Neue Studie soll endlich klären, ob Alkohol schädlich ist

Herr Miguel Martínez-González, Ihre neue Studie namens UNICAT baut auf zwei Langzeitstudien auf, an denen Sie ebenfalls maßgeblich beteiligt waren. Beide legen nahe, dass ein moderater Weinkonsum im Rahmen einer mediterranen Ernährung der Gesundheit zugutekommt. Demgegenüber lautet die derzeit dominierende Ansicht, schon der erste Schluck Alkohol sei schädlich. Was stimmt nun?

Die 2003 begonnene PREDIMED-Studie unterscheidet sich maßgeblich von allen anderen bisherigen Ernährungsstudien. Sie ist die erste große randomisierte Studie, in der der Weinkonsum Teil der Intervention war: Versuchspersonen, die bereits Alkohol konsumierten, forderten wir auf, täglich mindestens ein Glas Wein zu trinken. In allen anderen Studien wurde lediglich gefragt, wie viel Alkohol jemand zu sich nimmt – aber in keiner wurde Wein bewusst „verschrieben“.

Und was kam dabei heraus?

Weinkonsum ging mit einer verminderten Sterblichkeit einher – allerdings nur in Kombination mit einer Mittelmeerkost, sonst nicht. Dasselbe fanden wir später bei den Teilnehmenden der Langzeitstudie SUN. Auch bei diesen handelt es sich freilich um Beobachtungsstudien. Solche Untersuchungen liefern Hinweise, können aber nichts beweisen.

In der PREDIMED-Studie fällt auf, dass Weintrinker etwa doppelt so oft rauchten wie die abstinenten Personen. Ist die Kombination von Alkohol und Tabak nicht besonders schädlich?

Das ist genau das Problem von Beobachtungsstudien. Wir können für Rauchen, Lebensstil, Einkommen oder Ernährung statistisch korrigieren, aber nie vollständig. Es bleibt immer eine gewisse Restverzerrung. Manche Menschen trinken weniger, weil sie krank geworden sind – das verzerrt die Abstinenzgruppe. Andere trinken im Rahmen eines insgesamt sehr gesunden Lebensstils. Das auseinanderzuhalten, ist nahezu unmöglich. Auch genetische Analysen helfen nur begrenzt weiter. Deshalb führt kein Weg daran vorbei: Wir brauchen große randomisierte Studien, wie wir sie in allen anderen Bereichen der Medizin längst haben.

So eine Studie haben Sie nun gestartet.

Ja, die UNICAT-Studie ist die weltweit erste große randomisierte Alkoholstudie. Wir konnten bereits rund 8000 Personen einschließen, die übrigen 2000 werden bald hinzukommen. Alle sind zwischen 50 und 75 Jahre alt und haben zu Beginn regelmäßig Alkoholika getrunken.

Wie ist das Versuchsprotokoll?

Alle Teilnehmenden erhalten die Empfehlung, sich mediterran zu ernähren. Eine Hälfte von ihnen, die Alkoholgruppe, wird zudem angewiesen, täglich geringe Mengen an Wein – Frauen ein Glas, Männer zwei Gläser – zu den Mahlzeiten zu trinken, Rotwein zu bevorzugen und auf Bier und andere Alkoholika zu verzichten. Die andere Hälfte ist demgegenüber angehalten, ihren Alkoholkonsum um mindestens 60 Prozent zu reduzieren. Erste Analysen nach einjähriger Studienlaufzeit zeigen, dass sich 60 Prozent der Teilnehmenden an die Vorgabe halten und 20 Prozent inzwischen ganz abstinent sind – mehr, als wir erwartet hatten.

Prüfen Sie, ob die Angaben der Probandinnen und Probanden stimmen?

Wir kontrollieren regelmäßig bei einigen Versuchspersonen den Gehalt an Ethylglucuronid im Urin und in den Haaren. Das ist ein sehr empfindlicher Marker für den Alkoholkonsum in den letzten drei Tagen (Urin) beziehungsweise Monaten (Haare). Zudem haben wir 16 Vollzeitfachkräfte – Psychologen, Diätassistentinnen, Ärztinnen und Pflegepersonal – eingestellt. Diese unterstützen die Teilnehmenden und helfen ihnen, sich an die Vorgaben zu halten.

Wie sieht nach Ihrer Definition eine ideale mediterrane Kost aus?

Die wichtigsten Bestandteile sind Olivenöl, idealerweise extra natives Olivenöl, das man für alle Arten des Kochens und Zubereitens verwendet. Insgesamt sollte man auf mindestens vier Esslöffel pro Tag kommen. Auch gehören dazu täglich mindestens drei Portionen Obst, zwei Portionen Gemüse – darunter eine als Rohkost – und mehrmals wöchentlich Fisch, Nüsse und Hülsenfrüchte. Zugleich sollte der Speiseplan nur wenig rotes und verarbeitetes Fleisch, Süßigkeiten, Butter, Margarine und Sahne enthalten.

Welche Antworten erhoffen Sie sich von der Studie?

Ob moderater Weinkonsum – in einem kontrollierten, mediterranen Muster – Krankheiten ursächlich beeinflusst: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebs, Demenz, Depressionen, Lebererkrankungen, Unfälle und die Gesamtsterblichkeit. Denn nur wenn wir über klare Evidenz verfügen, können wir kategorische Warnungen oder Empfehlungen aussprechen.