
Es war 14.01 Uhr, als am Ostersonntag eine gewisse „Leonie“ mailte. „HRH“, schrieb sie, und natürlich verstand man gleich, dass sie damit „Her Royal Highness Kate Middleton“ meinte, HRH habe im „Easter Matins Service at St. George’s Chapel“ eine schokobraune „Bag“ getragen, die man über diesen und jenen Link gleich kaufen könne. Aber auf den Link klickte man besser nicht. Denn von Leonie hatte man noch nie gehört, und da muss man aufpassen. Und zweitens: Vielleicht trug HRH im „Easter Matins Service“ ja eine ganz andere Bag, zum Beispiel eine blaue, und jemand hat ihr die schokobraune nur ins Bild reinmontiert. Drittens: Muss man eine Bag kaufen, nur weil Williams Frau sie in der Kirche getragen hat?
Kurze Zeit später ging ein Clip auf Social Media viral, der aus dem Nasa-Livestream der Artemis-2-Mondmission stammt (Nasa heißt: National Aeronautics and Space Administration). Darin ist zu sehen, wie in der 55. Minute des Official-Broadcast-Videos der Nasa durch die Orion-Raumkapsel augenscheinlich das Glas einer bekannten Nuss-Nugat-Creme fliegt.
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In Kommentaren wurde gleich gemutmaßt, da sei vielleicht gar kein Glas geflogen. Es sei nur digital reinkopiert, also so wie bei manchen Videos, die Trump gerne teilt. Einige meinten gar, es handele sich hier um eine bezahlte PR-Kampagne eines zuletzt wegen diverser ökologischer Verfehlungen in die Kritik geratenen Nuss-Nugat-Creme-Herstellers. Aber dann zog die Internet-Seite „Futurism“ eine Nasa-Sprecherin hervor, welche versicherte, es handele sich nicht etwa um Produktplatzierung, und das Bordmenü werde auch nicht in Kooperation mit irgendwelchen Marken zusammengestellt. Danach stiegen viele Newsportale dennoch auf die Meldung ein. Auf SZ-Anfragen äußerte sich die Nasa nicht. Auch nicht das Brotaufstrich-Unternehmen. Aber das Nasa Kennedy Space Center scherzte auf X mehrdeutig über „süße Leckereien“.
Kurzzeitig fragte man sich, ob die Wahrheit über das Nuss-Nugat-Glas überhaupt je ans Licht kommen werde. Schon im 19. Jahrhundert hatte es bei Jules Verne und Édouard Manet geheißen, sie seien für die bloße Erwähnung diverser Firmen in Buch und Bild bezahlt worden, beweisen ließ sich das nie. Aber dann meldet sich wegen des Brotaufstrichs doch noch ein Experte vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bei der SZ zurück. „Sollte da wirklich ein Glas mit Nuss-Nugat-Creme durch die Kapsel geflogen sein“, sagte der DLR-Sprecher am Telefon, „so dürfte der Astronaut, der es mitgenommen hat, nie wieder fliegen.“ Denn: „Ein solcher Glaskörper entspricht nicht den international geltenden Sicherheitsvorgaben.“ Zwar habe es schon bezahlte Werbeaktionen auf der Außenwand russischer Trägerraketen gegeben, Cola-Dosen bei der Nasa und eine Espressomaschine auf der Internationalen Raumstation ISS. Doch ein taumelndes Glas mit brauner Creme? „Garantiert nicht!“ Also spielt die Nasa hier ein PR-Spiel mit? War das Glas doch aus Softplastik? Der Sprecher schweigt. Dann sagt er salomonisch: „Bei der Esa zumindest wäre es streng untersagt, für so etwas Werbung zu machen. Das machen europäische Astronauten höchstens mal für eine wohltätige Organisation wie die Unicef.“
Und so bleibt der digitale Mensch mal wieder völlig alleine zurück – mit der Erkenntnis, dass er vorsichtig bleiben muss. Selbst bei Leonie und den Mondumrundern.
