„No Good Men“ auf der Berlinale: Liebe im Schatten der Taliban

Naru ist Kummer gewohnt. Dass sie als einzige Kamerafrau bei Kabul TV bloß für harmlose Talkshows eingesetzt wird, erträgt sie geduldig, aber einigermaßen frustriert. Als alleinerziehende Mutter, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hat, muss sie sich vor allem darum kümmern, dass ihr Sohn ordentlich im sendereigenen Kindergarten betreut wird. Gleichwohl bittet sie ihren Vorgesetzten hin und wieder um andere Aufgaben, was dieser zumeist ablehnt.

Als jedoch ein Kollege kurzfristig ein Interview absagt, weil er gerade erst übernächtigt von seiner Schicht zurückgekehrt ist, sieht Naru ihre Chance gekommen. Selbst wenn der Einsatz sich für sie als Reinfall herausstellt. Der prominente Reporter Qodrat (Anwar Hashimi) will sie zunächst gar nicht mitnehmen, besteht auf einem „richtigen Kameramann“. Als sie dann beim Interviewtermin eintreffen, muss Naru auf schmerzhafte Weise lernen, warum sie für den Reporter nicht „richtig“ war.

Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat hat in ihrem Spielfilm „No Good Men“, mit dem die Berlinale am Donnerstag eröffnet wurde, selbst die Hauptrolle übernommen. Sie schrieb das Drehbuch zusammen mit ihrem Co-Hauptdarsteller Hashimi, die Geschichte beruht auf wahren Ereignissen. Dass Naru überhaupt als Journalistin in Afghanistan arbeiten kann, ist dem Umstand geschuldet, dass die Handlung im Jahr 2021 spielt, kurz bevor die USA ihren Abzug aus dem Land ankündigten und Taliban wieder die Macht an sich rissen.

Der Film

„No Good Men“:

13. 2., 18.15 h, Uber Eats Music Hall

14. 2., 20.30 h, HdBF

Gedreht wurde der Film daher nicht in Afghanistan. Stattdessen mussten die Hamburger Stadtteile Wilhelmsburg und Rothenburgsort als Kulisse für Kabul herhalten. Denn Sadat lebt seit August 2021 in Hamburg. Als „afghanisches“ Kino kann man den Film unter Produktionsgesichtspunkten nur eingeschränkt betrachten, da neben Deutschland und Afghanistan noch Frankreich, Norwegen und Dänemark als beteilgte Länder mitgewirkt haben.

Patriarchale Gewohnheiten der Männer

Shahrbanoo Sadat, die zuvor unter anderem Filme wie „Kabul Kinderheim“ (2019) gedreht hat, erzählt in „No Good Men“ vor allem von einem Verlust. Denn Naru tritt nicht bloß selbstbewusst gegenüber ihren Kollegen auf und behauptet sich, so gut es geht, gegen ihren wenig emanzipierten Ehemann, sie spricht mit ihren Kolleginnen beim Sender auch freizügig über Männer und deren Nachteile.

Als sie einmal losgeschickt wird, um Stimmen zum Valentinstag einzuholen, befragt sie in erster Linie Frauen über deren Ansichten zu Männern. Aus deren Antworten stammt auch der Filmtitel, denn auf die patriarchalen Gewohnheiten ihrer Gatten könnten die Frauen sehr gut verzichten. Dass sie sich schon bald in dieser Weise nicht mehr öffentlich werden äußern können, ahnen sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

„No Good Men“ wählt als Ansatz eine afghanische Binnenperspektive aus feministischem Blickwinkel. Sadat geht den Stoff, der historisch gesehen eine Tragödie ist, mit leichtem Humor an, was oft für Situationskomik sorgt und den Film womöglich davor bewahren soll, lediglich plattes Betroffenheitsdrama zu bieten. Eine Liebesgeschichte baut Sadat in die Handlung gleichfalls mit ein.

Doch so ganz glückt diese Strategie nicht. Wenn die Lage ernst wird, gibt es für Witz nur noch wenig Raum, und nach und nach schleichen sich auch Töne in den Film, die an eine triefige Seifenoper denken lassen. Das wirkt besonders dort deplatziert, wo die realen Geschehnisse an völlig andere Bilder denken lassen, insbesondere an die verzweifelter Menschen, die am Flughafen von Kabul im August 2021 über das Rollfeld rannten, in der Hoffnung, irgendwie noch mit einer der startenden Militärmaschinen fliehen zu können.

Derlei Bilder spart der Film aus, vermutlich mit guten Gründen. Die Bilder, die er stattdessen findet, hinterlassen allerdings ein mehr als schales Gefühl. Am Ende bleibt der Eindruck, dass mit „No Good Men“ eine Chance vertan wurde.