Nachruf auf Johannes Fried, den großen Mediävisten und Quellenkundler – Kultur

Als Johannes Fried sich 2006 für den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa bedankte, sprach er, passend zur Ehrung, über das Verhältnis von Sprache und Geschichte. Dabei wählte der berühmte Mittelalterhistoriker ein Beispiel aus der Gegenwart, den Fall eines aus Serbien stammenden Frankfurter Schulkinds. Trotz makelloser Deutschkenntnisse scheiterte es an der Aufgabe, eine Frühlingswiese zu beschreiben. Die Lehrer, die die Arbeit mehrfach zurückgaben, begriffen das Problem des Kindes nicht: Es war nie aus der Stadt herausgekommen; es kannte gepflegten „Rasen“ mit Blumenrabatten im Stadtpark, aber es hatte noch nie eine „Wiese“ gesehen. Ihm fehlte Sprache, weil ihm Erfahrung fehlte.