So karg wie 1966, so viel steht schon mal fest, wird es jetzt nicht. Und statt der „eher betulichen“ Landesbühne Rhein-Main, die im Frankfurter Volksbildungsheim am Eschenheimer Turm ihre Heimatbühne hatte, ist jetzt das Schauspiel Frankfurt mit seiner Riesenbühne der Spielort für ein Stück Theaterlegende, Theatergeschichte. Als am 8. Juni 1966 Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ uraufgeführt wurde, war das die Geburtsstunde eines neuen Typs Theater, das man später „postdramatisch“ nennen sollte. Es war im Grunde auch die Geburtsstunde des Theaters am Turm, das dann über viele Jahre hinweg die führende Avantgarde-Bühne Deutschlands werden sollte. Nichts mehr von „betulich“, wie Karlheinz Braun in seinem Erinnerungsbuch „Herzstücke“ schreibt. Die „Publikumsbeschimpfung“ war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur.
Im Jahr seines Jubiläums kehrt das Stück nun nach Frankfurt zurück, auf die größte Schauspielbühne weit und breit. Regisseurin Claudia Bauer, die mit dem Stück das Entstehungsjahr teilt, musste keinen Augenblick überlegen, ob sie diesen Text inszenieren will. Oberflächlich betrachtet könnte man sich wundern, denn Bauer hat in Frankfurt zuvor Klaus Manns „Mephisto“ und zwei Adaptionen von Filmen Luis Buñuels, „Der Würgeengel“ und „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ inszeniert.
Wenn man sich mit ihr über das unterhält, was sie an Handkes Theatererfolg begeistert, tritt hervor, wie das zusammenpasst: Das Nachdenken über Konventionen, über das, was das Funktionieren von Kleingruppen und Gesellschaften ausmacht, und darüber, wo es gestört wird, welche Rolle dabei die Sprache spielt und welche all das Drumherum, die Frage nach dem, was hinter der Fassade liegt – das passt ganz prima auch zur „Publikumsbeschimpfung“.

„Ich finde die Auseinandersetzung mit dem Theater und bestimmten Konventionen wahnsinnig spannend“, sagt Bauer. Das klinge vielleicht selbstbezüglich, aber das sei es nicht. „Diese Suchbewegung von Peter Handke danach, was Kommunikation mit einem Auditorium ist, finde ich extrem aktuell. Was ist Kommunikation mit einer Öffentlichkeit? Wie kann es funktionieren? Und wie nicht?“ Der Text habe sie extrem angeregt.
Seelenmassage für das Publikum
„Ich sehe das als politisches Stück“, sagt Bauer – und das ist vor 60 Jahren durchaus auch so gewesen. Nur ist Bauers Blick derjenige der Gegenwart: „Es ist sozusagen eigentlich wie eine Seelenmassage des Publikums oder ein Defibrillator. Es fragt: Seid ihr noch lebendig? Seid ihr noch da? Ich finde diese Aktivierung extrem wichtig. Da geht es nicht darum, irgendwelche Agitationschöre zu singen. Es geht darum, zu sagen: Ihr seid nicht nur Zuschauer, ihr seid Bürger, ihr seid Menschen, ihr müsst euch bewegen.“
In diesem Sinn inszeniert Bauer das Stück: Nicht mit vier männlichen Darstellern wie es Claus Peymann tat, der damit 1966 ebenso seinen Durchbruch hatte wie der damals erst 23 Jahre alte Handke. Sondern mit drei Frauen und vier Männern, mit Livemusik, komponiert von Peer Baierlein, mit viel Gesang und Bewegung, wie es Bauer liegt, die am liebsten die Spartentrennung abschaffen würde, die auf dem Theater herrscht. Und mit einem wirklich üppigen goldenen Vorhang, der erst einmal verschwinden muss, um dem Nichtgeschehen seinen Lauf zu lassen.
