Am vergangenen Mittwoch starb die siebenunddreißig Jahre alte Renee Nicole Good in ihrem Auto in Minneapolis, nachdem ein ICE-Beamter auf sie geschossen hatte. War das die brutale Tötung einer dreifachen Mutter durch einen schießwütigen Bundesbeamten? Oder war es Notwehr gegen eine radikale Demonstrantin, die ihn mit ihrem Auto überfahren wollte?
Die Algorithmen bestimmen die Videoauswahl
Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, in welchem politischen Lager man verortet ist – und welche der Augenzeugenvideos, mitsamt den Kommentaren selbst ernannter Experten, einem der Algorithmus in Social Media vorsetzt. Das gilt auch drei Tage nach den tödlichen Schüssen. Die Smartphone-Videos, die fast in Echtzeit ins Netz geladen werden, liefern einen Anscheinsbeweis, dem man eigentlich gründlich prüfen müsste. Aber das Gegenteil geschieht. So wird die Tötung von Renee Nicole Good zu einem paradigmatischen Fall.
Die Videos von dem Vorfall begannen kurze nach den Schüssen zu zirkulieren. Zu sehen ist in einem, wie ein Beamter mit gezogener Waffe aus dem Weg eines anrollenden Wagens springt und dabei drei Schüsse abfeuert. In einem anderen Video, aus einer anderen Perspektive aufgenommen, scheint der Beamte seitlich von der Motorhaube des Wagens erfasst zu werden, als das Auto anfährt.
Klar war und ist also angesichts sehr unterschiedlicher Ansichten des Geschehens nichts. Und doch sagte Vizepräsident J.D. Vance am folgenden Tag in einem Pressebriefing: „Man kann hier ja sehen, was geschieht, und es bestreitet niemand, dass diese Frau ihren Wagen als Waffe gegen den Beamten einsetzte.“ Doch, sagte der Moderator Anderson Cooper später auf CNN, „genau das ist heftig umstritten“.
An „Streit“ im Sinne einer kritischen Urteilsfindung hat die Regierung trump jedoch kein Interesse. Sie führt die Parade der Blitzurteilsfinder an. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach eine halbe Stunde nach den Ereignissen in einer improvisierten Pressekonferenz in Texas von einem „Akt des Inlandsterrorismus“ und beschrieb eine Situation, die sich gar nicht zugetragen hatte: Ihre Beamten hätten versucht, ein im Schnee steckengebliebenes Einsatzfahrzeug zu befreien, „als die Frau sie angriff und versuchte, sie mit ihrem Auto zu rammen und zu überfahren“. Donald Trump schrieb zwei Stunden nach dem Tod von Renee Nicole Good mit Verweis auf eines der Videos auf seiner Plattform Truth Social, sie hätte „gewaltsam, willentlich und bösartig den ICE-Beamten überfahren, der sie offenbar in Selbstverteidigung erschoss“. In einer Pressekonferenz etwa zur gleichen Zeit sagte der sichtlich erboste Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, die ICE-Beamten und ihre Vorgesetzten „versuchen bereits, dies als Selbstverteidigung zu verkaufen. Ich habe das Video selbst gesehen, und ich möchte euch allen direkt sagen: Das ist Bullshit. Hier hat ein Beamter seine Macht rücksichtslos eingesetzt, und das führte dazu, dass jemand gestorben ist.“
Nicht nur Frey und Trump hatten „das Video selbst gesehen“. Auf X wähnen sich zahllose Nutzer genau im Bild darüber, was passiert ist. Ein Nutzer schreibt: „Wir haben alle das Video gesehen, wir können sehen, wie sie versucht, auszuweichen, während ICE-Beamte in ihren Wagen einbrechen wollen.“ Ein anderer findet es „kristallklar“, dass sie „versuchte, einen Cop umzubringen und dabei starb. Guckt euch das Video an.“ Ein Dritter schreibt: „Der Beamte, der Renee Good erschoss, ist vor ihren Wagen gerannt und hat zu schießen begonnen. Man kann es in diesem Video sehen und in anderen, die es noch deutlicher zeigen.“ Ein Vierter: „In dem Video kann man deutlich erkennen, dass Renee Nicole Good ihr Auto als Waffe einsetzen und einen anderen Menschen töten wollte. Fakt!“

Auch die Medien stimmten schnell ein. Fox News meinte, Good habe ihren Wagen „in Richtung eines Beamten beschleunigt“ und zitierte einen „Experten“, der befand, der ICE-Beamte habe „absolut vernünftig“ gehandelt. Die „Washington Post“ schrieb: „Das Video zeigt, dass der ICE-Beamte nicht in der Fahrtrichtung des Wagens stand, als er die tödlichen Schüsse abfeuerte.“ Das „Western Journal“ meint: „Aufnahmen aus mehreren Perspektiven bestätigen die Einschätzung des Heimatschutzministeriums“, dass Good in einem „terroristischen Akt“ versucht habe, den Beamten zu töten.
Nur wenige bemühten sich um Zurückhaltung. CNN mahnte zur „nuancierten“ Berichterstattung. Der Medienreporter Brian Stelter sagte, die alte Regel, dass man das glaube, was man sieht, gelte nicht länger. „Jetzt sieht man, was man glaubt“. Die „Free Press“ beklagte, dass zu viele Politiker und Bürokraten „auf jede Tragödie mit der Geschwindigkeit und Logik des Internets“ reagieren, damit die andere Seite nicht als erste die öffentliche Meinung lenkt.
Was hier geschieht, bringt der Podcaster und Unternehmer Jason Calacanis auf den Punkt. „Das ist der traurigste Rorschach-Test, den wir je gesehen haben“, sagt er. Wobei die Menschen hier nicht nur deuten, was sie sehen, sie sind davon überzeugt, dass allein ihre Deutung der Wahrheit entspricht. Der Eindruck bestätigt sich noch einmal in den Reaktionen auf ein weiteres Video von den Schüssen, das offenbar der Schütze selbst aufgenommen hat. Man sieht, wie Renee Nicole Goode aus dem offenen Fenster ihres Wagens zu dem Beamten sagt: „Es ist okay, ich bin nicht sauer auf Sie.“ Wenig später hört man, wie der Beamte „whoa“ ruft. Das Bild verwackelt, es fallen drei Schüsse. Danach sind seine Worte zu hören: „Fucking bitch“. Auch daraus zieht jeder nun den Schluss, der ihm passt.
