Nils-Ole Book: Die Spürnase von der Kaiserlinde

Was war das größere Elversberger Wunder: der Fast-Aufstieg in der Vorsaison, als der SV erst in der Nachspielzeit des Relegationsspiels gegen Heidenheim verlor, oder dass der Verein trotz vieler Abgänge erneut in die Bundesliga strebt? Zurzeit liegt die saarländische Kleinstadt mit den 7.000 Einwohnern auf dem zweiten Platz der Zweiten Liga.

Der Hauptverantwortliche wird die mögliche Vollendung seines Werks nicht mehr in Elversberg erleben. Nils-Ole Book tritt in dieser Woche seinen neuen Job als Sportdirektor von Borussia Dortmund an. Book führte Elversberg an die Schwelle zur Erstklassigkeit, nun soll er Sebastian Kehl ersetzen, der am Sonntag nach konfliktreichen Jahren seinen Abschied bekannt gegeben hatte. Books neue Aufgabe ist es, mit der Borussia die Bayern herauszufordern. Das ist etwas ganz anderes.

Zu seinem ersten Heimspiel kamen 580 Zuschauer

Book, 40, kommt praktisch nach Hause. Er wuchs in Beckum auf, zwischen Bielefeld und Dortmund. Als Kind hüpfte er im neongelben BVB-Trikot mit dem Continentale-Schriftzug durch den münsterländischen Garten. Sein Talent am Ball führte ihn zu LR Ahlen (heute Rot Weiss Ahlen), wo er mit den späteren BVB-Legenden Marco Reus und Kevin Großkreutz zusammenspielte und Profi wurde. In der Vita des Mittelfeldspielers stehen knapp 100 Zweitligaspiele, ein Einsatz mit der deutschen U21, ein Bundesligaaufstieg mit dem MSV Duisburg, wo er mit Georg Koch auf dem Platz stand, der vor zwei Wochen an Krebs verstarb.

In Elversberg fing er 2017 in der Regionalliga als Scout an. Bald wurde er Sportdirektor, zu seinem ersten Heimspiel an der Kaiserlinde kamen 580 Zuschauer, erzählte er kürzlich den 11 Freunden. 2022 wurde er zum Sportvorstand befördert. In seine Amtszeit als Führungskraft fallen die zwei Aufstiege von der Regionalliga in die Zweite Liga, vielleicht bald in die Bundesliga. In vier Spieljahren von der Vierten in die Erste Liga, das hatte zuvor nur RB Leipzig hinbekommen. Mit viel mehr Geld.

Books Budget von Elversberg soll sich unter dem Durchschnitt der Zweiten Liga bewegen. Als im Vorjahr der Trainer Horst Steffen nach knapp sieben Jahren den Verein Richtung Bremen verließ, rechneten viele mit dem Absturz. Doch mit Vincent Wagner, den Book als Nachfolger holte, nimmt der SV erneut am Aufstiegsrennen teil. Elversberg setzt, im Gegensatz zu Heidenheim, dem anderen „Dorf“, spielerische Akzente. „In der Offensive geben wir den Spielern Freiheiten und erlauben ihnen, kreativ zu sein“, sagte Book voriges Jahr der FAZ.

Book holte Nick Woltemade von der Ersatzbank in Bremen. Vorigen Sommer zahlte Newcastle United für den Stürmer eine Summe in Höhe fast des gesamten Bruttoinlandsprodukts des Saarlands. Woltemades Tore für Deutschland waren nicht unwesentlich bei der WM-Qualifikation. „Da waren immer wieder so Momente, Pässe, Dribblings, dass wir uns dachten: Wow, das ist ein ganz besonderes Talent“, sagte Book den 11 Freunden auf die Frage, was er an Woltemade gefunden habe.

Andere Talente, die Book erspürte: Paul Wanner, der heute beim PSV Eindhoven unter Vertrag steht, und Fisnik Asllani, der mit Hoffenheim ins internationale Geschäft will. Zuletzt hat Younes Ebnoutalib den Elversbergern Rendite gebracht, als er im Winter für mindestens acht Millionen Euro zu Eintracht Frankfurt wechselte. Geholt hatte ihn Book ein Jahr zuvor vom Regionalligisten FC Gießen für 50.000, also ungefähr den Preis eines gebrauchten Thermomix.

Eine solche Spürnase bleibt in der Branche nicht unbemerkt, vor gut einem halben Jahr sagte Book Borussia Mönchengladbach ab. Vielleicht war ihm bereits klar, dass noch bessere Adressen auf ihn warten.