NBA in Berlin: Hier funktioniert die deutsch-amerikanische Freundschaft noch

„Den ganzen Abend gibt es free stuff!“, schreit der
Hallensprecher schon wieder. „Wir wollen eure energy spüren, Berlin!“
Die Zuschauer recken ihre Arme in die Höhe, Cheerleader schleudern T-Shirts ins
Publikum, das Zauberdrachen-Maskottchen der Orlando Magic kuschelt mit Kindern,
ein Fan gewinnt bei einem kleinen Spielchen 5.000 Dollar. Kurz zuvor haben alle
andächtig der US-Nationalhymne gelauscht, gepfiffen hat niemand, hier funktioniert
sie noch, die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Die National Basketball Association (NBA) gastiert an diesem
Donnerstagabend in Berlin, die US-Profiliga hat gute Laune und Glitter im Gepäck.
Wirklich kostenlos ist der ganze stuff natürlich nicht, die knapp 13.738
Zuschauer in der schon vor Monaten ausverkauften Uber-Arena haben sehr viel
Geld für die Show bezahlt. Dafür bekommen sie ein professionell choreografiertes Spektakel geboten – und ein erst zähes und dann spannendes Spiel, das am Ende die Orlando Magic gegen die Memphis Grizzlies 118:111 gewinnen.

Die meisten Zuschauer sind gekommen, um Franz
und Moritz Wagner zu sehen, die berühmtesten Basketballsöhne Berlins
– es
ist ein Heimspiel für die Brüder, knapp 8.000 Kilometer von Orlando entfernt. Als
Franz Wagner bei der Vorstellung der Teams auf das frisch verlegte Parkett mit
dem riesigen Fernsehturm-Aufdruck sprintet, wird es das erste Mal ohrenbetäubend
laut. Wagner bekommt ein Mikrofon in die Hand gedrückt und ruft: „Eine Bitte
hab‘ ich an euch: Lasst es richtig krachen heute.“

Eine europäische Liga nach US-Vorbild

Das Publikum ist dazu durchaus gewillt, zunächst will der
Funke aber nicht wirklich überspringen, vor allem das Team aus Florida wirkt unkonzentriert
und müde. Das kann an dem PR-Marathon liegen, den die Magic rund um das Spiel absolviert
haben. Die NBA ist in Sachen Eigenwerbung unterwegs, sie
will schnellstmöglich eine europäische Liga nach US-Vorbild ins Leben rufen
.

Auch deshalb waren insbesondere die Wagner-Brüder nahezu
rund um die Uhr im Einsatz, seit sie am Montagvormittag in Berlin gelandet waren:
Fototermine, Pressekonferenzen, Autogrammstunden. Die beiden hatten dabei immer
wieder betont, wie surreal es sich anfühle, dass sich für sie an diesem Abend mit
der Rückkehr aus ihrer Wahlheimat in ihre Geburtsstadt ein Kreis schließe.

Auch sportlich wird ihnen viel abverlangt, schließlich sind
beide gerade erst rechtzeitig fit geworden: Moritz hatte sich vor mehr als
einem Jahr das Kreuzband im linken Knie gerissen und erst am vergangenen
Sonntag nach 386 Tagen sein NBA-Comeback gegeben. Franz hatte sich Anfang
Dezember verletzt, ein verstauchtes linkes Sprunggelenk setzte ihn fast sechs
Wochen außer Gefecht.

Ob es die Müdigkeit ist, das Gefühlschaos angesichts des homecoming games oder der lädierte Knöchel: Franz Wagner braucht lange, um in die Partie zu
finden, am Ende kämpft er sich doch noch zu 18 Punkten und entscheidet in der Schlussphase das
Spiel, sein älterer Bruder Moritz erzielt sieben Zähler.

„Goldene Ära“ des deutschen Basketballs

Fast wichtiger an diesem Abend ist aber das, was rund um das
Spielfeld passiert: Die Zuschauer bejubeln die deutschen Basketball-Legenden
Detlef Schrempf und Dirk Nowitzki und viele internationale NBA-Ehemalige,
singen gemeinsam „Country Roads“, freuen sich über ehemalige
Fußball-Nationalspieler und halbberühmte Rapper, die auf dem riesigen Videowürfel
gezeigt werden.

„Die ganze Aufmerksamkeit, die wir hier bekommen haben – ich weiß gar nicht, ob das gesund ist“, sagt Moritz Wagner nach dem Spiel. „Ich bin ja selber Fan und realisiere erst später, dass ich jetzt Teil von der Sache bin.“

Die NBA mache „ein Sport-Entertainment-Produkt“, hat der Liga-Chef
Adam Silver vor dem Spiel gesagt. Seit Deutschland Welt- und Europameister ist
und immer mehr junge Profis in die NBA schickt, scheint dieses Paket sich noch besser zu verkaufen. Silver spricht von einer „goldenen Ära“ des deutschen Basketballs.

Dass er die für seinen Arbeitgeber gerne versilbern möchte,
muss er nicht hinzufügen. Vor dem Heimweg stoppen viele Fans noch bei einem der
NBA-Shops in der Arena.