„80 Prozent des Stückes beschäftigen sich vor allem mit der Abschaffung des Theaters. Das hat in mir eine große Sehnsucht nach Theater geweckt“, sagt Bauer. Denn wo Handkes Text erst einmal aufruft und benennt, was das Publikum an diesem Abend nicht bekommt, will Bauer es zeigen, das Theater, in der Grundversicherung: „Das Theater ist immer da und kann nicht abgeschafft werden. Es ist nicht abschaffbar“, so die Regisseurin.
„Man kann natürlich die Deko abschaffen, oder man kann das Luxuriöse abschaffen, man kann sehr viel des Theaters abschaffen – aber nicht das Theater an sich.“ Das beweise Handke ja mit diesem Stück. „Aber er zeigt natürlich auch, aus wie viel Komponenten, um nicht zu sagen, aus wie viel Gewerken es besteht: die Bühne, die Kostüme, das Licht, so viele Dinge und Personen.“
Warum es dem Intendanten vor dem Stück grauste
Der kargen Erstaufführung wird also nicht entsprochen, und auch das passt: Denn eigentlich, so erinnert sich Karlheinz Braun, Handkes damaliger Theaterverleger bei Suhrkamp, der spätere Mitgründer des Verlags der Autoren, an die Vorbereitungen, hatten Ensemblemitglieder des Schauspiels das Stück spielen sollen. Sie sagten alle ab. Und Schauspiel-Intendant Harry Buckwitz soll notiert haben: „Mir graust vor diesem Stück.“
Womöglich stand ihm die gespielte Abschaffung des Theaters greller vor Augen als das, was das Stück bewirken könnte. „Es ist ja weniger eine Publikumsbeschimpfung, viel eher eine Aktivierung“, sagt Bauer. „Es geht auch um unser Zuschauersein in dieser Welt, in der ja im Moment sehr viele fragwürdige Personen agieren, und sehr viele Personen, von denen man glaubt, sie müssten handeln, gucken nur zu.“
Eine Aktivierung über Sprache, die ganz nach Bauers Geschmack ist: „Ich finde, die Sprache muss auf der Bühne tanzen. Mich interessiert die Sprache, wenn sie rhythmisch wird, wenn sie körperlich wird, wenn sie aus dem Körper kommt und wieder in den Körper geht. Sprache interessiert mich als sinnliches, als Musikinstrument.“ Deswegen habe sie ja auch die „Ursonate“ von Schwitters oder Jandl inszeniert, wo Sprache nicht nur der Transporteur von Sinn sei. Deswegen sei sie auch kein großer Fan von „well-made plays“ in denen die Leute sich Alltagssprache gegenseitig in den Hals hineinredeten. „Das interessiert mich nicht. Ich finde, Sprache muss auf dem Theater ein neues Gewand bekommen.“
Schaut man sich die Aufzeichnung der „Publikumsbeschimpfung“ von 1966 an, kann man sich vorstellen, wie ungeheuer dieser Sprachbeat Handkes, der erst in der letzten knappen Viertelstunde zu jener titelgebenden Beschimpfung wird, gewirkt hat. Eine Wirkmacht, die Bauer für sich entdeckt. Handke hatte bisher in ihrem Leben keine Rolle gespielt: „Ich kann mich nur erinnern, dass es in meiner Teeniezeit, in der Schultheatergruppe in Landshut, das Gerücht gab, dass es ein Stück gibt, in dem das Publikum beschimpft wird. Und dass dieses Stück auch tatsächlich ‚Publikumsbeschimpfung‘ heißt. Als Teenie fand ich das unglaublich.“
Nun bringt Bauer das unglaubliche Stück auf die Bühne und ist fasziniert vom Theater des jungen, revolutionären Handke. Auch „Kaspar“ will sie noch inszenieren. „Mich interessiert der Zusammenhang zwischen Sprache und Körper sehr“, sagt Bauer. „Ich konzentriere mich auf diesen jungen Rebellen in seiner Suchbewegung nach einem neuen Theater oder nach neuen Kommunikationsformen mit der Welt.“
