Nach Kurden-Vertriebung: Jetzt hissen IS-Terroristen ihre Flaggen

In diesen Tagen ist jeder Schritt ein Schritt am Rande des Abgrunds. Wenn ich mit Familienmitgliedern spreche, Verwandten oder kurdischen Freunden, und besonders jenen kurdischen Freunden, die noch Verwandte in Aleppo, Kobanê, Hasake haben, höre ich immer dieselben Worte: Angst, Wut, Verzweiflung. Auf die Frage „Wie geht es dir?“, die wir uns trotzdem stellen, aus Gewohnheit oder weil wir an einer Normalität festhalten wollen, die uns längst abhandengekommen ist, haben wir keine Antwort. Niemand hat geschlafen, wir sitzen am Handy, in Kontakt mit Freunden, Verwandten, scrollen durch die Feeds der Social-Media-Kanäle, sehen Bilder, die wir nicht verifizieren können und manchmal doch. Und dann die Nachrichten von vereinbarten Waffenstillständen und Kämpfen, die trotzdem weitergehen.

Golanis Truppen haben in den vergangenen Tagen nicht nur die Kontrolle über die kurdischen Stadtviertel in Aleppo, sondern auch Deir Hafir, Tabqa, Deir Ezzor und Raqqa übernommen. Das Syrische Ministerium für Religiöse Stiftungen forderte in einem Schreiben die Moscheen im ganzen Land dazu auf, die „Eroberungen und Siege“ über die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Osten des Landes zu feiern. Das Schreiben wurde eingeleitet mit der Anfal-Sure, der achten Sure des Korans. Es ist dieselbe Sure, die der Anfal-Operation, der genozidalen Kampagne von Saddam Hussein gegen die Kurden, bei der über 150.000 Kurden ermordet wurden, ihren Namen gab.

Ronya Othmann
Ronya OthmannKat Menschik

In Hasaka wird noch gekämpft, und Kobane steht, während ich diesen Text schreibe, noch unter Belagerung. Die kurdische Stadt, die 2015 vom IS befreit wurde, ist seit fünf Tagen von Wasser, Strom und Internet abgeschnitten. Und mittlerweile hat es noch geschneit. In den wenigen Nachrichten, die über Satellit oder ausländische Netze aus der Stadt dringen, hört man immer wieder, wie groß die Angst vor Massakern ist. In Qamishlo, Tirbespî, Amude jedoch, erzählen mir Menschen, mit denen ich dort in Kontakt bin, sei es noch ruhig. Aber die Sorge um die Zukunft und die Angst um die Menschen in Hasake und Kobanê ließen auch ihnen keine Ruhe.

Viele haben zu den Waffen gegriffen, halten sich nun bereit, um ihre Städte, Dörfer und Straßen zu verteidigen. Sie haben gesehen, was Golanis Truppen den Alawiten an der Küste, den Drusen in Suwaida angetan haben. Sie wissen um die Verbrechen der von der Türkei unterstützten Amshat- und Hamzat-Milizen, der turkmenischen Sultan Murad Division an den Kurden in Afrin. Es sind dieselben Einheiten, die nun Kobanê belagern.

Die freigelassenen IS-Terroristen suchen jubelnd das Weite

Die Kurden stehen in diesen Tagen zusammen, über Länder- und Parteigrenzen hinweg. Und im Grunde spielen diese sich bis vor Kurzem noch feindlich gegenüberstehenden kurdischen Parteien gerade auch keine Rolle. Denn die Islamisten führen keinen Krieg gegen die SDF, sondern gegen die in ihren Augen „ungläubigen“ Kurden. Wenn Golani eines erreicht hat, dann, die ideologisch, politisch und gesellschaftlich sehr heterogenen Kurden zu einen. Und sie ein gutes Stück weiter von Syrien zu entfernen. Unter der syrischen Flagge morden die Islamisten. Dabei hatte die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien, wie schon ihr Name sagt, immer betont, integraler Bestandteil des Landes zu sein. Indem Golani, wie schon Assad, diese Einheit mit brutalster Gewalt erzwingen will, hat er sie wohl nun ganz verloren.

Dort, wo Golanis Truppen erobern, kommen IS-Terroristen aus den Gefängnissen frei. Schließlich verloren die SDF auch die Kontrolle über das Gefangenenlager Al Hol, in dem Zehntausende IS-Anhänger mit ihren Familien inhaftiert waren. Das ist nicht nur eine Gefahr für die Region, sondern auch für Europa. (Die Gewerkschaft der Polizei warnt nun vor der Rückkehr deutscher IS-Kämpfer.) Für die Opfer des IS, die jesidischen Überlebenden, die bis heute für das, was ihnen angetan wurde, keine Gerechtigkeit erfahren haben und die nun mitansehen müssen, wie die Täter jubelnd das Weite suchen, ist es ein Hohn. In Karameh, einem Dorf neben Raqqa, das erst 2017 vom IS befreit wurde, wurde nun wieder die IS-Flagge gehisst.

Sollte Golani die Kontrolle über Nordostsyrien übernehmen, wäre es das Ende von jesidischem Leben in Syrien. Und dieses Ende wäre besiegelt mithilfe der EU und den USA, die diesen islamistischen Terroristen als syrischen Staatspräsidenten mit legitimiert und unterstützt haben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vor zehn Tagen bei ihrem Besuch in Damaskus Golani 620 Millionen Euro Hilfen in Aussicht gestellt. Bundeskanzler Friedrich Merz hat ihn nach Berlin eingeladen und diese Einladung auch nach den Ereignissen der vergangenen Tage nicht zurückgezogen. Während ich diese Kolumne schreibe, ist die Frist des Ultimatums, das Golani der SDF für die Implementierung eines Abkommens gegeben hat, noch nicht beendet. Wenn dieses Ultimatum überhaupt noch gilt. Was gilt und was sein wird, ist heute so ungewiss wie noch nie. Sicher ist nur eins: Mit den Islamisten vor der Tür blicken die Kurden in einen Abgrund.