Selbst wer keinen einzigen Song des Albums gehört hat, kennt sein Cover: Das Wort „Brat“ leuchtete monatelang vor giftgrünem Grund in Social-Media-Feeds, Kommentarspalten und Werbebildschirmen auf. Weltweit brannte es sich in die Netzhaut von Millionen von Menschen ein – ob sie es nun wollten oder nicht. „Brat“ wurde für „Memes“ genutzt, große Konzerne versuchten vom Hype zu profitieren und sogar das Team um Kamala Harris bediente sich im Sommer 2024 beim grellen Zeitgeist, um einer schlecht laufenden Präsidentschaftskampagne einen hippen Anstrich zu verleihen.
Wofür „Brat“ (zu Deutsch: „Göre“) dabei eigentlich genau stand, ist nicht ganz greifbar. Wichtiger als der konkrete Inhalt war aber sowieso ein seinem Wesen nach nun mal nicht letztgültig festzumachender „Vibe“, der das sechste Studioalbum der britischen Musikerin Charli XCX umgab. Es ging um eine chaotisch-rotzige Club-Kind-Attitüde, auch eine demonstrative Gleichgültigkeit gegenüber allem Perfektionistischen gehörte sicherlich zum „Brat Summer“ dazu. Die wichtigste Ingredienz aber war: die Ironie.
Da ergibt es auch sehr viel Sinn, dass mit „The Moment“ nun ausgerechnet eine Mockumentary dieses meta-ironische Pop-Momentum ausleuchtet. Im Fokus steht der September 2024, als das Album also bereits drei Monate auf dem Markt war. Im schnelllebigen Trendgeschäft stellt sich da bereits die Frage, wie lange der Hype wohl noch andauern wird.
Solange Geld fließt
Charli XCX, die zu diesem Zeitpunkt zwar seit über einem Jahrzehnt erfolgreich Musik veröffentlicht, nun aber einen beispiellosen Popularitätsschub erlebt, plagen daher Selbstzweifel – wenn auch der Premiumklasse: Kann aus einem „Brat“-Sommer eine ganze „Brat“-Ära werden? Ist es Zeit für ein Post-„Brat“-Rebranding? Oder sollte sie sich vielleicht etwas gänzlich Neuem zuwenden, bevor es noch peinlich wird, in etwa so, als sei man der letzte Gast auf der Party?
Den Goldesel zu Grabe zu tragen, solange noch ein Puls in ihm schlägt, wollen zumindest die, die am aktuellen Erfolg von Charli XCX mitverdienen, tunlichst vermeiden. Allen voran Tammy (Rosanna Arquette), die Chefin des Plattenlabels und ein wandelndes Konzernklischee, interessiert sich kaum für die kreative Vision ihrer Künstlerin, dafür aber umso mehr für lukrative Deals, die sich mit ihr machen lassen.
Da ist schnell die glorreiche Idee geboren, einen Konzertfilm von Charli XCX’ erster Arenatournee zu drehen – ausgerechnet für Amazon, was nicht recht zum rauen Image der Sängerin passen mag. Und dann soll auch noch Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) die kreative Leitung übernehmen, der zwar ein bekannter Name in der Branche ist, allerdings prompt mit Charli XCX’ langjähriger Kollaborateurin (Hailey Benton Gates) aneinandergerät.
Die (vermeintlich) authentische Underground-Atmosphäre und die aggressiven Stroboskopeffekte sollen, zumindest wenn es nach dem bourgeoisen Hipster geht, familienfreundlichem Hochglanz, Glitzer, Glamour und Akrobatikeinlagen weichen.
Ironisierende Imagepflege
„It’s a revisionist history of brat“, sagt Charli XCX übrigens selbst über das, was im Film zu sehen ist. Soll heißen: Die Mockumentary ist ein bewusst verzerrter Rückblick, mehr Spiel mit Überzeichnung, Selbstparodie und wohlkalkuliertem Branchenspott als mit der tatsächlichen Realität. Um dennoch den genretypischen Anschein des Echten herzustellen, wird ausgiebig mit der Handkamera gearbeitet. Wacklige Bilder, hastige Schwenks und abrupte Zooms simulieren Improvisation.
Die permanente Atemlosigkeit des Films kommt vor allem von Sean Price Williams, der als Kameramann schon für die Safdie-Brüder („Good Time“) jenes nervöse Stresslevel kultivierte, für das die Regie-Geschwister heute bekannt sind. Wenn Charli XCX von Promotionsterminen für ihre eigene Kreditkarte weiter zur Kostümprobe hetzt, entsteht so der Eindruck, als sei hier alles spontan entstanden und kaum nachbearbeitet.
Damit wirkt „The Moment“ selbst wie der Spiegel des Hypes, den der Film bebildert: Er verströmt denselben „Vibe“ wie „Brat“ und funktioniert nach derselben Logik, will demonstrativ ungefiltert wirken und ist am Ende eben doch genau geplant. Zumal man bei aller ironischen Brechung nicht aus dem Blick verlieren sollte, dass Regisseur Aidan Zamiri – der bereits zahlreiche Musikvideos für Charli XCX inszenierte – hier letztlich einen wohlkalkulierten Imageclip in Spielfilmlänge vorlegt.
Viel Zeitgeist, wenig Kritik
Charli XCX – beziehungsweise Charlotte Emma Aitchison – spielt diese Version ihrer selbst mit großer Souveränität und bleibt dabei die Künstlerin der Widersprüche, als die sie auch jenseits der Leinwand wahrgenommen wird: Entschlossen genug, um mitten in den Tourvorbereitungen nach Ibiza aufzubrechen, und dann doch empfänglich für jene nagende Angst vor der Bedeutungslosigkeit, die kreative Zugeständnisse im Dienste einer größeren Reichweite auf einmal möglich erscheinen lässt.
Als ein Kniefall der Künstlerin vor der Industrie soll das aber nicht verstanden werden, dafür achtet „The Moment“ gleichsam zu penibel darauf, dass in aller oberflächlichen Kritik am Ausverkauf der Popwelt auch die Andersartigkeit dieser Künstlerin betont wird. Sie ist eben auch nicht unfehlbar, so der gewünschte Tenor.
„The Moment“:
17. 2., 16 Uhr, Uber Eats Music Hall
Die Frage, wen dieses Lavieren außerhalb der Fangemeinde interessieren soll, liegt natürlich nahe. „The Moment“ ist weder entlarvende Abrechnung noch unkritische Huldigung. Letztlich funktioniert der Film am besten, wenn man ihn selbst als Pop-Artefakt versteht – als ein kurzweiliges Stück über den Zeitgeist, der mit Authentizität kokettiert und doch immer auf ironischer Distanz bleibt. Und der lebt bekanntlich weiter, auch wenn der „Brat Summer“ längst vorbei ist.
