„Nina & Aykut“ bei RTL+: Wie ein Spieleabend zwischen Segmüller-Möbeln – Kultur

Der Fehler wäre nun, das Ganze direkt deshalb so absolut unerträglich zu finden, wie es ist, weil Haftbefehl auf etwas säuselige Art glücklich wirkt. Der Bruch ist nicht das Problem. Auch wenn er natürlich gigantisch ist. Geht schließlich um den „großen Schmerzensmann des Deutschrap“ (SZ), Bundespräsident der Giftpanscher, selbsternannter Mütterficker mit Dealer-Vergangenheit und ansonsten Idol aller anderen Rapper dieses Landes. Aller.

Vor ein paar Jahren wurde er mal, wie es in der dazugehörigen Polizeimeldung hieß, „in einem Darmstädter Krankenhaus vorstellig“, 16 Uhr war es da, und irgendwer hatte ihm ins Bein geschossen. Womöglich er selbst. Womöglich auch nicht. War schwer zu sagen, damals. Der Mann zeigte sich „gegenüber den verständigten Polizeibeamten äußerst unkooperativ“.

Und jetzt sitzt er also in diesem cremefarbenen Operationssaal von einem Wohnzimmer auf einer sehr geräumigen Couch, um die untere Gesichtshälfte einen beigen Wollschal der Firma Loewe gewickelt, und flötet Niedlichkeiten. Nein, nein! Man muss sich für ihn freuen. Gerade als Fan.

In Köln sind sie ja hauptberuflich dafür da, Menschen in stiller Verachtung zu Witzfiguren zu degradieren

Die Leidensromantik vom emotional zerfieselten Künstler ist eh spätestens seit der gigantisch verstörenden Netflix-Doku „Babo“ durch. Man erlebt da, wie das Kokain diesen Aykut Anhan über die Jahrzehnte von innen wie außen zerfressen hat. Psychisch, physisch, seelisch, optisch. Und mit allem, was es für die Liebenden drum herum bedeutet. Es ist deshalb wiederum beinahe unerträglich schön, in „Nina & Aykut – Der Video-Podcast“ zwei Menschen zu sehen und – der Schal um den Mund – etwas dumpf zu hören, denen gerade womöglich wirklich so etwas wie familiäres Glück vergönnt ist. Auftritt RTL+.

In Köln sind sie ja hauptberuflich dafür da, Menschen in stiller Verachtung zu Witzfiguren zu degradieren. Oft absichtlich. Manchmal auch aus Versehen. Immerhin das gelingt ihnen hier dezidiert nicht. Aber der Wille ist erkennbar. Für den Video-Podcast jedenfalls haben sie das an Produktionskosten aber leider auch im Ergebnis billigstmögliche Produkt aufgesetzt. Haben die beiden Eheleute vor Mikros gesetzt und ihnen Kärtchen mit Fragen in die Hand gedrückt, die sie einander vorlesen. Man könnte auch damit freilich etwas erzählen. Mit etwas Interesse an Tiefe, Ernsthaftigkeit. An den Menschen. Beim aktuellen Trend, allzu Persönliches in die Auslage zu stellen, ist Haftbefehl bislang ja ganz gut davongekommen.

Die Fragen auf den Karten lauten zum Beispiel: Wie hast du dir als Kind deinen Traummann vorgestellt? Was wolltest du früher werden? Was war das schönste Date und was hat es so besonders gemacht? Hattest du als Kind Vorbilder und wenn ja, wer waren sie? Gibt es etwas, das dir in unserer Beziehung fehlt? Liebst du mich bedingungslos?

Diese Art von Wendy-hafter Pferdepoesiealbum-Dusseligkeit jedenfalls. Womit alles schon in der Grundästhetik wirkt wie ein Spieleabend zwischen Segmüller-Möbeln, begleitet vom sanften Odeur von Butlers-Duftkerzen. Aber selbst dagegen stemmen die Anhans sich noch tapfer, weil sie im Schnitt unheimlich süß sind. Flughöhe: übertrieben flauschige Pelztiere. Und oft auch sehr souverän.

„Was macht das mit dir, Nina, wenn du das so hörst?“

Weshalb sie beim RTL noch eine Redakteurin mitgeschickt haben, die dort einschreitet, wo das passiert. Auf die Frage, in welchen Situationen er sich machtlos gefühlt habe, sagt Haftbefehl: „Machtlos habe ich mich gefühlt, wenn die Polizei mich auf ein Auto oder auf den Boden gedrückt hat.“ Grabesschwere, moosbewachsene Frage aus dem Off: „Was macht das mit dir, Nina, wenn du das so hörst, dass Aykut schon als Kind irgendwie Kontakt zur Polizei hatte, auf den Boden gedrückt wurde?“

Zum Verständnis: Nina Anhan hat über Jahrzehnte ertragen, wie ihr Mann sich tagtäglich vergiftet hat. Bis ins Koma und dann sofort weiter. „Direkt zehn Gramm.“ Sie hat wahrscheinlich viele Hundert Mal vom Suizid von Aykuts Vater gehört und später von der anderen Bettseite aus prächtig die Dämonen betrachten können, die seither in ihm toben. Ihr wurde von der Polizei bei Razzien die Tür aufgesprengt, und zum Lohn verortete sie der ewigräudige Teil des Internets zwischenzeitlich irgendwo im engen Korridor zwischen Co-Abhängigkeit und Stockholm-Syndrom. Was, zum schwefeligen Teufel, soll diese Information also noch „mit ihr machen“?

Ganz tolle Antwort Nina Anhan: „Gut, ich weiß das ja alles. Ich hab’s ja auch schon mitbekommen.“ Ganz passende, sehr witzige Verabschiedung Aykut Anhan: „Danke für die Einschaltquoten, wir brauchen Geld.“ Man kann nur beten, dass es sehr viel ist.