Wer schon immer mal wissen wollte, wie sich jemand fühlt, der Kreuzfahrtschiffe designt, bekommt jetzt endlich den passenden Song: Er handelt von jemandem, der die schwimmenden Freizeitknäste selbst eigentlich gar nicht mag, aber sich nach einer Aufgabe sehnt, die ihm irgendwie sinnvoll erscheint und einen Platz in der Gesellschaft zusichert.
Florence Shaw, Sängerin und Songwriterin jedenfalls versetzt sich im zweiten Song des neu erschienenen Albums „Secret Love“ ihrer Londoner Postpunkband Dry Cleaning in eine ebensolche Person und lässt die Hörer:innen teilhaben an deren Gedankenwelt. Es klingt, als würde man jemandem lauschen, der in einer Selbsthilfegruppe sein Eingangsstatement formuliert:
„I’m a cruise ship designer. / I’m striking while the iron is hot. / I’m making the most of a bad situation./Cruises are big business.“ Beziehungsweise: „So designing cruise ships is my pastime / And my living, and my challenge/Designing cruisers is, for me, a privilege / And a lesson, need to do it all the time“, erfahren wir da.
Dry Cleaning: „Secret Love“ (4AD / Indigo)
Collagierter Fiebertraum
Fiebertraumartige Songtexte, collagiert aus diversen Absonderlichkeiten, die Shaw so in den Sinn kommen, damit fielen Dry Cleaning schon früh auf. Seit Bandgründung 2018 werkeln die vier langjährigen Freund:innen, Gitarrist Tom Dowse, Schlagzeuger Nick Buxton, Bassist Lewis Maynard und eben Shaw in der britischen Hauptstadt.
„Secret Love“ ist nach „New Long Leg“ (2021) und „Stumpwork“ (2022) das dritte Album der Indieband, eines, für das sie sich etwas mehr Zeit gelassen hat und für das sich das Quartett die walisische Musikerin Cate Le Bon als Produzentin zur Seite geholt hat.
Le Bons Einfluss kann man heraushören, weiterhin aber vor allem die Vorliebe der vier für die Sounds der 1980er, Postpunk und New Wave, Stonerrock und schrabbeliger Alternative der 1990er. Wichtigstes Element bleibt die ASMR-Stimme Shaws, die diese über griffige Soundlandschaften aus Basslinien, Beats, Gitarrenriffen und Synthies legt.
Cool und gelangweilt
Meist sprechend, selten singend (auf „The Cute Things“ oder „Secret Love“) klingt Shaw immer irgendwie cool-gelangweilt und so trocken wie die namensgebende Reinigung. Der Vortrag der 36-jährigen Sängerin wirkt ein bisschen wie Kim Gordon oder auch Anne Clark, dabei stets hintersinnig, rätselhaft vor allem. Wie konstatiert sie doch am Ende von „Cruise Ship Designer“? „I make sure there are hidden messages in my work“.
Genährt sind diese versteckten Botschaften nicht selten von der politischen Weltlage. Der düstere Auftaktsong „Hit My Head All Day“, der auch als erste Single im Herbst ausgekoppelt wurde und in dem es um digitale Manipulation geht, entstand etwa während der letzten US-Wahl. „Evil Evil Idiot“ berichtet von einem Influencer mit kruden Ernährungstipps. „Blood“ wiederum von der grausamen Realität in den Krisenregionen, von denen die Nachrichten berichten, dem Blut „on my screen“.
Von solchen Bildern reinigen will sich womöglich Shaw auch auf dem sinistren Gemälde der kanadischen, in Glasgow lebenden Künstlerin Erica Eyres, das auf dem Albumcover abgebildet ist. Shaws Gesicht ist darauf in Großaufnahme zu sehen, während eine weitere sich außerhalb des Bildraums befindende Person mit den Fingern ihre Augenlider auseinanderschiebt, um den Augapfel mit Wasser aus einer Plastikflasche ausspülen zu können.
Lieber nicht nachmachen. Eine viel bessere Idee ist es, sich Dry Cleanings „Secret Love“ einfach hinzugeben, denn als Soundtrack fürs Im-Bett-Herumliegen-und-lauschend-an-die-Decke-Starren eignen sich die 41 Minuten richtig gut.
Für andere Aktivitäten freilich auch. Selbst fürs Putzen, auch wenn Shaw oder ihr Alter Ego in „My Soul / Half Pint“ dieses aus feministischen Gründen ablehnt: „I don’t like to clean, I find cleaning demeaning. / But that’s kind of a problem of mine. / I’m a woman and I think if I clean then I … / I feel resentment in my soul“.
