Nachruf auf Jürgen Habermas: Der gute Geist der Bundesrepublik

Napoleon, so meinte Hegel, sei der „Weltgeist zu Pferde“ gewesen. Mutatis mutandis war und ist Jürgen Habermas der demokratische Geist des westlichen Nachkriegsdeutschlands, eines Deutschlands, das er in Theorie und Praxis so nachhaltig geprägt hat wie kein anderer Philosoph und Intellektueller seiner Zeit.

Sei es, dass er in den späten 1960er-Jahren studentischen Protest und Hochschulreformen – wenn auch nie unkritisch – unterstützte. Sei es, dass er die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule – sie beruhte auf einer Verbindung von (westlichem) Marxismus und Psychoanalyse – durch Übernahme kommunikationstheoretischer Annahmen sowohl entdogmatisierte als auch auf den neuesten Stand gesellschaftskritischer Forschung brachte.

Habermas Lebensleistung kann als Inbegriff kritischer Solidarität sowohl mit kritischen Theorien aller Art als auch Protestbewegungen verschiedenster Herkunft gelesen werden. Schon sein erster Auftritt als Publizist kam einem Donnerschlag gleich. Sein 1953 – er war gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt – in der FAZ erschienener Artikel „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“ erregte Aufsehen. Das war alleine deshalb so, weil es hier ein wahrlich junger Mann wagte, den trotz seines vorherigen NS-Engagements als Meisterdenker verehrten, vierundsechzigjährigen Martin Heidegger – wenn auch in der Sache solidarisch – zu kritisieren.

Dieses Grundmuster der Argumentation zeigte sich auch in seiner Auseinandersetzung mit der klassischen Frankfurter Kritischen Theorie. Die wurde ihm gleichwohl von linken Studenten und Assistenten der Frankfurter Goethe-Universität – etwa Oskar Negts – als Verrat verübelt wurde. Nicht anders als seine Kritik an Aktionsformen der Studentenbewegung, die er als „Linksfaschismus“ bezeichnete.

Allenfalls vergleichbar mit Jean-Paul Sartre

1977 freilich – Bundeskanzler war der rechte Sozialdemokrat Helmut Schmidt – bezog Habermas im Rahmen des sogenannten „Deutschen Herbstes“ Stellung gegen ausufernde polizeistaatliche Maßnahmen der damaligen Bundesregierung: „Als hätte“ – so Habermas in seiner Schrift „Die Nachholende Revolution“ – „die im Schatten des Nationalsozialismus diskreditierte Rechte nur auf den Anlass gewartet, um wieder gegen die Ideen von ‚1789‘ aufzustehen.“

Diese Stellungnahme entsprach Habermas’ Selbstverständnis als öffentlicher Intellektueller, einer Rolle, die allenfalls mit der Jean-Paul Sartres in Frankreich zu vergleichen ist. Und das im Rahmen einer Öffentlichkeit, deren Wandel er mit seinem erstmals 1962 veröffentlichten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ untersucht hatte – ein Thema, das ihn bis in seine letzten Arbeiten im Jahre 2022 mit Blick auf Social Media umgetrieben hat.

Nicht zuletzt ging es ihm aber um eine intellektuelle und auch tatsächliche Versöhnung mit jüdischen Denkern, was sich nicht nur an seinem Briefwechsel mit dem Kabbala-Forscher Gershom Scholem, sondern auch an seiner entschiedenen Stellungnahme im ersten Historikerstreit zwischen dem konservativen Historiker Ernst Nolte und ihm erwies.

Ein letzter Blick zur Religion

So schrieb er schon 1961 in seinem Aufsatz „Der Deutsche Idealismus der jüdischen Philosophen“: „Darum kann es bei unserem Bemühen nicht mehr um Leben und Überleben von Juden gehen, um Einflüsse hin und her; es geht nur noch um uns selbst. Nämlich für das eigene Leben und Überleben ist das jüdische Erbe aus deutschem Geist unentbehrlich geworden.“ Jahre später – man schrieb das Jahr 1986, drei Jahre vor dem Fall der Mauer – stand Habermas gegen viele westdeutsche Historiker, die wähnten, Hitlers Ostfeldzug als Verteidigung gegen den Stalinismus rechtfertigen zu können.

Bekanntlich verstand Hegel in der Entwicklung des Geistes die Philosophie – seine eigene Philosophie – als sich selbst einholenden Höhepunkt. Etwas anders Jürgen Habermas: In seinem späten, 2021 publizierten Werk, der zweibändigen, beinahe 2.000 Seiten langen „Auch eine Geschichte der Philosophie“ beruft sich dieser, eigenem Bekunden nach, „religiös unmusikalische“ Denker auf die Religion.

Sie bleibe, so Habermas, doch „ein Pfahl im Fleisch einer Moderne, die dem Sog zu einem transzendenzlosen Sein nachgibt“. Für die „säkulare Vernunft“ bleibe demnach die Frage offen, ob es „unabgegoltene semantische Gehalte“ gäbe, die noch einer „Übersetzung ‚ins Profane‘ harren.“ Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren verstorben.

Dieser Nachruf stammt von dem Erziehungswissenschaftler, Philosophen und taz-Autoren Micha Brumlik, der im November 2025 verstorben ist.