiten, 28 Euro

Der Historikerin Marie-Janine Calic ist es zu verdanken, dass dieses Kapitel in der historischen Aufarbeitung deutscher NS-Geschichte nun endlich auch Aufmerksamkeit bekommt. Ihr Buch „Balkan Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ ist in diesem Jahr absolut verdientermaßen als eines von drei Büchern für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch nominiert.

Calic, Professorin für die Region in München, hat für ihr Buch tief graben müssen und bisher nicht bearbeitete Quellen recherchiert wie Tagebucheinträge und Briefe der Geflüchteten, behördliche Protokolle jugoslawischer und österreichischer Zollbeamte und deutscher Nazis.

Einzelne Personen im Mittelpunkt

Herausgekommen ist eine herausragend elegant geschriebene Geschichte, die sich so spannend wie ein Krimiroman liest. Das liegt daran, dass Calics Buch in Aufbau und inhaltlichem Fokus der Technik des „narrative nonfiction“ folgt. Die Geschichten werden in relativ kurzen Sequenzen erzählt, in deren Mittelpunkt einzelne Personen stehen, dessen Schicksal uns das ganze Buch über begleiten. Erzählt wird so lebensnah, als säße man als Leserin selbst am Cafétisch mit den Emigranten im Belgrader Hotel Srpski Kralj oder auf dem Badehandtuch am Strand von Zaton Mali.

Die heute bekanntesten Namen, die wir in Calics Buch begleiten, sind der Theaterstar Tilla Durieux und der Schriftsteller Manès Sperber. Die weniger bekannten Namen sind gleichzeitig auch die spektakuläreren Ausgrabungen Calics wie zum Beispiel der Berliner Onkologe und Krebsforscher Ferdinand Blumenthal, der 1933 Berufsverbot erhält. Während Kollegen wie der Zahnmediziner Hans Moral in der gleichen Lage Selbstmord begehen, erhält Blumentahl einem Ruf an die Belgrader Uni, wo er bei seiner Antrittsvorlesung wie ein Popstar empfangen wird.

Wir verfolgen den turbulenten Weg des Schauspielers Ado von Achenbach, der bei seiner Flucht aus Berlin nur eine Sache ins dalmatinische Fischerdorf mitbringt: ein Baby-Krokodil. Wir lernen Menschen wie den Verkäufer Walter Stein aus Wien kennen, der wie tausende andere mit Schiffen auf der Donau Richtung Palästina flüchtet und im serbischen Flussdorf Kladovo strandet.

„Schleppermillionäre“ und „Judenretter“

Auch der weltbekannte Beatdichter William S. Burroughs taucht in Dubrovnik auf, damals Hotspot queerer Tourist*innen. Dort heiratet er die deutsche Emigrantin Ilse Klapper, die mit dem berühmten Berliner Dandy und Arzt Heinrich Klapper hierher geflüchtet war und als Ilse Burroughs auf ein Visum für die USA hofft. Wir lernen, dass der Konsul von Paraguay in Zagreb gefälschte Visa ausstellte, weswegen der Breslauer Kommunist Ernst Kroch, der in Jugoslawien eine jüdische Agrarschule besuchte, am Ende in Uruguay landet.

Calic porträtiert aber auch das Personal auf der anderen Seite, wie die atemberaubende Karriere des österreichischen Lebe- und windigen Geschäftsmanns Josef Schleich, der „Schleppermillionär“, der mit Gestapo und jüdischen Organisationen zusammenarbeitet, um Flüchtlinge über die Grenze nach Jugoslawien zu bringen. Aber auch unermüdliche „Judenretter“ wie den Chef der jüdischen Kultusgemeinde Šime Spitzer oder den kroatischen Textilfabrikanten Marko Rosner.

Die literarisch erzählten Lebensgeschichten unterbricht Calic immer wieder, um den historischen Kontext zu erläutern. Selbst das gelingt ihr kompakt, umfassend und unterhaltsam. Dazu sind großartige Fotos abgedruckt, wie das von 1939, auf dem der Schauspieler Ado von Achenbach (als Mussolini verkleidet) in Zagreb mit seinen jugoslawischen Freunden, dem Physiker Zvonimir Rihtman (als Hitler), der Psychiaterin Vera Šaric (als Chamberlain) und dem Chemiker Rikard Podhorsky (als Daladier) die Münchner Konferenz nachspielen.

In den ersten Jahren werden aus den Tagebuchaufzeichnungen und Briefen oft die Worte „Paradies“ und „Glück“ zitiert. Doch mit der Besetzung von Serbien durch die Nazis, der Einsetzung der faschistischen Regierung in Kroatien und der italienischen Besetzung Albaniens wird Südosteuropa genauso zur Todeszone wie andere Regionen Europas. Calics Buch endet damit jäh und grauenvoll.

Dafür kann die Autorin freilich nichts. Das einzige, was man ihrem Buch vorwerfen kann: Man möchte über jede einzelne Figur noch viel mehr erfahren. Die Geschichte von Thomas Mann oder Stefan Zweig im politischen Exil ist reichlich bearbeitet. Eine Serie mit dem Personal und den Schauplätzen aus Calics Buch hätte noch Potenzial.