Naturschutz: Die gefährliche Ignoranz beim Naturschutz

Plötzlich sind sie wieder da. Es zwitschert wieder früh am Morgen, trillert
und gurrt, erst leise und dann immer lauter, und man weiß, noch bevor man die
Augen aufgemacht hat: endlich Frühling, Vögel, Sonne, Farben und der Geruch von
frischer Erde und jungem Grün. Schon fällt das Aufstehen nicht mehr ganz so
schwer.

Doch was genau oder besser wer genau ist da zu hören? In der Berliner
Redaktion der ZEIT hat in dieser Woche ein freundlicher Kollege angeboten, noch
vor Arbeitsbeginn mal gemeinsam auf Vogelstimmenpirsch zu gehen und dabei
Auskunft zu geben, welche Vögel rund um die ZEIT-Redaktion in Berlin so
zwitschern.

Das Angebot ist sehr nett, aber es ist noch mehr: dringend nötig. Immer mehr
Menschen wissen nämlich gar nicht mehr, welche Natur sie umgibt. Sie kennen
(wie ich) nur noch wenige oder gar keine Vogelarten mehr, neben Tulpen
(draußen) und Kakteen (drinnen) kaum noch andere Pflanzen, und sie wissen auch
nicht mehr, was da draußen sonst noch so alles um uns herum kreucht und fleucht.
Und das wiederum ist längst kein privates Problem, sondern ein politisches.
Denn warum sollte die Gesellschaft etwas schützen und bewahren, was sie gar
nicht kennt?

Schüler kennen Vogelarten nicht mehr

In einer Umfrage in Berlin wurden unlängst 186 Schülerinnen und Schüler der
siebten Jahrgangsstufe gefragt, ob sie acht in Berlin häufig vorkommende
Vogelarten kennen. Anschließend wurde die tatsächlich vorhandene Artenkenntnis
geprüft, und sie erkannten im Mittel gerade mal zwei Vogelarten. Singen oder
Zwitschern konnten sie gar keiner Art zuordnen. 

Nun könnte man sagen, die Berliner sind eben Großstädter, da ist nicht so
viel Natur. Aber das Ergebnis deckt sich mit anderen Studien. Inzwischen sind
eben selbst die kürzlich noch allgemein bekannten Arten vielen Menschen fremd.
Was wiederum damit zu tun hat, dass viele offensichtlich immer seltener in den
Wald oder in die Natur gehen – und die meisten Kinder deswegen das
Vogelgezwitscher nur noch als Handyton kennen. In Norwegen, so beschreibt es
die Autorin Maja Lunde
(die mit einem Buch über die Bienen bekannt wurde),
zeigt sich das auch dadurch, dass heute im Wald immer seltener kleine, von
Kindern gebaute Hütten stehen.

In dieser Woche geht es auf dem Deutschen Naturschutztag (DNT) in Berlin
genau um dieses Problem: um die Folgen der kollektiven Ignoranz. Um die viel zu
geringe Wirksamkeit von Naturschutz. Um die erschreckende Wahrheit, dass trotz
zahlreicher Vorschriften immer mehr Arten aussterben. Natürlich gibt es dafür
viele große und kleine Erklärungen, nicht zuletzt die Tatsache, dass die
Politik den Artenschutz immer noch als Luxus betrachtet und die Blühwiese dann
eben doch für ein Gewerbegebiet oder Neubauten opfert.

Bundesregierung bremst beim Naturschutz

Die große Koalition hat deswegen in den vergangenen Monaten nicht nur den
Klimaschutz zurückgedreht, sondern sie bremst auch beim Naturschutz. Ebenso die
Landesregierungen, allen voran der bayerische Ministerpräsident Markus Söder
(CSU), der gerade aktiv versucht, die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der
Natur auszubremsen
– statt sie beherzt umzusetzen. 

