Nationalmannschaft: Nagelsmanns neue Mission – welchen Faktor er jetzt beschwören muss

Die Nationalmannschaft startet in die heiße Phase der WM-Vorbereitung. Die Zeit der Experimente ist vorbei, signalisiert Julian Nagelsmann. Ex-Bundestrainer Löw erklärt, was jetzt über den Erfolg entscheidet.

Der Raum war überfüllt. Einige Reporter mussten stehen, was selten ist, wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf seinem Campus in Frankfurt/Main vor einem Länderspiel zu einer Pressekonferenz lädt. An diesem Dienstag im März 2024 nahm Toni Kroos auf dem Podium Platz.

Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte den Weltmeister, der drei Jahre zuvor aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war, zu einem Comeback bewegen können. Kroos sollte der Auswahl wieder Halt und Stabilität geben. Das war bitter nötig, nachdem sich die Nationalelf gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2) blamiert hatte – und es wenig Hoffnung auf eine gute Europameisterschaft im Sommer 2024 in Deutschland gab.

Der Kroos-Auftritt dauerte 34 Minuten. Der Mittelfeldspieler betonte, er wolle Taten folgen lassen und den Erfolg suchen. Er sorgte für einen Stimmungswandel. Vier Tage nach der Pressekonferenz gewann Deutschland in Lyon überraschend 2:0 gegen Frankreich. Das Führungstor von Florian Wirtz nach nur acht Sekunden bereitete Kroos vor. Im Anschluss an diese Partie folgte ein 2:1 gegen die Niederlande. Julian Nagelsmann hatte mit Deutschland die Trendwende geschafft. Auf dem Platz – und außerhalb.

Eines Stimmungsumschwungs bedarf es zwei Jahre später zwar nicht, weil die deutsche Elf im November des vergangenen Jahres zum Abschluss der WM-Qualifikation für das in diesem Sommer anstehende Turnier in den USA, Kanada und Mexiko (11. Juni bis 19. Juli) überzeugte und die Slowakei 6:0 abfertigte. Doch nach einer Qualifikation mit schwankenden Leistungen ist die Mannschaft aktuell schwierig einzuschätzen. Ist sie titelreif? Und hat Nagelsmann die richtige Marschroute?

Am vergangenen Donnerstag präsentierte der Bundestrainer seinen 26 Spieler umfassenden Kader für die anstehenden zwei Testspiele am Freitag in Basel gegen die Schweiz (20.45 Uhr, RTL) und drei Tage später in Stuttgart gegen Ghana (20.45 Uhr, ARD). Der 38-Jährige saß dort, wo zwei Jahre zuvor Toni Kroos gesessen hatte, und läutete verbal das WM-Jahr ein. Der Saal war nicht überfüllt, aber gut besetzt.

Großer Bayern-Block, sechs Rückkehrer

Auf Jamal Musiala verzichtet Nagelsmann. Der 23-jährige Spielgestalter des FC Bayern hatte zuletzt Schmerzen am operierten linken Fuß und soll erst wieder fit werden. Erstmals nominiert sind Musialas Klubkollegen Lennart Karl, 18, und Torwart Jonas Urbig, 22. Die Münchner stellen mit sieben Spielern den größten Block.

Nagelsmann setzt zudem auf sechs Rückkehrer: Pascal Groß (Brighton & Hove Albion), Kai Havertz (FC Arsenal), Anton Stach (Leeds United), Antonio Rüdiger (Real Madrid), Deniz Undav und Josha Vagnoman (beide VfB Stuttgart). Auch Leroy Sané (Galatasaray Istanbul) ist dabei. Auf Karim Adeyemi (Borussia Dortmund), Angelo Stiller und Maximilian Mittelstädt (VfB Stuttgart) sowie Saïd El Mala (1. FC Köln) und Tom Bischof (FC Bayern) verzichtet Nagelsmann. Der Bundestrainer hat mit allen Spielern telefoniert und in den Gesprächen betont, dass für niemanden die WM-Tür zu sei.

Gesunken sind die Chancen auf eine WM-Teilnahme aber wohl für Mittelfeldprofi Robert Andrich von Bayer Leverkusen und Stürmer Niclas Füllkrug, von dem der Bundestrainer zuletzt eine bessere Torquote bei AC Mailand gefordert hatte.

Es ist der letzte Lehrgang vor der WM. „Die bei uns neuen Spieler können sich zeigen“, sagte Nagelsmann. Von Karl erwarte er, „dass er seine jugendliche Unbekümmertheit auf den Platz bringt“. Telefonisch erreichte er das Talent zunächst nicht, weil Karl bei der Nachhilfe war, berichtete Nagelsmann lächelnd. Der Bundestrainer machte in dieser Woche einen sehr aufgeräumten und optimistischen Eindruck.

Nagelsmann signalisiert derzeit, dass die Zeit der Experimente vorbei ist. Leon Goretzka etwa, den er vor der EM 2024 noch aussortiert hatte, stellte der Coach eine wichtige Rolle für die WM in Aussicht. Zudem machte Nagelsmann deutlich, dass der nun nominierte Kader dem WM-Aufgebot schon sehr ähnelt. Es würde mit Blick auf die Kaderzusammenstellung darauf ankommen, wer zusammenpasst und Rollen annimmt.

