„Three is the magic number …“, rappt Posdnous auf dem Debütalbum von De La Soul „Three Feet High and Rising“ 1989. Es ist eines der ungewöhnlichsten HipHop-Werke aller Zeiten. Die Zahl 3 ist dabei Absicht: De La Soul sind dreieinig angelegt: Plug 1, Rapper Posdnous, Plug 2, Rapper Trugoy alias the Dove und Plug 3, DJ Maseo. Seit 2023 fehlt Plug 2, Trugoy, bürgerlich Dave Jolicoeur. Im Alter von nur 54 ist er viel zu früh gestorben. Die Vermutung lag nah, dass das das Ende von De La Soul sein müsse. Ist es nicht. Zum Glück. De La Soul können aus zwei drei machen, sie waren schon immer mehr als die Summe der einzelnen Teile, it’s magic. Ihr neues Album „Cabin in the sky“ hat wieder diese Magie.
Die Magie von De La Soul besteht nicht zuletzt aus ihrer systematischen Unwahrscheinlichkeit und Widersprüchlichkeit, nach allen angeblichen Gesetzmäßigkeiten des HipHop hätte es diese Crew eigentlich gar nicht geben dürfen. Vor De La Soul klang HipHop roh und direkt wie Run DMC, politisch und intelligent wie Boogie Down Productions und Public Enemy, kriminell wie N.W.A, hypermaskulin wie LL. Cool J oder cool, wie Eric B. & Rakim. Und dann kamen De La Soul und verkünden das Gänseblümchen-Zeitalter, D.A.I.S.Y-Age (Da inner sound y’all). Hippies sind sie aber keine.
Null macho, trotzdem cool, null Aggro, trotzdem bedeutungsvoll. Humorvoll, fast schon albern und trotzdem tiefgreifend. Abstrakt, fast schon dadaistisch, aber nie entrückt.
Verfeinerte Zutaten
Immer sie selbst: „Me, Myself and I“ heißt einer ihrer ersten Hits. Warum es Sinn macht, solange über das Debüt zu sprechen, wenn es doch eigentlich um das neunte Album gehen soll? Weil De La Soul all dessen Qualitäten behalten und weiterentwickelt haben. Die Zutaten sind bekannt, aber das Ergebnis nicht.
De La Soul: „Cabin in the Sky“ (Mass Appeal/Membran/ The Orchard)
Im Intro zu „Cabin in the Sky“ bedankt sich Mr. Esposito, (der Giancarlo Esposito aus „Breaking Bad“, „Better Call Saul“ und „The Mandolorien“) bei allen Anwesenden des Gatherings. Er, Esposito, sei da, um den Anwesenden dabei zu helfen, die Wahrnehmung des Lebens und dem, was danach kommt zu verstehen. Erst mal müsse er die Anwesenheit prüfen. Man hört entnervt aus dem Off jemand rufen, „Back in school?!“ Nein, Mr Esposito stellt nur sicher, dass alle im richtigen Raum sind und sich niemand diese Erfahrung kostenlos erschleicht.
Im Raum ist jede Menge HipHop-Aristokratie: Black Thought von den Roots, Common, DJ Premier, Killer Mike, Nas, Pete Rock, Q-Tip von A Tribe Called Quest, Slick Rick um nur einige Mitwirkende zu nennen. Solche Hochkaräter müssen eigentlich nur ihren Namen sagen, um ein Statement zu liefern, mit welcher Haltung und Energie man es zu tun bekommt. Dann sind De La Soul selbst an der Reihe: Posdnous meldet sich mit „Over here Bro“, Maseo sagt „Salut, Salutery and Salutations“ und dann wird nach Dave gefragt – keine Antwort.
Alte Beschwörungsformel
Von hoch erfreut bis tief betrübt in einem Augenblick und dann, bevor man Zeit hat in Schwermut zu verfallen, kommt der Auftaktsong „YUHDONTSTOP“. De La Soul machen schon in der Schreibweise klar, dass sie die Konventionen kennen, aber nicht vorhaben, sie wiederzukäuen „And you don’t stop“ ist eine alte HipHop-Beschwörungsformel. Aufhören ist keine Option, Dave sagt es selbst, auf seine Art, Posdnuos und Maseo haben ihn gesampelt für dieses Stück.
Da ist der Rahmen für das Album auch schon gespannt. Es geht ums große Ganze, Gott und die Welt, Leben und Tod und alles dazwischen: De La Soul bleiben aufmerksam, sie verschweigen nichts, sie klingen dabei leicht und freundlich, aber sehr klar und deutlich und so richtig merkt man es erst, wenn es schon wieder vorbei ist.
De-La-Soul-Alben schleichen sich oft an, „Cabin in the Sky“ kommt auch so leichtfüßig daher, aber immer dann, wenn glaubt, man hätte es da mit etwas Erfreulichem zum Nebenher-Hören zu tun, kommt die überraschende Wendung. Zum Beispiel ein Song wie „Patty Cake“: Ein englischer Kinderreim dient als Hook und als Einstieg in die Strophen, aber die Kindlichkeit der ersten Zeilen steht im scharfen Kontrast zur rohen Alltäglichkeit, die in den Strophen geschildert wird.
Gestank im Treppenhaus
„Nobody works, but they got cigarettes / Though dirty habits, dust bunnies big as rabbits / And the doorbell don’t ring, the stench at the door / Had the postman running, now the mail’s on the floor / Patty cake, come on, bake us a dream / So we can share a slice with the folks upstream“.
Eine Coverversion vom Banarama-Hit „Cruel Summer“ findet beim neuen Werk auch seinen Platz. Was?! Man spürt beim ersten Hören sofrt, dass dieses Album wachsen muss, um all das zu erfassen, was in der Musik läuft. Aber man versteht bei De La Soul genug, um „Cabin in the Sky“ erneut hören zu wollen.
Das Finale, „Don’t Push Me“, ist ein Zitat von Grandmaster Flashs legendärem Track „The Message“: „Don’t push me / ‚Cause I’m close to the edge / I’m tryin‘ not to lose my head.“ Dave singt es über ein Dur-seliges Geigensample. Die Streicher morphen am Ende mehr und mehr zum Abgesang, und Daves Stimme verschwindet langsam im Instrumental. Schließlich beendet Mr Esposito das Stück und rundet das Album mit einem freundlichen „Thank you, Dave“ ab. Und dann weiß man nicht, was man fühlen soll. Ein zart-bitterer De-La-Soul-Moment. Noch mal.