„Siedlungen, Straßen und Gewerbegebiete planen wir. Bei der Natur tun wir
so, als ob das nur der Rest ist“, sagt Olaf Bandt, Chef der
Naturschutzorganisation BUND. Er und andere Verbände wollen deswegen dringend
ein sogenanntes Naturflächenbedarfsgesetz (NFBG), das für mehr zusammenhängende
und geschützte Gegenden sorgt. Und für das nötige Geld.

Das ist wichtig. Nur mindestens ebenso wichtig ist der Kampf gegen das
Unwissen. Denn möglich wird der faktische Backlash doch nur, weil er von einem
mentalen getragen wird. Zwar behauptet die Mehrheit der Deutschen in Umfragen,
dass sie für Naturschutz sei. Schaut man aber auf die dramatische Lage, auf das Tempo, mit dem die Arten
aussterben, dann müssten – wenn sie ihr Bekenntnis zum Umweltschutz ehrlich
meinten – längst Hunderttausende auf die Straße gehen.

Und zwar jedes Mal, wenn eine Blühwiese einer Straße geopfert wird. Das aber
passiert nicht. Die Leute finden Naturschutz theoretisch wichtig, aber
praktisch tun viele eben wenig dafür. Und das wiederum könnte damit zu tun
haben, dass viele gar nicht konkret wissen, was und wie viel Natur heute und
hier gerade unwiederbringlich zerstört wird. Weil immer weniger von uns die
Schmetterlingsarten noch kennen und Vogelstimmen unterscheiden können.

Feldschwalbe und Luchs begeistern noch

In dem Buch Der Gemeine Lumpfisch des britischen Autors Ned Beauman geht
es um das Artensterben in einer nicht allzu fernen Zukunft. Die Hauptfigur sagt
dazu traurig: „Wir verlieren den stacheligen Strandkäfer und jedes Jahr
mindestens 10.000 weitere Arten.“ Ihr Gegenüber erwidert daraufhin nur trocken:
„Herrgott, ihr hört nie auf, über eure 10.000 im Jahr zu reden. Die meisten
sind für niemanden von Nutzen.“ Eine Sichtweise der Welt, die zynisch und
realitätsnah zugleich ist. Warum um Tiere und Pflanzen trauern, die wir gar
nicht kennen?

Vielleicht demonstriert deswegen ja niemand für eine bedrohte Ameise oder
einen kleinen Käfer: weil fast niemand sie kennt. Nur bei ein paar Ausnahmen
ist das noch ein wenig anders. Feldschwalbe, Luchs und Hase begeistern immerhin
noch so viele Leute, dass die sich wiederum in großen und kleinen
Naturschutzverbänden für mehr Artenschutz engagieren.

Und immer mal wieder hat dieses Engagement auch Erfolg und schafft dann neue
Naturschutzgebiete – wie das Grüne Band, das sich an der ehemaligen Grenze
zwischen Ost und West entlangschlängelt und nicht nur Flagship-Tiere schützt,
sondern auch das Biotop, das sie brauchen. Inklusive der vielen unbekannten
Käfer und Pflänzchen.

Schüler sollten häufiger in die Natur

Leider nur ist die Zahl dieser Enthusiasten deutlich zu klein. Was da hilft?
Wahrscheinlich nur viele, sehr verschiedene Mittel. Warum holen wir den
Naturkundeunterricht nicht aus den Schulen raus und bringen die Schülerinnen
und Schüler wieder mehr in die Natur – und ihre Eltern am besten gleich mit?
Warum gibt es nicht in jedem Kindergarten und auf jedem Spielplatz einen
bewirtschafteten Garten? Und wie wäre es mit einem Bundesnaturtag – an dem die
Politik im Grünen tagt? Wahrscheinlich gibt es noch viel bessere Vorschläge
(gern in die Kommentare posten). Am wichtigsten aber ist, dass die Sache bald
startet – und möglichst viele Kinder erreicht.

Damit die das Zwitschern nicht mehr nur als Handyklingelton hören, sondern
auch mal morgens in echt. Und dann auch noch erkennen, ob da Amsel, Drossel,
Fink oder Star singt.