Nagelsmann muss Spieler für seine Pläne sensibilisieren

Am Montag treffen sich die deutschen Nationalspieler in Herzogenaurach im Campus von Ausrüster Adidas, um sich auf die anstehenden Länderspiele vorzubereiten. Das Zeitfenster für das Training ist überschaubar, weil Marketingtermine für DFB-Partner geplant sind.

Zeit für Einzelgespräche aber wird sich der Bundestrainer nehmen. Es gilt, die Spieler für seine Ideen und Pläne zu sensibilisieren. Nagelsmann wird vor allem über die Rollenverteilung mit den Profis sprechen. „Wir gewinnen gern beide Spiele. Und wollen die Zeit nutzen, um Dinge zu festigen und uns als Gruppe weiter zu finden“, so Nagelsmann mit Blick auf die kommenden Tage.

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Trainer und Spieler werden von Ende Mai an mehrere Wochen miteinander verbringen. Da bedarf es einer Einheit. Wohnen wird die Mannschaft während des Weltturniers im Hotel „The Graylyn Estate“ in Winston-Salem im Bundesstaat North Carolina, trainieren wird sie auf dem Gelände der Wake Forest University. Am 14. Juni tritt Deutschland im ersten Gruppenspiel gegen Curacao an, es folgen die Gruppenpartien gegen die Elfenbeinküste (20.6.) und gegen Ecuador (25.6.).

Sein Aufgebot für die WM nominiert Nagelsmann voraussichtlich Mitte Mai. „Experimentieren werden wir nicht mehr“, sagte Nagelsmann am vergangenen Donnerstag in Frankfurt. „Wir haben einen sehr, sehr guten Kader.“ Dem wolle er mit taktischen Kniffen zur nötigen Variabilität verhelfen.

Joachim „Jogi“ Löw, von 2006 bis 2021 Bundestrainer, spricht bezüglich des benötigten Teamgeistes während einer solch langen Zeit bei einem Turnier aus Erfahrung. „Diese WM im Sommer folgt ihren eigenen Regeln, sie dauert erstmals länger. Natürlich spielen die Form und das Glück bei einem Turnier eine Rolle, aber die Frage ist, wie wird die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft sein – und wie wird die Atmosphäre zwischen der Mannschaft und dem Trainer sein“, sagte der 66-Jährige WELT AM SONNTAG. Löw gewann 2014 mit Deutschland in Brasilien den WM-Titel – und auf dem Weg dahin war der Teamspirit ein großer Trumpf.

Die DFB-Elf von 1990 als Paradebeispiel

Auch andere Weltmeister wie Lothar Matthäus sehen den Teamgeist und die Atmosphäre als zentrale Faktoren. Anfang dieser Woche feierte der Film „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ in einem Münchner Kino Premiere. Er ist Anschauungsmaterial für Nagelsmanns Mannschaft. In Sachen Teamgeist gilt die Elf von 1990 als Paradebeispiel. „Nagelsmann und seine Jungs sollten das verinnerlichen: Um dieses Jahr den Titel zu holen, braucht es vor allem eine echte Einheit“, schreibt „Bild“.

Die Entwicklung der aktuellen Mannschaft findet Löw sehr interessant. „Ich sehe Qualität in dieser Mannschaft – und Spieler mit außergewöhnlichem Talent, wie Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Kai Havertz“, sagte er. Neben vielen jungen Spielern, die technisch gut seien und viel Dynamik sowie Tempo hätten, würde es Spieler geben, „die jetzt in eine Rolle hineinwachsen, in der sie mehr Verantwortung übernehmen müssen, also Spieler, die schon einige Turniere gespielt haben – Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Serge Gnabry, Leon Goretzka oder Leroy Sané. Mit Blick auf ein Turnier ist es wichtig, dass der Mix zwischen Talent und Erfahrung stimmt.“

Allerdings verwies Löw auf den Aspekt, „dass Weltmeisterschaften von Mannschaften mit Persönlichkeiten gewonnen werden, die sich häufig erst bei einem Turnier in den unterschiedlichen Phasen herauskristallisieren. Und Weltmeister wird nicht unbedingt die Mannschaft, die am spektakulärsten Fußball spielt, sondern die mit der größten Stabilität – und was das betrifft, sehe ich bei unserer Mannschaft noch Potenzial, das zu verbessern.“

Eine WM, ergänzte Löw, würde sich nicht in den Wochen des Turniers entscheiden, sondern über viele Jahre zuvor. In Bezug auf den WM-Titel in Brasilien hätte das DFB-Team bereits bei der WM 2010 die ersten Früchte geerntet. „Da hatten wir eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft, der es aber noch an Reife und Stabilität gefehlt hat. Im Kern aber stimmte es. Mit den Rückschlägen über die anschließenden vier Jahre hinweg haben wir uns entsprechend gut entwickelt. Spieler, die oftmals infragegestellt worden waren, waren 2014 die entscheidenden Persönlichkeiten – Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker oder Miroslav Klose. Die sind in Brasilien vorangegangen.“

Wer das vom 11. Juni an bei der WM tun wird, bleibt abzuwarten. Toni Kroos wird es nicht sein. Obwohl für Deutschland bei der EM 2024 bereits im Viertelfinale Schluss war, zeigte er damals aber, wie wichtig Spieler sind, die wie ein Anker funktionieren. Die Generation um Kimmich und Goretzka ist bei dieser WM gefordert. Damit es klappt mit dem Traum von einem Triumph wie 1990 und 2014.

Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft und werden das Team auch bei der WM begleiten.